(„Desire Will Set You Free“ directed by Yony Leyser, 2015)

Desire Will Set You Free

„Desire Will Set You Free“ läuft ab 5. Mai im Kino

Einen Rebellen wolle er, sagt Ezra (Yony Leyser), als er wieder einmal mit seinen Freunden herumhängt, über Gott und die Welt philosophiert und währenddessen auch Drogen und Alkohol nicht abgeneigt ist. Einer, der zu seinem freien Lebensstil passt. Am Ende ist es aber doch der junge russische Stricher Sasha (Tim-Fabian Hoffmann), den er eines Nachts in einer Bar entdeckt und für den fortan sein Herz schlägt. Der ist zwar nicht annähernd so Feuer und Flamme wie sein Bewunderer, lässt sich aber von ihm in das nächtliche Berlin einführen. Je mehr Sasha davon mitbekommt, je mehr er von den alternativen Lebensstilen der Schwulen- und Transgenderszenen mitbekommt, umso stärker muss er sich Gefühle eingestehen, die er lange unterdrückt hat.

Ja, man merkt Desire Will Set You Free an, dass er autobiografisch gefärbt ist. Wo Homosexuelle normalerweise nur für Nebenrollen gut sind oder in LGBT-Filmen oft mit ihrem Coming-out hadern und dabei schreckliche Dramen durchleben, ist Regisseur und Drehbuchautor Yony Leyser, der hier auch noch eine Hauptrolle übernimmt, deutlich entspannter. „Anything goes“ lautet das Motto einer etwas anderen Welt, die er hier ans Tageslicht zerrt. Grenzen gibt es keine, nicht beim Feiern, nicht beim Sex, nicht bei Rauschmitteln. Und auch nicht bei der Identität.

Die Suche nach Letzterer ist natürlich ein Dauerbrenner im queeren Kino, Leyser wählt jedoch einen etwas anderen Zugang zu dem Thema. Anstatt sich auf die Beziehung von Ezra und Sasha zu konzentrieren, ist die eher beiläufig, taucht immer mal wieder auf, während wir durch die Straßen, Bars und Clubs von Berlin gespült werden. Sie taucht aber auch immer wieder ab. Stellenweise ist nicht einmal sicher, worum es eigentlich in Desire Will Set You Free gehen soll. Das Schicksal der beiden Protagonisten? Oder ist der Film als Porträt eines etwas anderen Berlins gemeint?

Das erinnert an Lose Your Head, in dem sich ebenfalls ein nichtdeutscher Schwuler durch das Nachtleben treiben lässt, sucht und findet, such und verliert. Nur dass Desire Will Set You Free weniger hypnotisch ist, mehr Kater als Rausch. Aber auch das ist nicht ohne Faszination, wenn während der Streifzüge Orte der Schwulenszene aufgesucht werden, die man so normalerweise nicht zu sehen bekommt. Orte, in den grotesk aufgetakelte Menschen auf ältere Arbeitslose treffen, man sich und das Leben feiern will, am Ende doch aber oft nur auf das eigene Bierglas am Tresen starrt. Auch wenn Leyser das Geschehen immer mal ironisch bricht, es ist meistens eher traurig und einsam, weniger lustvoll und komisch. Die Suche nach sich selbst, sie ist ebenso wie der Freiheitswille zu einer Maske erstarrt, hinter der oft nichts mehr zu sein scheint.

Das ist in seiner ungeschminkten Hässlichkeit ein authentischer Blick auf eine kleine Parallelgesellschaft, die nach völlig anderen Regeln funktioniert. Bewegend ist Desire Will Set You Free jedoch nicht, da der Film vor lauter Dekor seine Figuren vergisst. Während Sasha im Zuge seines Selbstfindungstrips immerhin eine Entwicklung durchmacht, bleibt der Rest relativ nichtssagend – Ezra eingeschlossen. Er sei als Autor erfolgreich, heißt es in der offiziellen Zusammenfassung des Films, irgendwann wird das auch in der Geschichte mal erwähnt. Aber das bleibt mitten im Raum stehen, über seine Zuneigung zu Sasha hinaus ist von ihm als Mensch nichts zu spüren. Dass viele Szenen ohne einen echten Zusammenhang bleiben und die Dialoge, vielleicht auch durch den ständigen Wechsel von Deutsch und Englisch bedingt, nur Bruchstücke, hilft auch nicht unbedingt dabei, den Charakteren Leben einzuhauchen. Aber auch wenn Desire Will Set You Free als Drama eher unbefriedigend ausfällt, ist es doch ein erfrischend anderer Zugang zum Thema der sexuellen Selbstfindung, der nicht nur für die LGBT-Zielgruppe ein Blick wert ist.



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Desire Will Set You Free
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Desire Will Set You Free
„Desire Will Set You Free“ ist gleichzeitig das Porträt zweier Schuler auf der Suche nach Identität und eines des nächtlichen Berlins. Während Letzterer durch seinen ungeschminkten Blick auf eine queere Parallelwelt fasziniert, bleiben die Figuren und Dialoge ohne genügend Tiefgang.
6von 10

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