(„Présumé coupable“ directed by Vincent Garenq, 2011)

Haftbefehl – Im Zweifel gegen den AngeklagtenDie schrecklichen Bilder rund um den Pädophilen Marc Dutroux erschütterten Mitte der 1990er nicht nur das heimische Belgien, weltweit konnten Menschen kaum fassen, welche Verbrechen sich quasi direkt vor den eigenen Augen abgespielt hatten, ohne dass es jemand merkte. Im Vergleich dazu ging ein anderer thematisch ähnlicher Prozess, der sich fast zehn Jahre später in Nordfrankreich zutrug, in der internationalen Wahrnehmung ziemlich unter – obwohl er auf seine Weise nicht weniger dramatisch war.

18 Menschen wurden seinerzeit beschuldigt, Teil eines Kinderschänderrings zu sein, der ebenfalls in Belgien seine Finger im Spiel hatte. Nicht zuletzt durch die Erfahrungen im Nachbarland sensibilisiert, nahm man diese Vorwürfe sehr ernst und steckte die Verdächtigungen sofort in Untersuchungshaft, teils für mehrere Jahre. Doch im Gegensatz zu Dutroux waren die meisten Beschuldigungen hier frei erfunden. Entsprechend dürftig war natürlich auch die Beweislage, aber überzeugt von der Schuld der 18 Leute wurden sämtliche Einwände, Widersprüche und fehlenden Beweise von der Justiz beiseite gefegt. Erst Jahre später, nachdem einige der Vorwürfe der „Zeugen“ längst zurückgezogen waren, wurden die Angeklagten entlassen – gebrochen, finanziell und mental ruiniert, von der Gesellschaft ausgestoßen. Haftbefehl – Im Zweifel gegen den Angeklagten erzählt die Geschichte aus den Augen einer dieser fälschlich Angeklagten, Gerichtsvollzieher Alain Marecaux (Philippe Torreton).Haftbefehl – Im Zweifel gegen den Angeklagten Szene 1

Damit erinnert der französische Film an den diesjährigen Die Jagd, wo ebenfalls ein Mann irrtümlich des Kindesmissbrauchs beschuldigt wird und trotz seiner Unschuld alles verliert. Während dort jedoch das Umfeld des Angeklagten im Mittelpunkt steht, das schnell der Hysterie verfällt und eine Hexenjagd startet, wird hier die Willkür der Staatsmacht thematisiert. Egal ob Polizei oder die Justiz in Gestalt von Richter Burgaud (Raphaël Ferret), die Unschuldsvermutung gegenüber den Angeklagten wird kurzerhand ausgesetzt. Statt unvoreingenommen nach Beweisen zu suchen, setzen sie auf Druck und eine Zermürbungstaktik, bis ihnen ein Geständnis vorliegt.

Wie bei Filmen über wahre und spektakuläre Ereignisse üblich (siehe Argo oder 3096 Tage) liegt die Spannung weniger darin, wie denn das Ende aussehen mag; das kennen wir schließlich schon vorher. Interessanter ist der Weg dorthin, die einzelnen Schritte. Wie bei der Verfilmung von Natascha Kampuschs Entführung wird auch bei Haftbefehl ein großes Augenmerk auf die Hauptfiguren gelegt. Durch die Fokussierung auf Marecaux, auf dessen Autobiografie der Film auch beruht, fehlt zwar die Außenperspektive auf die Ereignisse, dafür erhält die Geschichte ein Gesicht und Identifikationsfigur.Haftbefehl – Im Zweifel gegen den Angeklagten Szene 2

Glücklicherweise wurde mit Philippe Torreton ein Schauspieler gefunden, der diese sehr gut auszufüllen weiß und uns glaubhaft am Innenleben des unschuldig Eingesperrten teilhaben lässt. Große dramatische Momente sind bei Haftbefehl selten, dafür dürfen wir den langsamen Verfall von Marecaux miterleben, seine zunehmende Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Sensibel, mit eindringlichen Bildern und schmerzhaft wird die sogenannte Outreau-Affäre, einer der größten Justizskandale Frankreichs, so zu einem ganz persönlichen Drama, das einen auch als Zuschauer fassungslos zurücklässt.

Haftbefehl – Im Zweifel gegen den Angeklagten ist seit 8. November auf DVD und Blu-ray erhältlich

Haftbefehl – Im Zweifel gegen den Angeklagten
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Haftbefehl – Im Zweifel gegen den Angeklagten
Leichte Kost ist Haftbefehl sicher nicht, dafür nimmt einen die wahre Geschichte um einen unschuldig eingesperrten Mann zu sehr mit. Durch die Fokussierung auf nur einen der Angeklagten fehlt zwar die Außenperspektive, dafür können wir – auch dank des sehr guten Hauptdarstellers – dessen persönliches Schicksal umso stärker miterleben.
7von 10

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