(„The Ruling Class“, directed by Peter Medak, 1972)

“I’m the high-voltage Messiah, the electric Christ, the AC/DC god.”

Peter O’Toole ist Gott. Denkt er – in seiner Rolle als Jack Arnold Tancred Gurney, 14th Earl of Gurney. Er trägt eine schimmernde Mähne, einen Vollbart, eine Kutte und als er das Zimmer betritt, lässt Regisseur Peter Medak einen goldenen Schimmer auf dessen Haupt werfen – alle Umstehenden sind erleuchtet. Wer wollte nicht schon einmal Gott gegenübertreten, um in die Geheimnisse des Lebens eingeweiht zu werden? Jack Arnold hat es jedoch nicht so leicht. Als Paranoider hat er es schwer, seine Verwandten für sich einzunehmen, doch denen fällt es überraschend schwer, zu beweisen, dass Jack nicht Gott ist. „The Ruling Class“ ist eine dreistündige Farce, eine bizarre Tour de Force, voller origineller Ideen. Ein reichhaltiger Film, eines der ausgeflipptesten Werke des Vereinigten Königreichs voller Spielfreude, schwarzem Humor, Sozialkritik, bizarr surrealistischem Einschlag mit Musical-Einlagen. Trocken, typisch britisch, urkomisch, intelligent und doch auch absoluter Nonsens, der einem hier präsentiert wird.

Alles beginnt mit dem 13. Earl of Gurney, der sich nach einem anstrengenden Arbeitstag von seinem Butler Tucker (Arthur Lowe) ein silbernes Tablett mit verschiedenen Stricken bringen lässt. Mit der Begründung, er müsse sich erholen beginnt der Earl sein regelmäßiges Ritual. Er greift sich einen Strick, lässt es an der Decke aufhängen, er schmeißt sich in eine knallrote Uniform, zieht sich ein Ballerina-Höschen an und stranguliert sich. Ein Unfall – der Earl erstickt. Bei der Beerdigung versammelt sich die Verwandtschaft, bestehend aus vier Personen, doch von ihnen erbt niemand etwas. Tucker, der Butler, erhält 30.000 Pfund, doch er bleibt in seinem Dienst als Butler, als er hört, wer die Nachfolge seines ehemaligen Vorgesetzten antreten soll und somit zum 14. Earl of Gurney ernannt wird. Es ist der letzte verbliebene Sohn des Verstorbene – Jack (O’Toole in der vielleicht besten Darstellung seiner gesamten Karriere). Die Verwandten sind außer sich, denn Jack befand sich sieben Jahre lang in psychiatrischer Behandlung, da er von sich denkt, er sei Gott höchstpersönlich. So erscheint er auch in seinem zukünftigen Anwesen – mit einem gigantischen Kreuz, an das er sich für einige Stunden pro Tag hängen lässt. Er beginnt zu beten, er betet zu sich selber, er wird lauter, er fängt an zu schreien – die Szenerie wird untermalt von sich immer weiter steigernder Gospel-Musik, während die versammelten Verwandten peinlich berührt langsam nervös werden.

Wollten Sie schon einmal Gott treffen? Da sind sie nicht die Einzigen. Gott wäre ja auch der perfekte Gesprächspartner. Oder zumindest ein Gott, der sich so verhält, wie viele es denken. Gutmütig, ruhig, Kraft spendend, gut zuredend. Man erwartet ja auch nur das Beste von diesem Wesen, dass die Menschen seit Jahrtausenden anbeten. Die Realität in The Ruling Class sieht anders aus, denn die Menschen haben Angst vor einem lebendigen Gott, der auf einmal so viel mehr verkörpert und so viel mehr Charakterzüge hat als nur die, die man sich an ihm wünscht. Es ist auch ein fordernder Gott, den man fast fanatisch nennen muss und auf einmal rennen die Menschen vor ihm weg, weil sie fürchten, er könne ihnen etwas Böses tun, indem er ihnen etwas einredet, weil da zum ersten Mal ein Gott ist, der ihnen widerspricht, anstatt nur stumm ihren Gebeten zu lauschen. Tiefsinnig, nicht? Urkomisch, wenn Peter O’Toole als missverstandener Gutmensch gegen seine Verwandten ankämpfen muss, denn die wollen ihn am liebsten wieder in die Anstalt einweisen lassen.

Ein Arzt wird konsultiert und die Entscheidung wird gefällt, dass Jack Gurney so schnell wie möglich wieder verschwinden muss, bevor er noch mehr Verwirrung stiftet und den Ruf der Familie ruiniert. Man schmiedet einen Plan, der darin besteht, dass man Jack verheiratet und ihn ein Kind zeugen lässt, das, wenn es ein Sohn wird, seine Nachfolge als 15. Earl of Gurney antreten soll. Das Problem jedoch ist, dass „Gott“ bereits verheiratet ist – zumindest glaubt er das, denn seine Ehefrau ist, so sagt er, und hat keine Probleme jegliche Gegenargumente abzuschmettern, die Hauptfigur aus Alexandre Dumas‘ Roman „Die Kameliendame“. Der Einfallsreichtum der gierigen Verwandten kennt jedoch keine Grenzen und so engagiert man eine junge Frau namens Grace Shelley (Carolyn Seymour), die Verlobte des verstorbenen 13. Earls und die Geliebte dessen Bruders Charles Gurney (William Mervyn). Grace spielt nun die Kameliendame und „Gott“ fällt auf die Maskerade herein, glaubt, seine Ehefrau vor sich zu haben und heiratet sie (erneut) in einer der amüsantesten Szenen des gesamten Films mit einem herrlich verstörten Alastair Sims als übernervösen Bischof, der Gott verheiraten muss.

Diese Inhaltsangabe gibt vielleicht 1/5 des Films wieder, der vollgepackt ist mit bösartiger Kritik an der Politik, an der lächerlichen Aristokratie und an das Gesundheitssystem psychisch Kranke betreffend, die in eine Anstalt gesteckt werden, damit sie der Gesellschaft nicht zur Last fallen. Nun muss man nicht nur feststellen, dass Jack Arnold alias „Gott“ harmlos und liebenswert ist, sondern auch, dass alle Menschen in seinem Umfeld mindestens psychisch genauso gestört sind wie er. Jack wiederum lebt lediglich den Traum eines jeden Menschen, wenn auch in krasser Form. Er möchte mehr sein, als er ist.

Nur ist für ihn die nächste Stufe von der Aristokratie zum Höheren die des Gottes. Diesen Traum lebt er aus, steigert sich hinein und sieht seinen Verwandten dabei zu, wie diese erfolglos versuchen, zu beweisen, dass er nicht Gott ist, während er sorgenfrei seine Freiheiten genießt, die seinen Neidern fehlt. Sein Onkel Charles beispielsweise hat seine Geliebte angeheuert, seinem Neffen ein Kind zu gebären und so muss er nun hilflos mit ansehen, wie die Frau, die er liebt mit dem Mann, den er aus dem Weg räumen will, Liebe macht, um das Überleben der Familie zu sichern. Ein grotesker Plan, so wie der ganze – in Deutschland überraschenderweise nie gezeigte – Film, in dem fortwährend Personen ohne Vorwarnung und Anlass überraschend zu singen beginnen und eine Musical-Einlage liefern.

Und über allem die spitzzüngigen Dialoge von Peter Barnes, bei denen es unter anderem heißt: „Wie kamst Du darauf, dass Du Gott bist?“ „Wenn ich zu ihm bete, kommt es mir immer vor, als redete ich mit mir selber.“ Wenn die Briten nichts weiter gemacht hätten außer „The Ruling Class“ zu produzieren, so hätten sie ihren Platz in der EU bereits mehr als verdient.

Anmerkung: Der Film ist bislang (Stand: April 2011) in Deutschland noch nicht auf DVD erschienen.

The Ruling Class
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