Superman FallsIch falle – aus allen Wolken, auf den Boden oder die Treppen herunter. Ich falle ins Bett, in tiefen Schlaf, in die Ohnmacht: dann fällt alles der Vergessenheit anheim. Oder ich falle dir in die Arme, vielleicht weil ich dir mit Haut und Haaren verfallen bin (auf englisch heißt es viel schöner: I’m falling in love). Man sagt auch: dem Alkohol oder Wahnsinn verfallen. Was immer die zwingenden Gründe meines Falls sein mögen, entwicklungsgeschichtlich falle ich eine Stufe zurück, topologisch von oben nach unten. Hochmut, heißt es, kommt vor dem Fall. Das ist der kleinbürgerliche Schluss, den man aus Ikarus’ Sturz gezogen hat. Er wollte fliegen und fiel – wäre er doch nur auf dem Boden der Tatsachen geblieben! So wiegen für Francis Bacon die Sünden des Mangels auch schwerer als die des Überschwangs: „Im Überschwang nämlich liegt etwas Erhabenes, etwas, das wie der Flug eines Vogels mit dem Himmel Verwandtschaft hält, während der Mangel lediglich wie ein Wurm auf dem Erdboden kriecht.“ Tatsache ist, dass der Mensch nicht fliegen kann, sich mit dieser Tatsache jedoch nicht bescheidet. Das prädestiniert ihn für den Fall, den fallen kann nur, wer hoch und über sich hinaus will. Diese Dialektik ist unauflöslich: Wer nicht „über sich“ steht, kann auch nicht „unter sich“ fallen. Vielleicht ist deshalb, weil wir uns im alltäglichen Leben ständig kontrollieren müssen, das Fallen nicht allein mit der Angst vor dem Scheitern verbunden. Woher ließe sich sonst die Faszination erklären, die man beim Anblick von Supermans Fall (Superman Returns) empfindet? Gleich nachdem er die gefährliche Kristallinsel in den Weltraum entsendet hat, verlassen ihn seine übermenschlichen Kräfte. Er scheint kurz in der Luft stehen zu bleiben, dann schließt er die Augen und fällt. Er fällt und fällt und das ist wirklich wunderschön. Es ist das Anti-Stress-Bild schlechthin, der Burn-Out als ästhetisches Phänomen, die Ekstase des freien Falls, wie Fliegen verkehrt herum – das ist mit einem Wort die längste Ohnmacht der Welt. Die Zuschauer können den Blick nicht mehr abwenden, so sehr zieht das Bild in seinen Bann. All diejenigen, die sich rettungslos überarbeitet, übermüdet, überreizt fühlen, kommen hier auf ihre Kosten, denn in diesem Stellvertreter-Fall erfährt ihr Ruhebedürfnis endlich Befriedigung. Aber ist das schon alles? Ich glaube, dass es dabei um mehr geht als um das banale Geheimnis von Anspannung und Entspannung. Es geht auch nicht darum, dass sich der Superheld einmal mehr für uns aufopfert (wenngleich seine Selbstaufgabe an der Faszination des Bildes nicht ganz unbeteiligt ist). Wesentlich ist, dass der Fall den Eindruck völliger Losgelöstheit vermittelt. Superman fällt ja nicht, wie man einen Abgrund hinunterstürzt. Er fällt vielmehr, wie man in den Schlaf fällt: in ergebener Verbundenheit strebt er dem mütterlichen Schoß der Erde zu. So gestaltet sich seine Haltung, die er im Fallen annimmt, auch nach dem Vorbild des intrauterinen Lebens. In der Tat scheint er auf der Luft, die sich unter ihm zusammenschiebt, wie auf etwas Festem zu liegen zu kommen, das ihm Geborgenheit schenkt und im Stürzen trägt. Zuletzt ist sein Fall ja vor allem ein freier Fall. Es ist paradox, aber genau in der Situation, in der Superman, aller Initiativen beraubt, den Gesetzen der Schwerkraft völlig ausgeliefert, in die Tiefe fällt, entsteht der Eindruck unbedingter Freiheit. Er kann jetzt nichts mehr tun außer fallen. Und derart tief fallen kann nur, wer sonst alles kann.

Superman Falls [Special]
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