(„The Book of Life“ directed by Jorge Gutierrez, 2014)

Manolo und das Buch des Lebens

„Manolo und das Buch des Lebens“ läuft ab 12. Februar im Kino

Sie sind beste Freunde, seit Kindheitstagen schon, und doch völlig unterschiedlich: Während Joaquin davon träumt, ein ebenso großer Krieger wie sein legendärer Vater zu werden, hat Manolo nur wenig für die Familientradition übrig. Sein Papa, dessen Papa, eigentlich jeder aus dem Sánchez-Clan war ein gefeierter Stierkämpfer. Aber der Jüngste hält nicht viel vom dem Töten von Tieren, wäre viel lieber Musiker – zum Entsetzen seiner Verwandten. Eines jedoch eint die beiden, ihre Liebe zu Maria. Doch wen von beiden wird die Schöne erwählen? Diese Frage beschäftigt nicht nur die zwei Jungen, sondern auch die beiden Herrscher der Unterwelt La Muerte und Xibalba. Und so schließen diese eine Wette ab, wer am Ende das Rennen macht, dessen Ausgang nicht nur das Leben des Trios, sondern auch die gesamte Unterwelt betreffen wird.

Höher, schneller, weiter – in den bald 20 Jahren seit Toy Story, dem ersten rein am Computer erstellten Kinofilm, hat sich viel getan. Durch den Vorsprung der Technik sind 3D-Animationsfilme längst die Norm, auch kleinere Studios können problemlos Geschichten mit Hilfe des Rechners erzählen. Doch so schön es ist, wenn eine Darstellungsform nicht länger das Privileg einiger weniger ist, inzwischen wird sie schon sehr inflationär gebraucht. Jede Woche kommt gefühlt mindestens ein neues Beispiel in die Kinos oder erscheint auf DVD, manchmal sogar mehrere. Kleine Ermüdungserscheinungen sind da vorprogrammiert, zumal die meisten der Filme inhaltlich sehr auf ein bestimmtes Zielpublikum zurechtgeschneidert wurden und auch die Optik meist sehr austauschbar ist.

Dass das auch ganz anders geht, beweist Jorge Gutierrez bei Manolo und das Buch des Lebens. Schon mit seiner Nickolodeon-Serie El Tigre: Die Abenteuer des Manny Rivera durfte sich der Mexikaner reichlich Lob von Publikum und Kritikern abholen, hier gibt er sein Langfilmdebüt als Regisseur und Ko-Autor. Inhaltlich geht er sicher keine völlig neuen Wege, die an „Romeo und Julia“ angelehnte Liebesgeschichte kommt einem schon sehr bekannt vor, große Überraschungen oder ungewöhnliche Charaktere findet man hier zu keiner Zeit. Auch beim Humor wird nicht unbedingt auf Originalität gesetzt, stattdessen verlässt man sich auf eine Mischung aus Slapstick und lustiger Figuren. Für die jüngere Zielgruppe reicht das, doch auch als Erwachsener wird man hier des Öfteren schmunzeln, wenn nicht sogar lachen. Dazu gibt es eine äußerst lebensbejahende, pädagogisch wertvolle Moral, die ebenso wenig neu ist, die man aber nicht oft genug wiederholen kann.

Richtig interessant wird der Wettstreit um die Angebetete jedoch erst durch die Kombination mit dem „Tag der Toten“, einem der wichtigsten Feiertage Mexikos. In Deutschland eher unvorstellbar ist das Gedenken der Verstorbenen in Mittelamerika nicht von stiller und trüber Anteilnahme geprägt, sondern ein rauschendes und farbenfrohes Fest. Das Leben und der Tod, bei Manolo sind das zwei Seiten derselben Medaille. Allzu tief tauchen wir zwar nicht in die Folklore des Landes ein, aber zumindest doch so sehr, dass das in einem Animationsfilm ungewohnte Umfeld für viel frischen Wind sorgt.

Der eigentlich Grund, sich Manolo einmal anschauen zu können – als Animationfan sogar zu müssen – ist dabei ohnehin nicht der Inhalt, sondern die Verpackung. Schon die Figuren haben so gar nichts mit dem Einerlei vergleichbarer Filme zu schaffen. Vielmehr wurden sie Puppen nachempfunden, haben groteske Proportionen und deutlich sichtbare Scharniere an den Gelenken. Mehr noch, das Material sieht tatsächlich wie Holz aus, womit der oft unansehnliche Plastik-Look von Render-Figuren vermieden wird. Spätestens aber, wenn wir ins Land der Toten hinabtauchen, klappt der Unterkiefer nach unten, mit staunenden Augen erkunden wir eine faszinierende und pulsierende Welt, deren Mischung aus Morbidität und Farbenfreude positive Erinnerungen an The Nightmare Before Christmas weckt.

Musikalisch zieht der mexikanische Nachkomme im Vergleich zum Klassiker eindeutig den Kürzeren.  Hin und wieder werden Mariachi-Klänge eingebaut, ansonsten herrscht auch am Tag der Toten der Pop mit eiserner Hand. An manchen Stellen ist das lustig, wenn bekannte Lieder in absurden Kontexten gesungen werden, insgesamt ist der Soundtrack jedoch eher langweilig. Die Chance, sich auch hier durch folkloristische Elemente von der großen Konkurrenz abzuheben, wurde geradezu fahrlässig ignoriert. Verbesserungsmöglichkeiten gibt es also, wenn es tatsächlich zu der angedachten Trilogie kommen sollte. Und doch ist der nach Free Birds zweite Animationsfilm der amerikanischen Reel FX Animation Studios ein wunderschönes Beispiel dafür, dass auch innerhalb schnöder Rechner Magie zu finden ist – wenn man nur richtig sucht.

Manolo und das Buch des Lebens
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Manolo und das Buch des Lebens
Welcher der beiden Jungen wird das Herz der schönen Maria gewinnen? Es braucht nicht viel Fantasie, um das Ende zu erraten, die Grundgeschichte von „Manolo und das Buch des Lebens“ ist wenig überraschend und zielgruppengerecht einfach gehalten. Doch das ungewohnte Setting, der gelungene Humor, vor allem aber die wunderschöne, fantasievolle Optik machen den Animationsfilm auch für Erwachsene zu einer lohnenswerten Erfahrung.
8von 10

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