(„Le passager de la pluie“ directed by René Clément, 1970)

Am Anfang des Films erscheint ein Zitat aus Lewis Carrolls zeitlosem Klassiker „Alice im Wunderland“. Entweder sei der Schacht, in den die tragische Heldin fällt, endlos tief oder sie falle unendlich langsam, heißt es da über den Eintritt von Alice in die verstörende Welt, die Kinder seit ihrem ersten Erscheinen verzaubert. Marlène Jobert als Mellie ist so ein bisschen wie Alice im Wunderland und ihre neue Welt ist sicher genauso verstörend, entbehrt aber jeden kindlichen Charme. Es ist ein Alptraumland, in dem sich Mellie widerfindet. Als tragische Heldin wurde sie unschuldig schuldig. Alles beginnt an einem verregneten Tag im Oktober. Von der Bowlinghalle ihrer Mutter sieht sie einen Bus aus Marseille ankommen. Aus ihm entsteigt ein hagerer Mann mit Halbglatze, der eine leuchtend rote Tasche in seiner Hand hält. Für gewöhnlich hält der Bus nie an dieser Stelle. Nur an diesem Tag entsteigt ihm ein Mensch, der die Zukunft der rothaarigen Mellie nachhaltig beeinflussen soll. Zunächst denkt sie sich nichts dabei. Ihr Mann ist oft auf Reisen, da er Pilot ist und sie damit alleine in der großen Villa zurücklässt. Bevor sie dorthin zurückkehrt, kauft sie sich noch eine weiße Garderobe für die anstehende Hochzeit von einem befreundeten Paar. Plötzlich ist da wieder der mysteriöse Mann vor dem Schaufenster, der dem Bus entstiegen war und der ihr nun beim Anziehen zusieht. Ein unbestimmtes Grauen geht von ihm aus, als verkörpere er in dieser gespannten Atmosphäre, während der Regen an die Fensterscheiben prasselt, die Gestalt einer bösen Märchenfigur. Mellie hat Angst, die sie sich erst zu Hause wieder von sich abschütteln kann, wo sie auf ihren Mann wartet, der von einer Reise zurück erwartet wird. Sie macht sich ein bisschen frisch, wartet sehnsüchtig auf das Glück, auf die Erfüllung ihrer Sehnsüchte und Befriedigung. Stattdessen erwartet sie gnadenloser Horror. Unerwartet steht der Mann aus dem Regen vor ihr im Schlafzimmer. Er hat ein Strumpfband über dem Kopf und schlägt Mellie in die Magengrube. Dann vergewaltigt er sie.

Als sie aufwacht, ist alles ruhig. Auch vorher war es nicht laut, denn René Clément filmte die brutale Vergewaltigung in fast ohrenbetäubender Stille. Nun ist sie wieder da – Mellie versucht, gegen sie anzukämpfen. Da hört sie ein Geräusch im Keller. Mit einer geladenen Schrotflinte bewaffnet, schreit sie ins Dunkel hinein, der Einbrecher solle sofort das Haus verlassen. Als er ans Licht kommt schießt sie. Einmal, zweimal. Dann versenkt sie ihn heimlich im Meer. Zu Hause angekommen, wartet bereits ihr Mann auf sie. Er ist wütend, dass sie nicht da war und würde sie am liebsten schlagen. In „Der aus dem Regen kam“ sieht sich Mellie in einer Welt wieder, in der sie unentwegt gegen Männer kämpfen muss. Wenn sie beteuert, dass sie mit dem Verbrechen nichts zu tun habe, kämpft sie nicht primär um ihre Freiheit, sondern sie will die Oberhand behalten und bewiesen, dass sie eine starke Frau ist, die den Mann, der sie verhört, austricksen kann. Diesen Mann trifft sie am nächsten Tag, als sie sich bereits sicher ist, dass sie mit dem Mord an ihrem Vergewaltiger ungestraft davon kommen wird. Dobbs (Charles Bronson) heißt der muskulöse Amerikaner, der sich an die junge Frau hängt, sie bezirzt und sich geheimnisvoll gibt. Er wird in den nächsten Tagen zur Klette, der nicht mehr von Mellies Seite weichen wird. Als ihr Mann wieder einmal auf Reisen und sie alleine zu Haue ist, nistet sich der Amerikaner bei ihr ein. Wir wissen nicht, wer er ist – ist er ein Polizist, ist er ein Verbrecher? Wir wissen nur, dass er Mellie gefährlich werden könnte, denn er versucht alles über den Mord an dem Mann aus dem Regen herauszubekommen. Er weiß – so behauptet er zumindest – dass sie als sein Opfer ihn umgebracht hat, aber er braucht ein Geständnis. Er foltert sie, er macht sie betrunken und mitten in dieser großen Villa entwickelt sich ein tückisches Katz- und Mausspiel, bei dem der Amerikaner nicht so siegessicher ist, wie er sich gibt und Mellie nicht so zerbrechlich, wie es ihm erscheint. Doch mit ihren Beteuerungen, nichts mit dem angeblichen Verbrechen zu tun zu haben, wird sie immer tiefer in einen verhängnisvollen Strudel gerissen, der direkt in den Abgrund führt.

Charles Bronson bezeichnete diesen Film immer als seinen Liebling, als das beste Werk, in dem er je mitgespielt habe. Von der Dekadenz Hollywoods generell angewidert, mag er die Zusammenarbeit mit dem Franzosen René Clément besonders geschätzt haben, der sich wiederum zuvor mit europäischen Klassikern wie Nur die Sonne war Zeuge oder Wie Raubkatzen einen Namen gemacht hatte. Dieses Spätwerk sollte den Golden Globe als besten ausländischen Film erhalten und erweist sich als intelligentes Duell zwischen zwei erstklassigen Schauspielern, das lediglich etwas zu lang geraten ist. Es ist amüsant, dass der Vergewaltiger als Opfer mit Namen ‚McGuffin‘ heißt, ein von Hitchcock geprägter Begriff, ein Gegenstand, der die eigentliche Geschichte zwar in Gang setzt, aber davon abgesehen für den weiteren Verlauf keinerlei Bedeutung hat. So auch hier. Es geht nicht um das Verbrechen an sich, sondern um das dämonische Spiel zwischen Jobert und Bronson, die sich gegenseitig die Bälle zuspielen und einander das Leben schwermachen. Mellie kämpft dabei nicht nur gegen ihren neuen Peiniger, der sie nicht mehr verlassen will, sondern sie kämpft unentwegt gegen Machos, die sie wie Dreck behandeln. Sie sieht sich alleine in einer von Männern dominierten Welt, aus der sie aber auch nicht entfliehen kann. Vielleicht hat sie sich damit aber auch schon längst abgefunden, denn so sehr sie diese Kreaturen auch hasst, so sehr ist sie auch auf sie angewiesen. Alles beginnt in ihrer Kindheit mit ihrem Vater, der die Familie verlassen hat, es geht weiter zu ihrem Vergewaltiger, zu ihrem Ehemann, der ihr Schläge androht bis zum Ermittler Dobbs, dem jedes Mittel Recht ist, um die Wahrheit aus der jungen Frau herauszubekommen. Diese Liebe/Hass-Beziehungen haben auch was mit Sex zu tun, vor dem sie sich gleichzeitig fürchtet, den sie aber auch für ihre eigenen Ziele benutzt. Auch da sucht Clément wieder die Ursachen in der Kindheit, wenn er die kleine Mellie ihre Mutter mit einem Liebhaber beim Geschlechtsverkehr erwischen lässt, was letztlich zum Bruch der Familie führt.

Auf diese Weise entwirft der Regisseur ein detailliertes Psychogramm seiner traurigen Heldin, die sich zu befreien versucht. Bronson ist dabei so gut, wie er nur selten war und auch Marlène Jobert erweist sich als erstklassige Aktrice, die sich immer wieder die Frage stellen muss, vor welchem Mann sie eigentlich am meisten Angst haben muss. Vor ihrem Vergewaltiger? Vor ihrem Verfolger Dobbs? Vor dem befreundeten Polizisten? Vor ihrem eigenen Ehemann? So betrachtet ist Der aus dem Regen kam eigentlich ein Frauenfilm – ein Film über eine starke Frau, die sich als intelligent genug beweist, nicht nur Dobbs die benötigten Informationen zu verweigern, sondern auch als interessant genug, den Film zumindest über die meiste Zeit spannend zu gestalten.

Der aus dem Regen kam
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