Es ist ein Schicksal, dass sich keiner vorstellen will oder auch kann: das Augenlicht verlieren. Wie soll es anschließend weitergehen, im Alltag wie auch bei der Arbeit? Saliya Kahawatte beschloss, seinen Traum einer Hotelausbildung dennoch fortzusetzen. Mit teils ungewöhnlichen Mitteln. Der Film Mein Blind Date mit dem Leben verlegt die Geschichte zwar von Hamburg nach München, basiert ansonsten aber über weite Strecken auf den tatsächlichen Ereignissen. Im Januar lief die Komödie im Kino an und wurde mit rund 800.000 Zuschauern zu einem Überraschungshit, am 27. Juni 2017 erscheint der Film auf DVD und Blu-ray. Wir hatten die Gelegenheit, uns mit Kostja Ullmann, der Saliya verkörpert, und Jacob Matschenz als Saliyas Kollege zu einem kleinen Interview zu treffen und über die persönlichen Erfahrungen auszuquetschen.

Was hat euch an Mein Blind Date mit dem Leben gereizt?
Kostja: Die Frage wäre hier mehr, was mich nicht gereizt hat. Alles hat mich irgendwie gereizt. Als mir das Drehbuch geschickt wurde, kannte ich schon die Story und hatte das irgendwie im Hinterkopf. Einem Menschen, der wirklich Unglaubliches geschafft hat, gerecht zu werden, das war für mich eine gigantische Herausforderung. Aber die wollte ich eingehen und hatte auch großen Spaß dran.

Jacob: Ich bin wie die Jungfrau zum Kinde gekommen. Kostja und ich kannten uns ja schon vorher und hatten zusammen Grossstadtklein gedreht. Und mit ihm zu arbeiten, ist immer ein großer Spaß. Das würde ich für jeden Film immer machen, egal worum es geht. Hier kam dann aber noch die unglaubliche Geschichte dazu, wo man denkt: „Ja, aber wie? Wie macht er das?“ Das ist der Teil, der mich gereizt hat. Außerdem ist da natürlich Marc Rothemund. Ein fantastischer Regisseur, mit dem es spannend ist, zusammen zu arbeiten.

Und kanntest du die Geschichte vorher?
Jacob: Nee, kannte ich gar nicht. Das ist wohl auch so eine Hamburger Geschichte. Insofern wundert es mich nicht, dass du den kennst.

Kostja: Das lief ja überall. Aber obwohl ich die Geschichte noch im Hinterkopf hatte, dachte ich beim Drehbuchlesen auch die ganze Zeit: „Das kann doch gar nicht wahr sein. Das kann man gar nicht alles schaffen.“ Jeder, der in der Gastronomie bzw. der Hotellerie arbeitet, weiß, was das für ein harter Job ist. Und sowas fast blind zu machen, das ist schon heftig. Und spätestens in der Szene, wo wir mit dem Bike den Berg runterfahren, dachte ich mir: „Jetzt hört es aber auf. Das glaube ich nun wirklich nicht mehr.“ Aber man muss nur bei YouTube nachkucken, es gibt wirklich diese Verrückten, die ohne etwas zu sehen einen Berg runterfahren. Und das zeigt ja auch der Film: Wenn man nur hart genug trainiert und ein solches Wagnis mal eingeht, ist vieles im Leben möglich.

Dabei gibt es aber sicher Grenzen …
Jacob: Das auf jeden Fall. Ich glaube, dass nicht jeder dafür gemacht ist. Wenn ich blind würde, dann würde ich glaub ich erst einmal heulen. Die Kraft erstmal zu haben, sich aus diesem Schlamassel herauszuziehen. Und dann auch noch den Ehrgeiz zu haben, etwas derart Krasses zu machen wie Sali. Unsere ganze Welt ist ja visuell ausgelegt. Da bist du ohne Augen erst einmal völlig aufgeschmissen. Und dann trotzdem dein Ding so durchzuziehen, da musst du echt Bumms haben.

Kostja: Das stimmt. Ich bin ja eigentlich jemand, der denkt, dass alles im Leben immer seinen Sinn hat, und versucht, aus dem Negativen etwas herauszuziehen, warum das jetzt so sein könnte. Aber ich glaube auch nicht, dass ich so schnell den Mut gefasst hätte, weiterzumachen. Klar war da sein Vater, der da mitreingespielt hat und dem er immer wieder beweisen musste, dass er es trotzdem noch drauf hat, auch wenn er jetzt fast nichts mehr sehen kann. Ich hätte da aber wahrscheinlich sehr viel länger gebraucht, um mit mir klarzukommen und wieder Mut zu fassen. Und sich dann auch noch so einer Riesenherausforderung zu stellen. Wir beide durften ja so einen Crashkurs in der Hotellerie machen.

Jacob: Und da drehst du schon als Sehender komplett durch.

Kostja: Genau, das ist Stresspotenzial hoch drei. Und sich das zuzumuten, wenn man fast nichts sehen kann. Sali meinte am Anfang auch, das ist einfach nur ein bisschen Kellnern und Gläser abräumen. Und nach einem Tag merkte er dann, dass das doch nicht so einfach ist. Aber da hatte die Party schon angefangen, wie er immer sagt. Also ist er geblieben und hat weitergemacht.

Wer nicht sehen kann, muss fühlen: Saliya Kahawatte (Kostja Ullmann) musste sich viele Kniffe einfallen lassen, um trotz Blindheit seine Hotelausbildung zu absolvieren

Hast du während des Film eng mit ihm zusammengearbeitet?
Kostja: Vor allem vor dem Film. Wir hatten sehr viel Vorbereitungszeit, auch weil der Film einmal nach hinten geschoben wurde. Das war mir ganz recht, weil ich dadurch mehr Zeit hatte, mich mit Sali zu beschäftigen und mit dem Ganzen auseinanderzusetzen. Wir haben uns dann intensiv zwei Monate vor Drehbeginn regelmäßig getroffen. Ich hab ihn begleitet bei seinem Alltag, bin mit ihm durch die Stadt gelaufen, habe ihn mit Fragen durchlöchert. Und er hat sich tollerweise, und dafür bin ich ihm sehr denkbar, mir gegenüber komplett geöffnet. Er hat viel von damals erzählt, was so seine Riesenhindernisse im Leben waren, aber auch wie er sie bewältigt hat. Das war natürlich wahnsinnig toll und spannend und für mich die beste Vorbereitung, wie ich sie mir hätte wünschen können.

Macht es das einfacher oder schwerer, wenn man eine reale Persönlichkeit spielt?
Kostja: Für mich zumindest ist es verdammt viel schwerer gewesen. Vor allem da er noch lebt und alles kontrollieren kann. Dass er am Ende stolz auf das Projekt ist, das war schon nicht ohne. Außerdem war es natürlich eine Herausforderung, jemanden zu spielen, der fast blind ist, dabei aber vorgaukelt, er könnte doch noch etwas sehen. Das so richtig hinzubekommen, das hat auch nur deswegen so geklappt, weil ich Sali hatte und weil ich so tolle Schauspieler um mich herum hatte. Und Rothemund, der ein großartiger Regisseur ist. Ihm war es dann auch wichtig, das alles rüberzubringen und genau zu arbeiten. Da war schon viel Vorbereitung auf allen Seiten nötig.

Jacob: Ja, aber auch dein Spiel und deine Vorbereitung. Das wollen wir jetzt mal nicht vergessen. Er ist wirklich durchs Set gestapft und hat sich bei den Proben immer diese Linsen ins Auge gepackt, mit denen er nichts sehen konnte. Die Joggerszene hat er zum Beispiel komplett mit Linsen gespielt. Oder auch bei den Proben so eine Brille, die das mit den zehn Prozent Sicht simuliert. Sich da so reinzuwerfen. Kostja spielt ja jemanden, der blind ist, der gleichzeitig jemanden spielt, der sieht. Das waren ja mehrere Ebenen, die da zusammenkommen. Und das hat er schon fein gemacht. So, das wollte ich jetzt einmal gesagt haben.

Kostja: Danke dir! Das war ja das Tolle und das Spannende, dass ich diese Linsen hatte und mich so in Salis Welt begeben konnte. Ich durfte die nicht den ganzen Tag drin haben, das wäre zu gefährlich gewesen. Aber für diesen Moment bist du komplett aufgeschmissen und hilflos. Das hat Sali sicher auch gefühlt. Trotzdem musste er allen zeigen, dass er es drauf hat und es überspielen. Durch diese Linsen konnte ich mich besser herantasten.

Joggen ohne zu sehen? Keine leichte Aufgabe. Kostja hat es im Film trotzdem getan …

Hast du das auch außerhalb des Drehs mit dem Nichtsehen ausprobiert?
Kostja: Das war vor allem in der Vorbereitung. Zu allererst habe ich das in der eigenen Wohnung ausprobiert, weil ich dachte, da kenn ich mich aus. Denkste. Ich bin natürlich gleich mal gegen die Wand gelaufen. Manchmal mache ich das mit dem Nichtsehen auch heute noch, weil Sali mir auch immer sagt: „Benutz mal deine anderen Sinne.“ Wenn ich an so großen Orten bin, zum Beispiel am Hauptbahnhof oder am Flughafen, dann starre ich vor mich und versuche meine Augen ein bisschen auszublenden. Und das ist wahnsinnig spannend. Du hörst dann auf einmal in diesem Geräuschemischmasch, wie die einzelnen Koffer über den Asphalt rattern. Du kannst dann richtig Geräusche aussortieren, was wir sonst mit den Augen ja auch machen. Und Sali kann das noch sehr viel besser, als wir es alle können, weil er viele Jahre trainiert hat.

Was wäre für dich persönlich schlimmer, blind oder taub zu sein?
Kostja: Ich weiß es nicht, ehrlich nicht. Ich finde für den Moment erst mal beides schlimm. Ich bin auch ein großer Musikliebhaber. Und das würde ich wahnsinnig vermissen. Aber wirklich beantworten kann ich diese Frage auf Anhieb nicht.

Jacob: Blind oder taub? Dann nehme ich „oder“. Nicht? Na gut. Also, wenn du mir die Pistole auf die Brust setzt, würde ich sagen: lieber blind. Ich laufe ja ständig mit Kopfhörern umher, wie du gerade siehst. Außerdem ist mir ist die Kommunikation mit anderen Menschen wahnsinnig wichtig und da läuft ja wahnsinnig viel über die Stimme. Wie ist jemand drauf? Ist das jetzt ironisch? Die vielen Witze, die nur durch den Tonfall funktionieren. Andere Sprachen. Das würde ich schon sehr vermissen. Ich würde aber auf beides ungern verzichten.

Nehmen wir an, ihr würdet wirklich euer Augenlicht verlieren. Was würdet ihr hier am meisten vermissen?
Kostja: Die seltenen HSV-Siege zu sehen! Nee, im Ernst: Familie und Freunde. Das wäre schon schade, die nicht mehr zu sehen. Oder wenn so ein Enkelkind hinzukommt, das man nicht sehen könnte, das wäre schon sehr bitter.

Und bei dir?
Jacob: Klar ist das Naheliegendste, dass du die Menschen nicht mehr sehen kannst, die du liebst. Aber die sind ja immer noch in deinem Leben. Die nimmst du ja trotzdem noch wahr. Aber auch wenn es kitschig ist, sowas wie ein Sonnenuntergang, das würde mir fehlen. Oder Ausstellungen. Kürzlich war ich in einer zu Hieronimus Bosch. Sich die alten Meister anzukucken und darin aufzugehen. Ich hab in Hamburg auch so ein Theaterstück zu Rothko gehabt. Der malt ja darüber, dass du dich in den Bildern verlierst und dass die sich bewegen. Das fällt dann alles natürlich weg. Die Gesichter von Menschen kannst du natürlich ertasten, sowas aber nicht. Macht Sali das eigentlich?

Kostja: Gesichter anfassen? Nein, die meisten kennt er jetzt eh schon. Und bei den neuen macht er es eigentlich nicht. Dadurch dass er noch so ein Restsehvermögen von drei Prozent hat, kann er sich mit der Lupe dann schon noch die Bilder im Internet ansehen. Und das macht er auch. Er weiß zum Beispiel, wie du aussiehst.

Jacob: Ach was?

Kostja: Ja, Scheiße, nicht? Aber im Ernst, es ist dann einfach so, dass andere Sachen für dich wichtiger werden. Für uns ist es zum Beispiel ganz toll, sich Kunst anzukucken. Sali hat andere Sachen, die ihn glücklich machen.

Worin dürfen wir euch denn als nächstes sehen? Welche Projekte stehen an?
Jacob: Hier muss ich dann mal aussetzen. Ich bin überfordert mit der Frage. Ich weiß gar nicht, was bei mir als nächstes kommt.

Kostja: Bei mir kommt im April ein Film namens Happy Burnout mit Wotan Wilke Möhring und Anke Engelke in die Kinos. Eine sehr schöne und süße Komödie von André Erkau. Dann dreh ich jetzt mit Anna Maria Mühe wieder zusammen tollerweise, in Kapstadt. Auch eine sehr schöne und emotionale Geschichte. Leider wollte Jacob da nicht mitmachen.

Jacob: Ja, Jacob macht lieber so ne Low-Budget-Kunstscheiße. Ach, siehste, da fällt mir doch noch etwas ein: Ich spiel Theater. Bei den Ruhrspielen. Nennt sich „Schlaraffenland“. Im September wird das in den Kammerspielen in Hamburg gezeigt. Da dürft ihr dann gern alle vorbeikommen. Und bei Mein Blind Date mit dem Leben sowieso. Das ist das wichtigste. Der läuft auch bestimmt noch bis Juli. Mindestens.

Kostja Ullmann/Jacob Matschenz [Interview]
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