Laurence Anyways

Laurence Anyways

(„Laurence Anyways“ directed by Xavier Dolan, 2012)

Laurence Anyways„Hasst du mich?“

Nie hätte Fred (Suzanne Clément), kurz für Frédérique, erwartet, jemals diese Frage von ihm zu hören. Seit zwei Jahren sind sie und Laurence (Melvil Poupaud) ein Paar, als sie sich beim Dreh eines Werbespots trafen und gleich Gefallen aneinander fanden. Sie scherzen, sind herrlich albern, machen Listen über Dinge, die sie mögen. Die sie nicht mögen. Genießen einfach das gemeinsame Leben. Die ganze Welt scheint ihnen offen zu stehen. Bis zu jenem einen Tag, Laurence’ 35. Geburtstag.

Fred, immer für spontane Aktionen zu haben, überrascht ihn mit einem Ticket nach New York City, wo die beiden Kanadier einige Tage verbringen sollen. Doch Laurence hat seine eigenen Pläne, seine eigene Überraschung. Der Traummann, erfolgreicher Lehrer, beliebt bei Schülern und für seine Gedichte und Kurzgeschichten mit einem Literaturpreis ausgezeichnet, will nicht mehr. Schon lange habe er gewusst, dass er lieber eine Frau sein will und in seinem tiefsten Herzen auch immer war.

Doch dieser Knalleffekt, mit dem Freds Leben komplett auf den Kopf gestellt wird, ist nicht der dramatische Höhepunkt von Laurence Anyways, es ist der Anfang. Zehn Jahre verfolgt der Film das Paar, vom Coming-out über Trennung zu Versöhnung und wieder zurück. Denn was die Gefühle angeht, da hat sich nichts geändert. Noch immer will Laurence mit einer Frau zusammen sein, selbst nachdem er selbst zu einer wurde. Und Fred? Die liebt Laurence, kein Zweifel. Aber manchmal ist Liebe einfach nicht genug.Laurence Anyways Szene 1

Für diese zehn Jahre nimmt sich Xavier Dolan auch reichlich Zeit, fast drei Stunden dauert sein dritter Film. Und doch schafft der kanadische Regisseur das Kunststück, dass Laurence Anyways fast völlig ohne Längen auskommt. Äußerst kunstvoll ist auch die Umsetzung der schwierigen Geschichte. So griff der 24-Jährige zum Beispiel auf das inzwischen eigentlich ausgestorbene 4:3-Format zurück. Statt weitläufiger Aufnahmen oder hübscher Landschaften ist der Fokus hier zentraler: die Gesichter. Wunderbar beispielsweise wie Dolan von den ersten gemeinsamen Momenten des Paares langsam auf sein eigentliches Thema kommt. Blicke von Laurence, verstohlen und sehnsüchtig, auf seine Schülerinnen, wie sie mit ihren langen Haaren spielen. Da, wo bei ihm nichts ist. Eine typische Männerfrisur, von den Normen abgesegnet: praktisch, kurz, gut.

Um Normen geht es natürlich immer wieder. Normen der Gesellschaft, Normen der Familie. Aber auch Normen, die man sich selbst auferlegt hat. Anders als vielleicht zu erwarten gewesen wäre, steht in dem Drama gar nicht der Kampf mit einem engstirnigen Umfeld im Mittelpunkt. Natürlich kommt auch der vor, etwa wenn Laurence auf Druck von außen seine Arbeit aufgeben muss. Aber nicht daran zerbricht das Paar, es zerbricht an sich selbst. Sie war immer so stolz gewesen auf ihre Unangepasstheit, dass sie nicht Teil des Spießertums war. Umso größer der Schock für Fred, als sie im Laufe der Zeit feststellen muss: So richtig anders ist sie gar nicht. Und Laurence? Laurence will im Grunde, dass sich alles ändert und doch nichts sich ändert.

Die Welt der Transsexuellen, für die meisten Zuschauer dürfte sie fremd, sogar exotisch sein. Glücklicherweise verzichteten Dolan und seine Schauspieler aber darauf, sich in Klischees zu suhlen und die Figuren zu reinen Freaks zu reduzieren. Im Gegenteil: Dank der fantastischen Leistungen der beiden Hauptdarsteller wird die Situation greifbar, das Außenseitertum nach und nach entkleidet, bis nur noch die existenziellen Fragen übrig bleiben. Fragen nach der Liebe, woran sie sich fest macht. Und natürlich auch Fragen, welche Faktoren einen Menschen und seine Identität eigentlich bestimmen.Laurence Anyways Szene 2

Kitsch? Wäre zu befürchten, ja, denn damit sind Liebesfilme viel zu oft verbunden. Aber der fehlt hier ebenso wie aufgesetzte Happy Ends oder auch strahlende Helden. Jeder hat seine hässlichen Seiten, selbst Laurence muss später deutlich Sympathiepunkte einbüßen, als er  egoistische Züge an den Tag legt und ihm die Gefühle anderer gleich sind. Damit ist Laurence Anyways auch denen zu empfehlen, denen das Genre aufgrund seiner Idealisierungen sonst Probleme bereitet.

Wenn etwas problematisch an dem Film ist, dann sind das neben der erwähnten Überlänge diverse Spielereien von Dolan. Immer wieder wird hier die realistische Darstellung verlassen, durch den prominenten Einsatz von Musik etwa oder wenn er in einer besonders surrealen Szene Kleidung vom Himmel regnen lässt. Das kann man durchaus als selbstverliebt auffassen, als unnötige Stilübungen. Doch diese künstlerischen Einschübe haben durchaus ihren Sinn. Gerade durch den urplötzlichen Abbruch dieser Szenen und auch der Musik wirkt das Folgende umso heftiger. Ein wenig erinnert das an Kindergeburtstage, als man mit Freunden noch „Reise nach Jerusalem“ spielte und jeder einen schnell einen Stuhl besetzen musste, als das Band gestoppt wurde. Nur dass hier kein Gelächter folgt, wenn die Musik endet. Kein Spaß. Sondern Stille. Einsamkeit. Und Schmerz.

Laurence Anyways ist seit 23. Januar auf DVD und Blu-ray erhältlich



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Fast drei Stunden Laufzeit, ein schwieriges Thema, harte Szenen: Das Transsexuellen-Drama Laurence Anyways ist für Zuschauer eine fordernde Tour de Force. Dank einer kunstvollen Inszenierung und fantastischer Schauspieler aber auch eine bewegende und lohnenswerte.
8
von 10