(„Sur mes lèvres“ directed by Jacques Audiard, 2001)

Sur mes lèvres ist ein zu Unrecht unbeachtetes Werk des Regisseurs von Un Prophète. Seinerseits stand Jacques Audiards Drama-Thriller im übergroßen Schatten des französischen Welterfolgs Le fabuleux destin d‘Amélie Poulain von Jean-Pierre Jeunet. Der Film lief vielleicht auch deshalb nie in den deutschen Kinos, aber wurde immerhin unter dem Titel Lippenbekenntnisse bereits im deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Nach dem internationalen Erfolg von Un Prophète und dem Hollywood-Stelldichein von Vincent Cassel durch seine Darstellung in  Black Swan bringt Pierrot Le Fou Sur mes lèvres nun in das Heimkino.

Die nahezu taube Carla (Emmanuelle Devos) ist Sekretärin und wird von ihren Kollegen gedemütigt. Sie bekommt einen Assistenten zur Seite gestellt: Paul (Vincent Cassel) hat wegen schwerem Raub eine mehrjährige Haftstrafe abgesessen und versucht nun seine Bewährungsauflagen zu erfüllen. Doch dann wird Paul von der Vergangenheit eingeholt: um seine Schulden abzustottern, arbeitet er in der Disco seines kriminellen Gläubiger als Barkeepern. Er entwirft einen Plan, um sich aus dieser misslichen Lage zu befreien, doch dafür braucht er die Hilfe Carlas, die als Gehörlose sehr gut von den Lippen ablesen kann.

Sur mes lèvres beginnt als realistisches Sozialdrama und verwandelt sich dann überraschend in einen Thriller. Jacques Audiard schrieb gemeinsam mit Tonino Benacquista das spannende und wendungsreiche Drehbuch. Carla – tolle Vorstellung von Devos (Coco avant Chanel) – verkörpert eine moderne Form von Aschenputtel, die sich im Verlauf des Films vom unterbutterten Mauerblümchen-Dasein befreit. Devos hat auch in De battre mon coeur s’est arrêté mit Audiard zusammengearbeitet. Paul – ein hervorragender Cassel (Mesrine: L’instinct de mort) – versucht sich dagegen zunächst anzupassen, muss sich bei diesem Versuch allerdings bald eingestehen, dass er seine Vergangenheit und damit auch sein wahres Ich nicht abschütteln kann.

Mathieu Vadepied hinterlässt einen starken Eindruck hinter der Kamera, die stets nah am Geschehen dabei ist, aber auch durch ungewöhnliche Einstellungen zu überraschen weiß. Die stimmungsvolle und akzentuierte Filmmusik stammt von Alexandre Desplat. Der Komponist hat auch bei Un Prophète mit Audiard zusammengearbeitet und liefert die passende musikalische Untermalung für den fesselnden Plot.

Der Film ist eine gelungene Mischung aus Drama, Crime, Thriller und Romanze. Sur mes lèvres ist gespickt mit Anspielungen auf die Filmgeschichte. So gibt es beispielsweise eine explizite Anspielung auf Billy Wilders The Apartement. Die Vermischung der Genres und die Atmosphäre erinnert darüber hinaus stark an Louis Malles Ascenseur pour l’échafaud. Vor allem anderen ist Audiards Arbeit allerdings eine Hommage an Alfred Hitchcocks Rear Window. Sur mes lèvres bietet jedoch mehr als formale Referenzen und braucht sich vor diesen Klassikern nicht zu verstecken.

Der 115 minütige Film über zwei soziale Außenseiter, die ihre Fähigkeiten vereinen, wurde mehrfach nominiert und prämiert: 2002 gewann Sur mes lèvres beispielsweise drei Césars in den Kategorien „Drehbuch“, „Ton“, „Beste Hauptdarstellerin“. Auf der DVD sind als Bonusmaterial ein Audiokommentar, Deleted Scenes sowie Interviews enthalten.

Tödliche Bekenntnisse erscheint am 18. November auf DVD und Blu-Ray

Tödliche Bekenntnisse
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