(„Concussion“ directed by Peter Landesman, 2015)

Erschuetternde Wahrheit

„Erschütternde Wahrheit“ läuft ab 18. Februar im Kino

Die USA zu Beginn der Jahrtausendwende: Dr. Bennet Omalu (Will Smith) arbeitet als forensischer Pathologe in Pittsburgh. Eines Tages hat er eine ganz besondere Person auf seinem Obduktionstisch liegen. Michael „Iron Mike“ Webster (David Morse), ehemaliger Footballspieler und Legende der Pittsburgh Steelers, ist allem Anschein nach einem Herzinfarkt zum Opfer gefallen. Doch vor seinem Tod klagte er regelmäßig über unerträgliche Schmerzen, die er als Folge seiner Sportlerkarriere sieht. Während der Obduktion fallen Omalu am Gehirn seines Patienten einige Unregelmäßigkeiten auf. Genauer gesagt entdeckt er eine neurale Degeneration, die normalerweise bei Alzheimer-Patienten zu finden ist. Nach weiteren Todesfällen ehemaliger Footballspieler scheint sich ein Muster abzuzeichnen. Die Vorsichtsmaßnahmen in der US-amerikanischen-Football-Profiliga müssten sofort verschärft werden, um zukünftige Spieler vor dieser Krankheit zu schützen. Die NFL verschwendet jedoch keinen Gedanken an derartige Änderungen und tut auch alles dafür, dass die Öffentlichkeit nichts von Omalus Forschungsergebnissen erfährt.

Bei uns in Deutschland wird der American Football immer gerne mit der Fußball-Bundesliga verglichen. Auf den ersten Blick ist dies auch durchaus nachvollziehbar. In beiden Ländern ist es die Sportart Nummer 1, die sich auch international immer größerer Beliebtheit erfreut.  Auf den zweiten Blick jedoch fangen diese Parallelen deutlich an zu bröckeln. Denn in den USA sind die Sonntage zwischen September und Februar geradezu Feiertage. Die Zuschauer verfolgen die Spiele nicht nur, sie zelebrieren sie regelrecht. Und für einen dortigen Fan ist der eigene Verein nicht nur ein Team, dem man die Daumen drückt, es ist viel mehr ein Lebensinhalt. Über diese bedingungslose Hingabe zum Sport lässt sich natürlich streiten. Aber wenn man sich einen Film zu diesem Thema ansieht, ist dieses Wissen unabdinglich. Denn auch wenn der Football bei Erschütternde Wahrheit nicht im Mittelpunkt steht, so ist es doch hilfreich zu verstehen, mit welch einer Leidenschaft die Amerikaner ihr persönliches Heiligtum verfolgen (um dies während des Film noch einmal deutlich zu machen wird auch ein Vergleich getroffen, der sich zwar absurd anhört, in Wahrheit aber umso treffender ist).

Auf dem deutschen Markt wird Erschütternde Wahrheit wohl eher wenig Zuschauer verbuchen können, denn auch wenn sich der American Football und die NFL in Deutschland gerade über einen rasanten Zuschaueranstieg freuen dürfen, so sind Filme über US-Sportarten bei uns noch nie sonderlich erfolgreich gelaufen. Hinzu kommt aber auch, dass der zweite Film von Regisseur Peter Landesman nicht gerade sehenswert geworden ist. Das beste, was er zu bieten hat, sind seine Darsteller. Die Nebendarsteller rund um Alec Baldwin, David Morse und Gugu Mbatha-Raw machen ihren Job ganz gut und holen aus den mittelmäßigen Figuren das raus, was möglich ist. Einer überstrahlt sie jedoch alle, nämlich Will Smith (und das nicht nur weil er die Hauptrolle spielt). Schauspielerisch bietet er nicht die beste Leistung seiner Karriere, das dürfte wohl feststehen. Sie ist jedoch umso höher einzustufen, wenn man sich ansieht, mit welchem Material er arbeiten musste. Die Figur des Dr. Bennet Omalu ist nämlich eine recht oberflächlich geschriebene Figur ohne Fehl und Makel. Sie stellt sich mutig gegen ein milliardenschweres Unternehmen und will nur das richtige tun, egal was für Konsequenzen dies für ihn bedeutet. Nicht gerade einfach, so eine Figur interessant darzustellen, doch Smith schafft es. Immerhin etwas, was man diesem Film zugute halten kann.

Kommen wir nun zu einem der wichtigsten Aspekte eines Dramas, dem Drehbuch. Über die schlecht ausgearbeiteten Charaktere habe ich ja bereits geschrieben. Doch auch der Rest ist mehr als ernüchternd. Die Grundgeschichte ist eine, die viele Zuschauer anspricht. Es ist das David-gegen-Goliath-Prinzip. Ein kleiner Mann, der sich gegen ein scheinbar übermächtiges System, beziehungsweise Unternehmen stellt. Die Idee ist bei weitem nicht neu, genauso wenig wie die narrative Umsetzung. Das ständige Schwarz-Weiß-Denken mit Hinsicht auf die Rollenverteilung in Gut und Böse wird nach einiger Zeit nicht nur langweilend, sondern auch störend. Am liebsten würde man nach drei Vierteln des Films aufstehen und rufen: „Ich weiß jetzt, wer hier die Guten und wer die Bösen sind, ihr müsst es mir nicht noch einmal verdeutlichen.“ Es gibt jedoch nicht nur auf der erzählerischen Seite Schwächen, sondern auch auf der dramaturgischen. Einen wirklichen Höhepunkt, geschweige denn einen Spannungsaufbau, gibt es nicht. So ist Erschütternde Wahrheit am Ende für den Zuschauer ein trockener, zäher und eindeutig zu lang geratener Film.

Erschütternde Wahrheit
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Erschütternde Wahrheit
"Erschütternde Wahrheit" ist dank Will Smith kein Totalausfall geworden. Doch vor allem aufgrund des schwachen Drehbuchs ist der Film langatmig und mit zunehmender Spieldauer immer schwerer zu ertragen.
5von 10

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