(„Dancer“ directed by Steven Cantor, 2016)

„Dancer – Bad Boy of Ballet“ ist seit 3. Februar 2017 auf DVD erhältlich

Es gibt sicher so einige modische Accessoires, die einem zu Balletttänzern einfallen, von Strumpfhosen über Schläppchen bis hin zu Tutus. Tattoos jedoch, die bringt man mit dieser besonderen Form des Tanzes normalerweise nicht in Verbindung. Aber bei Sergei Polunin läuft ja vieles nicht ganz normal. Bad Boy of Ballet lautet etwas reißerisch der deutsche Untertitel der Dokumentation, welche dem ukrainischen Künstler ein filmisches Denkmal setzt. Und um diesem auch gerecht zu werden, wird keines der finsteren Themen ausgespart, mit denen Polunin in Verbindung gebracht wird: sein Hang zu Drogen, die exzessiven Partys, das unberechenbare Element in seinen Auftritten.

So richtig in die Tiefe geht Steven Cantor dabei jedoch nicht. Die Tattoos tauchen immer mal wieder auf, etwas wenn sie von Maskenbildner mühselig überpinselt werden müssen. Wichtiger war für den amerikanischen Regisseur, der bereits einen Emmy einheimsen durfte und mal für einen Kurzfilm-Oscar nominiert wurde, aber andere Punkte. Vor allem ein Thema zieht sich durch die kompletten 80 Minuten: Was bin ich bereit für die Kunst zu opfern?

Im Spielfilmbereich wird das gern immer mal wieder zur Sprache gebracht, zuletzt allen voran von Damien Chazelle in seinen beiden cineastischen Überfliegern Whiplash und La La Land. Bemerkenswert bei Dancer jedoch ist, dass der Dokumentarfilm nicht nur das Leben des Künstlers selbst beleuchtet, sondern vor allem auch das seines Umfeldes. Denn seine ganze Familie musste große Opfer bringen, um den Traum zu erfüllen: Der Vater ging nach Portugal, um für die Schulgebühren des Sohnes zu arbeiten. Mit der Folge, dass er diesen mehrere Jahre nicht sehen konnte. Auch die Oma musste des Geldes wegen das Land verlassen, Griechenland lautete das Ziel. Nach und nach verzichtete so jeder auf etwas, bis am Ende alles auseinanderbrach. Anders ausgedrückt: Je heller der Stern des Wunderkindes während seines traumhaften Aufstiegs leuchtete, umso finsterer wurde es für die anderen.

War es das aber wert? Cantor verzichtet darauf, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Sicher, sobald der gebürtige Ukraine loslegt, in einer ebenso graziösen wie kraftvollen Mischung über die Bühnen dieser Welt wirbelt, dann ist das ein beeindruckender Anblick. Einen Menschen, der so offensichtlich wie er zum tanzen bestimmt ist, nicht auf die Bühne zu schubsen, das wirkt dann fast schon fahrlässig. Nur dass Dancer diese Szenen mit den anderen alternieren lässt. Denen mit seiner Familie, die nichts mehr vom Sohn und Enkelsohn hatten. Am Ende nicht einmal von sich selbst: Der Dokumentarfilm zeigt recht ungeschminkt anhand der auseinanderbrechenden Familie die Schattenseite des Künstlerlebens.

Ansonsten geht Cantor mit nur wenig Ambitionen ans Werk. Dancer – Bad Boy of Ballet besteht ganz klassisch aus einer Aneinanderreihung von Interviews, Archivaufnahmen und sonstigen Filmszenen, die chronologisch angeordnet sind. Größere Experimente lässt er aus, verlässt sich stattdessen auf die Wirkung seines berühmten Protagonisten. Die verfehlt der Dokumentarfilm dann auch nicht, wenngleich die Arbeit mit den Superlativen und Zeitungsüberschriften manchmal wie ein Werbefilm anmuten. Ein richtiger Blick hinter die Kulissen bleibt aus, für ein echtes Porträt ist das hier zu oberflächlich. Fans des Balletttänzers dürfen ihrem Idol jedoch zumindest ein bisschen näherkommen, der Rest teilhaben an einem Märchen, von dem man gar nicht so genau sagen kann, ob es gut oder böse endete.

Dancer – Bad Boy of Ballet
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Dancer – Bad Boy of Ballet
„Dancer – Bad Boy of Ballet“ setzt dem Ausnahmetänzer Sergei Polunin ein filmisches Denkmal, dem zwar teilweise mehr Tiefgang gut getan hätte, das dafür aber die Schattenseiten des Ruhms aufzeigt: Der Dokumentarfilm handelt gleichzeitig vom Aufstieg seines Protagonisten wie vom Zerfall der Familie.
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