(„Thunderbirds“, 1965/66)

Alles hat einmal ein Ende, auch unser fortlaufendes Animationsspecial. Bevor wir nächste Woche unser Langzeitprojekt abschließen, widmen wir uns in Teil 149 einem Ehepaar, das vor fünf Jahrzehnten Serien schuf, die einmalig waren. Und es in vielerlei Hinsicht heute noch sind.

Existenzielle Sorgen hat Jeff Tracy eher nicht. Der einstige Astronaut ist inzwischen schwerreich, führt ein absolutes Luxusleben. Aber das reicht nicht. Da muss doch noch mehr mit dem Geld anzufangen sein. Und so gründet der Witwer zusammen mit seinen Söhnen die streng geheime Organisation International Rescue. Dank modernster Technik, allen voran die fünf Fahrzeuge namens „Thunderbirds“, eilen sie auf der ganzen Welt Leuten zu Hilfe, wenn sie gebraucht werden. Und das passiert recht häufig: Ob Naturkatastrophe oder Fahrlässigkeit, immer wieder geraten die Menschen in Not. Und dann wäre da noch der mysteriöse Hood, der um jeden Preis an die Technologien von International Rescue gelangen möchte, um daraus Profit zu schlagen.

Die 60er Jahre waren für viele so etwas wie das goldene Zeitalter der Marionettenkunst, als eine Reihe von Künstlern zeigte, dass diese Form der Puppenanimation mehr als Kasperletheater ist. Mehr als Einmannshows mit simplen Geschichten und ohne jedes Dekor. Während sich in Deutschland die Augsburger Puppenkiste einen Namen machte, sorgten von England aus Gerry und Sylvia Anderson für Furore. Acht Serien produzierte das Ehepaar innerhalb eines Jahrzehnts, die allesamt auf der Supermarionation-Technik basierten. Die bekannteste davon war sicher Thunderbirds, die von 1965/66 erstmals ausgestrahlt wurde und bis heute Kultstatus genießt – wie man an dem Reboot Thunderbirds Are Go und dem Brettspiel zum 50. Jubiläum sehen konnte.

Die Faszination der Serie war aber weniger in dem formelhaften Inhalt begründet. Das waren typische Sci-Fi- bzw. Abenteuergeschichten, wie man sie in den 60ern eben erzählte. Am ehesten ist es noch die Kombination aus Weltenretten und Familiensaga, die Thunderbirds etwas herausstechen lässt. Bonanza soll eine der Inspirationen für Andersen gewesen sein, als er die Serie konzipierte. Die andere war das „Wunder von Lengede“, in dem einige eingeschlossene Minenarbeiter spektakulär gerettet wurden – Rettungsaktionen, wie sie auch die Tracys gern angingen. Das wurde noch mit so manchem kuriosen Einfall angereichert, gerade bei der Ausrüstung der Familie. Und dem augenzwinkernden Umgang mit Klischees: Lady Penelope Creighton-Ward, eine von Sylvia Anderson selbst gesprochene englische Adlige, die in ihrer Freizeit als Agentin für International Rescue unterwegs ist. Und das stilecht mit Rolls Royce und Butler.

Man kann hier also schon seinen Spaß haben, bei dieser Mischung aus Ernsthaftigkeit und haarsträubenden Ereignissen. Rettungen in letzter Sekunde und Helden, die alles dafür tun, dass sie keiner erkennt. Aber der Spaß wäre nicht halb so groß, wenn nicht eben besagte Puppen zum Einsatz kämen. Ein bisschen seltsam sehen sie schon aus mit ihren etwas zu groß geratenen Köpfen. Gruselig sogar. Auch wenn sie dank Technik tatsächlich Lippen bewegen konnten, Augen ohnehin, ihr körperliches Bewegungsrepertoire ebenfalls erstaunlich groß war, sie wirkten immer wie Wesen aus einer anderen Welt. Vertraut und fremd in einem.

Dabei hatte man sich mit einer bemerkenswerten Liebe zum Detail bemüht, alles um sie herum so realistisch wie möglich werden zu lassen. Schweißperlen und Blut auf den Puppen, Schneestürme, Explosionen, die Inneneinrichtung des Luxusanwesens, Nachrichtensendungen in den Mini-Fernsehern – wohin man auch blickt, Thunderbirds strotzt vor visuellen Leckerbissen. Selbst die Fäden an den Puppen sind recht unauffällig, zumindest im Vergleich zu den Augsburgern. Und was die Einsatzorte angeht, da gab es ohnehin kein Halten: Mal waren die Familienmitglieder unter Wasser unterwegs, entdecken in der Wüste geheime Pyramiden, zwischendurch darf es auch rauf ins All gehen. Wer praktische Effekte zu schätzen weiß, dem wird auch 50 Jahre später teilweise der Mund offen stehen bei dem Einfallsreichtum und der technischen Kleinstarbeit, die hier geleistet wurde. Dass damals pro Tag nur etwa zwei Minuten gedreht werden konnten, ja, das nimmt man dem Ergebnis durchaus ab.

Ob die heutige Jugend dieses handgemachte Flair noch zu schätzen weiß, ist fraglich. Vor allem die Actionszenen geben nicht mehr viel her, wie bei so vielen Produktionen aus der Zeit. Ein Wunder ist es daher nicht, wenn das aktuelle Remake auf Computergrafiken setzt. Schade aber schon. Denn auch wenn Thunderbirds Are Go moderner ist, der spezielle Reiz des Originals ging bei der Übersetzung verloren. Und dieser ist es wert, entdeckt zu werden. Selbst wer die Serie seinerzeit nicht gesehen hat, ohne jegliche nostalgische Vorbildung an die Sache geht, bekommt hier etwas zu sehen, was sonst kaum einer fertiggebracht hat, zumindest in dieser Perfektion.

Thunderbirds
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Thunderbirds
Eine im Geheimen operierende Familie versucht die Menschen mithilfe von viel Technik zu retten. Das ist inhaltlich trotz einiger kurioser Einfälle typisches 60er-Jahre-Material. Zu einer Besonderheit wurde „Thunderbirds“ aber durch den Einsatz von Puppen, die auch dank der detaillierten Umgebung gleichzeitig lebensecht und seltsam wirkten.
8von 10

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