(„The Model“ directed by Mads Matthiesen, 2016)

the-modelEmma (Maria Palm), eine junge Dänin, träumt davon, Model zu werden. In ihrem Heimatdorf wird sie dafür ausgelacht, ihre Erscheinung mit den dünnen Armen und Beinen gar als grotesk angesehen. Als sie in Kopenhagen von einem Model-Scout entdeckt wird und kurz darauf für ein Fotoshooting nach Paris reist, droht sich ihr Traum allerdings schnell als Alptraum zu entpuppen. Sie kommt zu spät und kann den Fotografen Shane White (Ed Skrein) nicht überzeugen, weshalb sie vom Set geschmissen wird und der Traum ausgeträumt scheint. Später in einem Nachtclub trifft sie ihn erneut und es fällt ihr nicht schwer, ihn zu verführen; bald darauf bekommt sie wieder neue Engagements.

Emma ist ein selbstgerechtes Mädchen, das andauernd Dinge tut, die sie nicht tun will, ohne hinterher Verantwortung dafür zu übernehmen. Sie schläft mit jedem Mann, der Einfluss in der Modewelt hat, um sich bessere Shootings zu verschaffen. Hinterher gefällt es ihr aber nicht, dass sie es getan hat. Wenn The Model zeigen will, wie gnadenlos das Fashionbusiness ist, hat er sein Thema verfehlt. Denn wir sehen ein junges Model, das alles freiwillig macht. Nie ist Zwang im Spiel, nie wird gedroht „wenn du das nicht machst, kriegst du keine Aufträge mehr“. Sie betrügt Frederik – ihren Freund, der in Dänemark geblieben ist – mit Shane. Und als ersterer sie überraschend besucht, lässt sie sich von Shane (dem sie sagte, sie hätte keinen Freund) vor seinen Augen küssen.

Als ihr Drogen angeboten werden, sagt sie zwar, dass sie keine nimmt, greift dann aber sofort zu, als es heißt, die seien nicht so stark. Danach hat sie einvernehmlichen Sex im Pool mit dem Mann, von dem sie die kleine Pille nahm. Tags darauf sitzt sie aber verstimmt bei Shane im Bett, plötzlich war das alles gegen ihren Willen. Shane sucht daraufhin den Mann auf und schlägt ihn K.O. Als Shane sie schließlich verlässt, erfindet sie eine Schwangerschaft und erzählt ihm, sie sei erst 16 statt wie bisher angenommen 18. Emma ist manipulativ und vielleicht sogar psychisch krank.

The Model ist nicht der erste Film, der an einem irreführenden Marketing leidet. Prominentestes Beispiel dürfte The Village sein, der als Creature Feature vermarktet wurde und als solches durchfiel, wobei er doch ein gutes Period Piece ist. The Model will gar nicht zeigen, wie hart die Modewelt ist, was Presse- und DVD-Cover-Text aber leider suggerieren. Stattdessen ist es eine kluge Charakterstudie einer starken und interessanten Figur. Nun ist Emma aber leider eine Frau, weswegen sich die Marketingabteilung wohl dazu veranlasst sah, sie als passives Opfer zu verkaufen und nicht als einen vielschichtigen Charakter mit Schwächen. Objektiv betrachtet darf das natürlich nicht in die Bewertung eines Filmes einfließen, doch eine einmal aufgebaute Erwartungshaltung lässt sich nicht einfach ignorieren. Für mich jedenfalls resultiert es bei der Wertung im Abzug eines Punktes. Man darf es als mahnendes Beispiel dafür nehmen, nur mehr unvorbereitet an einen Film heranzugehen.

Emma ist aber auch ein armes Mädchen, das sich selbst im Weg steht und es nicht geschafft hat, eine großartige Chance wahrzunehmen. Sie trägt an allem selbst die Schuld, bis sie am Ende von ihrem Vermieter vergewaltigt wird, eine Person, die überhaupt nichts mit der Modewelt zu tun hat. Das ist das einzige Mal, dass sie sich wehrt, dass sie erkennbar nicht möchte, was passiert, und dass sie nicht die Initiative ergreift und das einzige Mal, dass man unbestreitbar auf ihrer Seite stehen muss.

Emma ist auch der einzig wirklich ausgearbeitete Charakter im Film. Shane ist einigermaßen gut charakterisiert, der Rest bleibt farblos. Was normalerweise ein Problem darstellen würde, ist hier ein sehr guter Kniff. Immerhin ist Emma lediglich auf ihren eigenen Vorteil bedacht und interessiert sich abgesehen von ihr selbst nur noch für Shane. Verkörpert wird sie von Maria Palm, einem wirklichen Model. Diese Besetzung verleiht dem Film eine gewisse Authentizität, denn nicht nur bewegt sich Palm sozusagen in ihrer natürlichen Umgebung, sondern spielt auch so als hätte sie bereits 50 Credits als Schauspielerin, und nicht erst einen von vor 20 Jahren.



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The Model
4.29 (85.71%) 14 Artikel bewerten

The Model
"The Model" ist ein hervorragend gespieltes und gut inszeniertes Drama, dessen Marketingabteilung nicht wahrhaben möchte, dass seine Protagonistin für fast alles was ihr passiert, selbst verantwortlich ist und sie zu einem Opfer der Modewelt hochstilisiert. Das ist insbesondere deshalb schade, da Emma ein exzellent geschriebener Charakter ist, der dadurch herabgewürdigt wird.
6von 10

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2 Responses

  1. Stefanie Toth

    Das sehe ich nicht so!!!

    Für mich ist Emma das Opfer. Sie wird als Model entdeckt, aber ihr erster Job ist total sexistisch. Sie muss sich fast ganz ausziehen und mit einem fremden Typen sexistische Fotos machen. Als sie nicht richtig mitmacht, verliert der Fotograf das Interesse an ihr. Das war wohl die erste Lektion. Ich finde es gut, dass sie sie ihn dann verführt, um so ihre Karriere zu retten. Das ist doch genau das, was er von ihr wollte. Auch ihr alter Freund setzt sich einfach über sie hinweg, als sie meint, sie möchte nicht, dass er sie besucht. Sie wusste schon, auch in welcher Lage sie sich befand, versucht diesem sogar noch auszuweichen. Natürlich ist alles freiweillig, auch bei diesem Sebastian oder bei dem Vermieter. Aber was ist, wenn sie nicht mitmacht. Verliert sie dann ihre Wohnung, der Vermieter hatte sie schon zuvor immer beim Duschen beobachtet, verliert sie dann ihre Karriere, dieser Sebastian hat doch wohl auch voll manipuliert, indem er ihr das erst schmackhaft macht und sie dann ins Bad bestellt. Der Photograph sagt ihr nicht einmal, dass er eine Tochter hat oder in welchem Beziehungsverhältnis er sonst steht, z. B. ob er verheiratet ist.

    Emma war total naiv, konnte sich nicht behaupten, auch bei diesen ganzen indirekten Manipulationen, vertraut zu sehr, auch ihrer Zimmergenossin, diesen ganzen indirekten Lügen und Schauspielerei. Am Ende haben sie alle nur benutzt, ihr Jugendfreund, ihre Zimmergenossin, um an den Photographen zu kommen, der Vermieter, der Mananger, der Photograph und diese ganzen anderen Typen in dieser Mode-Welt wegen ihrem Aussehen.

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    • Stefanie Toth

      Am besten finde ich, dass man am Ende dann zu ihr noch sagt, sie soll Therapie machen, es ginge ihr nicht so gut, nachdem man sie von vorne bis hinten und ihre Schönheit ausgenutzt hat.

      Ich glaube, wo man sie wirklch glücklich sieht, ist, als man sie alleine joggen sieht und wie sie mit dem Zeitungsverkäufer spricht. Denn er ist der einzige, der sie wirklich selbstlos für ihren Erfolg und ihre Schönheit lobt, u. a. indem er ihr dann einfach die Mode-Zeitschrift schenkt.

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