(„Alice in Wonderland“ directed by Maury Holland, 1954)

So richtig versteht Alice (Robin Morgan) ja nicht, wie sie in dieses seltsame Land gekommen ist und was diese ganzen Leute von ihr wollen. Jeder scheint hier irgendwie verrückt zu sein. Vielleicht auch sie selbst. So genau weiß sie das aber nicht, schließlich hat sie schon mehrfach ihre Größe geändert und kann nun nicht mehr sagen, wer sie denn noch ist. Dass die Tiere, der sie begegnet, nur in Rätseln sprechen, hilft ihr da auch nicht viel weiter.

Da dachte man schon, die 1949er Stop-Motion-Musical-Fassung von Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ hätte die kurioseste Rahmenhandlung aller Adaptionen – der Inhalt des Buches wird mit dessen Entstehungsgeschichte verknüpft –, da stolpert man plötzlich über eine Version, die fünf Jahre später fürs amerikanische Fernsehen produziert wurde. Dürfte das Kraft Television Theatre hierzulande eher weniger Leuten etwas sagen, erfreute sich die Reihe daheim doch einer großen Beliebtheit: Mehrere hundert Episoden wurden zwischen 1947 und 1958 produziert, viele namhafte Darsteller wie James Dean, Grace Kelly und Paul Newman traten dort auf, um bei Originalproduktionen oder eben Adaptionen mitzumachen.

Alice in Wonderland entstammt jedoch nicht der Hauptreihe, sondern einer zweiten, die verwirrenderweise genauso hieß und deren vorrangiges Ziel es war, den Käse von Kraft zu verkaufen. Das Nahrungsmittel Käse wohlgemerkt. Zweimal wird die Sendung deshalb auch unterbrochen, um diverse Produkte an den Mann und die Frau zu bringen. Noch kurioser ist aber, dass es gar nicht so sehr Alice ist, die hier im Mittelpunkt steht, als vielmehr der Bauchredner Edgar Bergen, der die Geschichte seiner Puppe erzählt, gleichzeitig mit ihr aber auch Teil des Wunderlands ist. Zwischen ihm und Alice gibt es zwar keine große Interaktion, mit den Bewohnern des Wunderlandes aber schon, diskutiert mit ihnen oder kommentiert das Geschehen.

Lässt man diese Sonderlichkeiten einmal außen vor, ist Alice in Wonderland jedoch keine übermäßig beglückende Fassung des Klassikers, die wie so oft Elemente des Buches mit dem seines Nachfolgers „Alice hinter den Spiegeln“ kombiniert. Da die Sendung live aufgezeichnet wurde, waren die technischen Möglichkeiten beschränkt, allzu viele Spezialeffekte gibt es nicht. Stattdessen dürfen die Darsteller durch sehr einfache Kulissen laufen und billige Kostüme tragen. Hübsch ist das nicht, manchmal sogar eine ziemliche Zumutung, so schrecklich sieht das aus. Im Gegensatz zu der ersten Tonfassung von 1931, die ebenfalls mit starken Budgetproblemen zu kämpfen hatte, durften bei Kraft aber wenigstens richtige Schauspieler auftreten, die auch wirklich wissen, was sie tun.

Das kommt vor allem den brillant-absurden Dialogen zugute, die bei dem Vorfahren nicht einmal unfreiwillig komisch waren. So ist die Szene mit der herablassenden, griesgrämigen Raupe einer der Höhepunkte der knapp 60-minütigen Sendung, auch Robin Morgan als Alice erledigt ihre Aufgabe gut. Witzig ist zudem, dass man die Rolle der groben Herzogin mit einem Mann besetzt hat, was ganz gut in die groteske Szenerie passt. Wirklich empfehlenswert ist die Fassung aber trotz allem nicht, vor allem geht ihr das Fantasievolle der Vorlage ab – hier sieht man zu jeder Zeit, dass man sich in einem Fernsehstudio aufhält. Da der komplette Film auf YouTube erhältlich ist, man also keine DVD kaufen muss (die es ohnehin nicht gibt), kann man hier durchaus mal kurz reinschauen, um die Neugierde zu befriedigen. Wer jedoch einfach eine „gute“ Adaption will, der sollte woanders weitersuchen.

Alice in Wonderland (1954)
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Alice in Wonderland (1954)
Die TV-Live-Fassung des Kinderbuchklassikers lässt das Fantastische der Vorlage vermissen, auch wegen der sehr billigen Ausstattung. Dafür ist „Alice in Wonderland“ gut besetzt und seines kuriosen Rahmens wegen zumindest einen kurzen Blick wert.
5von 10

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