45 Minuten bis Ramallah

45 Minuten bis Ramallah

(„45 Minutes to Ramallah“ directed by Ali Samadi Ahadi, 2013)

45 Minuten bis RamallahWas macht man nicht alles für die liebe Familie! Rafik (Karim Saleh) etwa nimmt den langen Weg von seiner neuen Wahlheimat Hamburg nach Jerusalem auf, nur um seinem Bruder Jamal (Navid Akhavan) zur Hochzeit zu gratulieren. Ja, schön, die Entscheidung könnte auch minimal dadurch erleichtert worden sein, dass er kurz zuvor gefeuert wurde und jetzt ohne Geld auf der Straße steht. Und bei der Wahl zwischen den Angehörigen und der Armut, haben erstere gewonnen. Außerdem ist es ja schön, die Verwandtschaft wiederzusehen, auch wenn das Verhältnis zum Bruder, vor allem aber zum Vater empfindlich gestört ist.

Als der dann – mitten auf der Hochzeit – während eines Streits das Zeitliche segnet. Nun stehen die beiden verzankten Geschwister vor der schwierigen Aufgabe, den Leichnam nach Ramallah zu schmuggeln, um das Familienoberhaupt in dessen Heimat zu begraben. Schon beim ersten Checkpoint droht Mission Papstransport zu scheitern. Doch das wahre Chaos, das beginnt erst, als sie tatsächlich dort angekommen sind.

Wenn man bedenkt, wie oft der Konflikt zwischen Palästinenser und Israelis in den Mittelpunkt der Weltpolitik gerückt wird, hält sich das filmische Interesse daran dann doch schwer in Grenzen. Während die schwarze Komödie Das Schwein von Gaza 2012 immerhin noch ein Achtungserfolg wurde, fiel das Drama Zaytoun – Geborene Feinde – Echte Freunde letzten Herbst komplett an den Kinokassen durch, 45 Minuten bis Ramallah ging es kurz darauf nicht viel besser. Dabei hat Letzterer deutlich mehr zu bieten, als einem die miesen Einspielergebnisse glauben machen wollen.45 Minuten bis Ramallah Szene 1

Wie ein Zwitter der beiden Filme oben wirkt das neueste Werk des iranisch-deutschen Regisseurs Ali Samadi Ahadi (Salami Aleikum, Pettersson und Findus – Kleiner Quälgeist, große Freundschaft). Ähnlich zu Zaytoun steht hier im Mittelpunkt die Suche nach Heimat und Identität in einem gespaltenen, von Hass und Misstrauen geprägten Land. Doch 45 Minuten bis Ramallah ist kein Drama, stattdessen wendet sich Ahadi dem Thema wie auch bei Das Schwein von Gaza über die humorvolle Schiene, eine überaus absurde auch dazu.

Der Einstieg lässt hier auch auf ein vergleichbar großes Vergnügen schließen, als Jamal seinen Bruder über die verschiedenen radikalen Splittergruppen innerhalb der Palästinenser aufklärt. Tatsächlich entfaltet 45 Minuten bis Ramallah immer dann seine komische Kraft, wenn ohne Respekt die lächerlichen Aspekte des Palästinenserkonfliktes entlarvt werden. Doch dieser böse, schwarze Humor kommt zu selten. Nach dem starken Auftakt schien den Beteiligten der Mut abhanden gekommen zu sein. Statt des eingeschlagenen Weges mutiert die Komödie dann erst einmal zu einem Roadmovie mit vielen albernen, letztendlich jedoch harmlosen Szenen.45 Minuten bis Ramallah Szene 2

Vor allem der Handlungsstrang um die trickreiche Exilrussin Olga (Julie Engelbrecht) ist im Grunde überflüssig. Nett, ja, aber mehr auch nicht. Verwunderlich ist das schon, denn Ahadi zeigte in seinen Dokumentarfilmen wie The Green Wave über die Grüne Revolution im Iran, dass er keine großen Berührungsängste mit heiklen Themen hat. Mehr Biss wäre hier deutlich wünschenswert gewesen, erst zum Schluss hin zieht die Komödie wieder die Daumenschrauben an. Zu spät, um einen rundum empfehlenswerten Film aus 45 Minuten bis Ramallah zu machen. Doch trotz des vergeudeten Potenzials, für Freunde respektloser Komödien gibt es eine Reihe von Szenen, bei denen man dann doch ganz gerne lacht.

45 Minuten bis Ramallah ist seit 6. Juni auf DVD erhältlich



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Eine Komödie über den Palästinenserkonflikt zu drehen, ist natürlich immer heikel. Gerade am Anfang und auch zum Schluss ist 45 Minuten bis Ramallah ein gelungenes Beispiel für schwarzen Humor. Zwischendurch flacht der Film aber zu sehr ab und beschränkt sich auf harmlose Albernheiten.
6
von 10