(„Get the Gringo“ directed by Adrian Grunberg, 2012)

Get The GringoSchon lange vor Charlie Sheen zeigte ein anderer Filmstar, wie man durch fragwürdiges Verhalten sämtliche Sympathien verspielen kann: Mel Gibson. In den 80ern und 90ern spielte der Australier von Mad Max über Lethal Weapon und Maverick bis Was Frauen wollen in einer Reihe von Blockbustern mit und etablierte sich seinerzeit als eines der Aushängeschilde Hollywoods schlechthin. Höhepunkt seiner Karriere war dann 1995 Braveheart, für das er einen Oscar als „Bester Film“ und „Bester Regisseur“ in Empfang nehmen durfte. Doch schon seine zweite Regiearbeit hinterließ einen ziemlich bitteren Nachgeschmack. Zwar war auch Die Passion Christi von 2004 ein Kassenerfolg, spaltete aber die Zuschauerschaft. Gewaltverherrlichend und judenfeindlich lauteten die Vorwürfe.

Wenn Gibson danach überhaupt noch ins Scheinwerferlicht rückte, dann für seine diversen öffentlichen Ausfälle, die dazu führten, dass ihn seine eigene Agentur fallenließ. Und auch Kollegen ließen kein gutes Haar mehr an ihm, seine geplante kleine Rolle in Hangover 2 wurde wieder verworfen, nachdem ihn mehrere Mitglieder der Filmcrew nicht dabei haben wollten. Dass er nur noch wenig durch Filme auf sich aufmerksam machte, lag aber auch daran, dass er schlichtweg kaum noch welche drehte. Und wenn doch, dann wurden sie ignoriert, was in dem Fall von Get the Gringo äußerst schade ist, denn rein qualitativ reiht sich der Film nahtlos an seine großen Erfolge von einst ein.

„Nichts ist schlimmer als ein trauriger Clown. Außer einem Clown mit inneren Verletzungen, der einem Blut übers Geld hustet.“Get The Gringo Szene 1

Nein, den Coup hat sich Driver (Gibson) ganz anders vorgestellt. Die Millionen aus dem Raub hat er zwar, dafür aber die Grenzpolizei der USA und der von Mexiko am Hals. Zugegeben, letztere hat zunächst nur wenig Interesse an dem „Gringo“, selbst dann nicht, als dieser mit vollem Tempo durch deren Mauer kracht. Sollen sich doch die Nachbarn aus dem Norden drum kümmern. Bis sie neben dem toten Clown auf der Rückbank die fette Beute entdecken, eine Beute, die sie doch gleich selbst behalten könnten. „Wir sind korrupt, ihr seid korrupt. Aber mit einem Unterschied. Wir machen kein Geheimnis draus.“ Die US-Beamten toben vor Wut, können aber auch nicht verhindern, dass ihr Landsmann in einem mexikanischen Gefängnis verschwindet. Und mit ihm das schöne Geld.

Mit unserer Vorstellung eines Gefängnisses hat sein neues Zuhause freilich recht wenig zu tun. Hohe Mauern gibt es, bewaffnete Wächter ebenso, dafür aber auch eher unerwartete Einrichtungen wie Kiosks, ein Markt, Wohnungen, ja, selbst ein Kasino. Wer mit genügend Geld eingeliefert wird, kann es sich dort also schon recht gemütlich machen. Bestes Beispiel dafür ist Javi (Daniel Giménez Cacho), gleichzeitig Insasse und heimlicher Boss des unkonventionellen Knastes. Dass der Gringo bei Javi seine große Chance auf Macht und Reichtum wittert, versteht sich von selbst. Von der Freiheit und dem Wiedererlangen seiner Beute ganz zu schweigen. Aber er ist nicht der einzige, der den inoffiziellen Knastpapst im Auge hat, auch ein Junge (Kevin Hernandez) und dessen attraktive Mutter (Dolores Heredia) haben mit Javi noch eine Rechnung offen.Get The Gringo Szene 2

Schon ein Blick auf das absurde Setting – das Gefängnis ähnelt mit seinen Einkaufs- und Vergnügungsmöglichkeiten mehr einem Dorf als einer Strafvollzugsanstalt – zeigt, dass hier vieles nicht ganz so ernst genommen werden sollte. Eine reine Komödie ist Get the Gringo zwar nicht, hat aber mehr als genug witzige, weil übertriebene Szenen. Etwas übertrieben ist auch die Gewalt. Hier wird geschossen, geprügelt und sogar gefoltert, was das Zeug hält. Dazu passen auch die dreckigen, heruntergekommen Unterkünfte der Sträflinge. Allzu düster ist das Regiedebüt von Adrian Grunberg aber nicht geworden. Vielmehr findet man hier den unverkrampft-naiven Bezug zu Gewalt, so wie er zu Gibsons Hochzeiten einfach noch üblich war.

Und auch dessen Rolle selbst entspricht dem, was er schon immer am besten konnte: sympathische Halunken; Männer mit eindeutigen Fehlern, denen man das aber irgendwie nie übelnehmen konnte. Wer seinerzeit ein Fan des Schauspielers war oder allgemein für Actionfilme mit Raubeincharme und etwas derbem Humor zu haben ist, sollte also einmal einen Abstecher nach Mexiko machen. Denn Spaß macht die etwas andere Knasterfahrung auf jeden Fall. Bleibt nur zu hoffen, dass Gibson in Zukunft wieder häufiger durch Filme wie Get the Gringo von sich reden macht statt durch unnötige Eskapaden – davon hätten sowohl er als auch Kinogänger mehr.

Get the Gringo ist seit 11. Juli auf DVD und Blu-ray erhältlich

Get the Gringo
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Get the Gringo
Zurück in die Vergangenheit: Mel Gibson greift in Get the Gringo seine Paraderolle von einst auf, die des in mehrfacher Hinsicht schlagfertigen Actionhelden mit vielen Fehlern aber ebenso viel Charme. Das bekommt er heute noch genauso gut hin wie vor knapp 30 Jahren, weshalb Fans hier ihre Freude haben werden. Aber auch für die anderen bietet die Mischung aus brutaler Action und derbem, teils absurden Humor eine Menge Unterhaltungswert.
7von 10

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