(„3096 Tage“ directed by Sherry Hormann, 2013)

3096 TageStrasshof an der Nordbahn? Nie gehört. Sofern man nicht zu den knapp 9000 Einwohnern zählte oder direkt daneben wohnte, gab es lange Zeit keinen triftigen Grund, warum man die nette, kleine Gemeinde kennen sollte. Nennenswerte Einrichtungen gab es ebenso wenig wie besondere geschichtliche Vorkommnisse oder berühmte Söhne und Töchter. Im Grunde war Strasshof eine der vielen kleinen Gemeinden, wie es sie in Österreich zuhauf gibt. Und doch war der Ort im Sommer 2006 quasi über Nacht zum Mittelpunkt Österreichs, vielleicht sogar ganz Europas geworden: Am 23. August war der 18-jährigen Natascha Kampusch die Flucht gelungen, nachdem sie achteinhalb Jahre von einem Entführer gefangen halten wurde – in einem kleinen unscheinbaren Haus in eben jenem Strasshof.

Diese Geschichte erzählt 3096 Tage nach, von der Entführung, als Natascha gerade einmal zehn Jahre alt war über ihren mehrjährigen Aufenthalt in einem kleinen, fensterlosen Kerker bis zu ihrer Flucht als junger Frau. Wer damals einigermaßen die Nachrichten verfolgt hat, dürfte die Details schon kennen, eine wirklich Inhaltsangabe zum Film werden also wohl nur die wenigsten benötigen. Weshalb sich dann auch die Frage aufdrängt: Braucht es das wirklich? Wozu die Geschichte noch mal erzählen? Schließlich hält sich die Spannung bei einer Entführung mit einem medial ausgeschlachteten Ende quasi zwangsweise in Grenzen, die Hintergründe sind seit Kampuschs Autobiografie ebenso bekannt.3096 Tage Szene 1

Umso bemerkenswerter, dass hier nicht versucht wurde, diese künstlich aufzubauschen. Wie der wenig reißerische Titel, so ist auch der Film selbst schnörkellos ausgefallen und lässt seine einzelnen Episoden lieber für sich sprechen. Stichprobenartig werden einzelne Tage und Szenen wiedergegeben, unkommentiert, distanziert, fast schon teilnahmslos. Große dramatische Ansprachen und der Druck auf die Tränendrüse fehlen hier völlig, der befürchtete Versuch, ein tragisches Schicksal emotional auszuschlachten, findet so zum Glück nicht statt.

Intensiv ist das Drama aber auch so geworden, was zum einen an den klaustrophobischen Bildern aber auch den tollen Schauspierleistungen zu verdanken ist. Gerade Thure Lindhardt, sonst eher auf sympathische Rollen gebucht, überzeugt hier als Psychopath, der nach außen hin so alltäglich, so unauffällig wirkt und sich überhaupt nicht der Tragweite seiner Handlungen bewusst ist. Immer wieder verstört zum Beispiel, mit welcher Selbstverständlichkeit und fast schon Naivität er als Wolfgang die Jugendliche nach seinen Fantasien zurechtformen will, ihr am Ende nicht einmal mehr ihren Namen lässt.3096 Tage Szene 2

Ebenso erschütternd sind die Versuche Nataschas (Antonia Campbell-Hughes als Jugendliche, Amelia Pidgeon als Kind), inmitten des Wahnsinns, die Normalität zu bewahren. Dass sich die einzelnen Szenen nicht zu einem roten Faden zusammenfinden und die Entwicklung des Verhältnisses etwas holprig ist, liegt in der Natur der Sache – 3096 Tage sind dann doch zu viel für zwei Stunden Film. Dieses Manko ließ sich also nur schwer vermeiden. Unnötig jedoch, dass auf internationale Schauspieler zurückgegriffen wurde, um die Vermarktungschancen im Ausland zu erhöhen. Bei der sehr offensichtlichen Synchronisation geht viel von der Authentizität verloren, die der Film durch die Schauspieler und die beklemmenden Bilder hat.

Ob es den Film wirklich gebraucht hat, ist daher auch nach dem Abspann schwer zu sagen. Für manche wird es schon aus Prinzip unmoralisch sein, eine derart private Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Anderen wird er im Gegensatz nicht weit genug gehen, zu verharmlosend sein, die wirklich expliziten Szenen vermissen. Der Rest erlebt jedoch zumindest stellenweise richtig sehenswertes Schauspielkino, das zwar keine neuen Erkenntnisgewinne zu bieten hat, aber doch einen kleinen Einblick gibt in eine Seele, die hinter ihrem geordneten Äußeren keine Anhaltspunkte mehr finden konnte.

3096 Tage ist seit 5. September auf DVD und Blu-ray erhältlich

3096 Tage
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3096 Tage
Gut gespielt, zurückhaltend inszeniert – die Verfilmung von Natascha Kampuschs erschütternder Entführung und Gefangenschaft ist deutlich seriöser und gelungener, als man im Vorfeld erhoffen durfte. Neue Erkenntnisse gibt es keine, dafür aber eine Reihe intensiver Szenen und beklemmender Bilder.
6von 10

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