(„Colonia“ directed by Florian Gallenberger, 2015)

Colonia Dignidad

„Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ läuft ab 18. Februar im Kino

Falsche Zeit, falscher Ort: Der junge deutsche Fotograf Daniel (Daniel Brühl) engagiert sich 1973 in Chile für den amtierenden Präsidenten Salvador Allende, als General Augusto Pinochet gewaltsam die Macht ergreift. Politische Gegner werden auf der Stelle verhaftet, wenn nicht sogar erschossen. Auch Daniel ist den Behörden ein Dorn im Auge und wird deshalb in die Colonia Dignidad gebracht, eine von dem deutschen Prediger Paul Schäfer (Michael Nyqvist) gegründete Sekte. Wer dort landet, kommt nie wieder heraus – so muss Daniels Freundin Lena (Emma Watson) erfahren. Also gibt sie sich selbst als fromme Gläubige aus und schleust sich in die abgeschottete Gemeinschaft ein, um auf diese Weise den verschleppten Daniel zu befreien.

Gedemütigt, missbraucht, gefoltert – was sich nach außen hin als wohlmeinende, gottesfürchtige Gemeinschaft präsentierte, als Gegenentwurf zu einer lasterhaften, selbstbezogenen Außenwelt, war in Wirklichkeit eine nur bedingt religiös motivierte Schreckensherrschaft. Die Colonia Dignidad gab es wirklich, wurde 1961 von dem deutschen Schäfer gegründet, war eng mit dem chilenischen Militär verbandelt und konnte so mehr als 30 Jahre ungestört Menschenrechtsverletzungen nachgehen.

Brisant ist das Thema also allemal, sogar schockierend, welches sich der deutsche Regisseur und Koautor Florian Gallenberger hier ausgesucht hat. Und als Schocker war der Film dann auch beabsichtigt: Immer wieder zeigt er uns Szenen der Gewalt, der Willkür, einer brutalen Diktatur, welche im Schutzmantel der Frömmigkeit die Anhänger systematisch zerstörte. Zu einer lustvollen Folterorgie à la Saw lässt sich Gallenberger zwar nicht herab, einige der Abscheulichkeiten sind nur angedeutet, geschehen abseits der Kameras. Aber es reicht zumindest, um einen kleinen Einblick in die menschenverachtenden Vorkommnisse zu geben. An den Leistungen von Nyqvist als selbstgerechtem Schäfer und von Richenda Carey, welche hier eine sadistisch veranlagte Schwester spielt, lässt sich ebenfalls nicht wirklich etwas aussetzen. Zudem stimmt die Ausstattung, Kostüme und Musik lassen einen schnell vergessen, dass wir uns im Jahr 2016 befinden.

Inhaltlich ist Colonia Dignidad dafür eine ziemliche Enttäuschung. Schon, dass wir über die Kolonie selbst so wenig erfahren, darüber wie sie entstanden ist und funktioniert, ist angesichts der spannenden historischen Begebenheit eine verpasste Chance. Schäfer als Person bleibt ein Mysterium, was ihn antreibt unausgesprochen. Das ließe sich alles noch wohlwollend begründen, schließlich lernen wir die Einrichtung durch Daniel und Lena kennen und fürchten – und beide hatten zuvor nie etwas von ihr gehört, sind also ebenso wenig vorbereitet. Aber auch die Protagonisten bleiben hier sehr blass. Was ist die Geschichte des deutschen Fotografen und der britischen Flugbegleiterin? Wer sind sie? Wie sind sie ein Paar geworden? All das spielt keine Rolle, die behauptete, weniger gefühlte Romanze ist nur ein Vorwand, um aus dem Stoff einen personenbezogenen Thriller zu machen.

Dass ein solcher Film Identifikationsfiguren braucht, ist nachzuvollziehen, schließlich wollte Gallenberger trotz historischer Bezüge keinen Dokumentarfilm drehen. Wenn sie am Ende aber so nichtssagend sind wie hier, hält sich der Mehrwert dann doch in Grenzen. Und die Glaubwürdigkeit auch: Die unbescholtenen Normalmenschen werden hier zu Ersatzspionen, die es allein und ohne größere Probleme mit allen anderen aufnehmen. Dass Colonia Dignidad schon sehr auf „Zufälligkeiten“ vertraut und sich zum Schluss auch nicht für eine haarsträubende Fluchtaktion zu schade ist, lässt die europäische Koproduktion endgültig auf billiges B-Movie-Niveau abstürzen, welche dem wichtigen Thema eine unnötig reißerische Note gibt und damit kaum gerecht wird.

Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück
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Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück
Basierend auf wahren Tatsachen gibt „Colonia Dignidad“ einen Einblick in die erschreckenden Vorkommnisse der gleichnamigen Sekte in Chile. Während Ausstattung und der Schockfaktor stimmen, ist der Rest größtenteils missglückt: Die Figuren sind blass, der Film unglaubwürdig und wird später zu einem reißerischen Thriller auf B-Movie-Niveau.
4von 10

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