(„Vorsicht vor Leuten“ directed by Arne Feldhusen, 2015)

Vorsicht vor LeutenManche Leute haben so ziemlich alles im Leben: Erfolg, Geld, Ruhm, Macht, eine glückliche Familie, vielleicht sogar gutes Aussehen. Lorenz Brahmkamp (Charly Hübner) ist keiner von diesen Leuten. Seine Frau Katrin (Lina Beckmann) ist davon genervt, wie wenig Lorenz im Leben auf die Reihe bekommt, wie wenig Eigeninitiative er zeigt, wie sehr alles auf Routine hinausläuft. Und just nachdem sie ausgezogen ist, muss der Unglückspinsel erfahren, dass ihm der Rauswurf beim Baudezernat droht. Eine letzte Chance auf seine Stelle und indirekt die Rettung seiner Ehe gibt es jedoch: Der Millionär Alexander Schönleben (Michael Maertens) plant den Bau eines Megaparks, und Lorenz soll bei dem Projekt involviert werden.

Es gibt viele Gründe, warum man zu einer Lüge greifen kann. Weil es Spaß macht zum Beispiel. Um Ärger aus dem Weg zu gehen. Manchmal auch, weil man sich auf diese Weise einen Vorteil verschaffen kann. Lorenz kennt diese Situationen, hat die Mechanismen der Lüge so sehr verinnerlicht, dass sie fast schon ein Zwang ist, seine erste Reaktion auf alles und jeden, dem er begegnet. Aber er ist eben nicht der Draufgänger, der sich damit die ganze Welt zu eigen macht, sondern der kleine Mann, unscheinbar, vielleicht auch ein bisschen lächerlich. Einer dessen ständige Ausflüchte einen im wahren Leben in den Wahnsinn treiben würden, als unbeteiligter Zuschauer aufgrund ihrer so offensichtlichen Absurdität aber Spaß machen.

Das ist das eine Element, das den Unterhaltungsfaktor von Vorsicht vor Leuten bestimmt, das andere liegt im Kontrast der beiden Protagonisten begründet: Auf der einen Seite haben wir einen unbedeutenden Sachbearbeiter, ihm gegenüber steht ein kraftstrotzender Self-Made-Millionär. Da prallen zwei Welten aufeinander, die glitzernde High Society teilt sich den Tisch mit einem Mann, der schon daran scheitert, eine Duschwand einzubauen. Und doch eint die beiden so unterschiedlichen Figuren, dass sie eben beide ein besonderes Verhältnis zur Wahrheit haben, ein unbedarfter Notlügenamateur mit einem ausgebufften Hochstapler zusammenarbeiten muss – was dann teilweise wie ein klassischer Buddy Movie anmutet, ergänzt um die immer beliebte David-gegen-Goliath-Komponente.

Einen Film über die verschiedenen Spielarten des Lügens haben Regisseur Arne Feldhasen und Drehbuchautor Ralf Hausmann, auf dessen gleichnamigen Roman Vorsicht von Leuten basiert hier gedreht, ohne aber je wirklich zu einer Aussage zu gelangen. Die Kombination kennt man bereits von der Kultserie Stromberg, Feldhusen hat zudem mit Die Tatortreiniger das Fernsehen deutlich bereichert. Ganz so einflussreich wird das Duo mit dem Fernsehfilm sicher nicht sein, dafür sind weder Thema noch Machart neu oder ungewöhnlich genug. Und ein bisschen sehr brav ist die Komödie auch, das überaus schwarzhumorige oder satirische Potenzial wird hier kaum genutzt.

Unterhaltsam ist das Ergebnis aber schon, gerade auch der glänzenden Besetzung wegen: Hübner gibt den Kleinstadtbeamten, der lernt, auf der großen Bühne zu betrügen, eine Symbolfigur für die Korrumpierbarkeit, die in uns allen schlummert. Und Maertens als sonnengebräunter Schmalztollenwirbelwind erinnert uns daran, wie sehr der Schein dem Sein vorweggeht, eine Karikatur auf all die Windbeutel, die aufgrund ihres Redetalents an vorderster Front stehen, ohne dass man genau nachvollziehen kann warum. Natürlich schaut man Vorsicht vor Leuten dann auch, um zu erfahren, wie weit das noch gehen wird, ob Lorenz seine Katrin zurückbekommt, ob Schönleben seine gerechte Strafe erhält, wer sich hier wem wie annähert. Und bis es so weit ist, darf man über diverse absurde Szenen, eigenartige Dialoge und komische Gedichte lachen sowie die Erkenntnis mitnehmen, dass die richtige Situation vorausgesetzt wird doch alle kleine – oder große – Lügner sind.



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Vorsicht vor Leuten
Wenn ein kleiner Lügner und ein großer Lügner aufeinandertreffen, kann das ja nur schiefgehen. Den Zuschauer wird das aufgrund der so unterschiedlichen und glänzend besetzten Protagonisten sowie der absurden Situationen freuen, auch wenn die Hochstaplerkomödie am Ende doch etwas brav und formelhaft ist.
6von 10

Über den Autor

Chefredakteur

Habe schon als Kind mit großen Augen im Kino gesessen und Märchenfiguren, Sternenkrieger und andere Gestalten bewundert. Seit 2008 schreibe ich als freier Journalist über Kulturthemen, 2015 habe ich die Leitung der Seite übernommen. Sehe inzwischen rund 1000 Filme und Serien jedes Jahr und habe dadurch eine Vorliebe für die leiseren, ungewöhnlichen Geschichten entwickelt, die im Getöse gerne untergehen.

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