(„Murder on the Orient-Express“, directed by Sidney Lumet, 1974)

“The murderer is with us now!”

Alle Lichtjahre gönne ich mir den Spaß und lese die Romanvorlage zu einem Film, bevor ich mir letzteren, auf dem Stoff basierenden, zu Gemüte führe. Agatha Christies Mord im Orient-Express oder auch Der rote Kimono genannt, ist ein typischer Kriminalroman der britischen Autorin, die hier ihren Helden, den britischen Detektiv Hercule Poirot ermitteln ließ. Ein Mord, viele Verdächtige und all das an nur einem Schauplatz: der Orient-Express, der im Schnee stecken geblieben ist. Etwas, mit dem der Roman nicht aufwarten kann, ist die Besetzung dieser Verfilmung, die man vorerst ausführlich studieren muss: Albert Finney, Richard Widmark, Sean Connery, Jacqueline Bisset, Anthony Perkins, Ingrid Bergman, Lauren Bacall, Martin Balsam, Vanessa Redgrave, Michael York, Colin Blakely und die britische Theaterlegende John Gielgud sind in diesem Ensemblestück zu bewundern und einzig Ingrid Bergman erhielt für ihre Darstellung der religiösen Schwedin einen Oscar – wohlbemerkt für eine schauspielerische Leistung von etwas mehr als fünf Minuten. Denn bei einer solchen Riege an hochkarätigen Darstellern bzw. Verdächtigen kommt nicht jedem Star die Zeit zu, die er vielleicht verdient hätte, denn vor allem Anthony Perkins macht als gehemmter und nervöser Sekretär einen blendenden Eindruck.

Dass Sidney Lumets Film sich so nah an die Vorlage hielt, mag der Grund dafür sein, dass dies die einzige Verfilmung einer ihrer Werke war, mit denen sich Agatha Christie einverstanden erklärte, im Gegensatz etwa zu Margaret Rutherford als Miss Marple in den legendären Fällen der 60er Jahre. Zudem gibt es ein Gerücht, dass Albert Finneys Make-Up als Hercule Poirot derart viele Stunden in Anspruch nahm, dass der Mime, der während der Dreharbeiten auch noch in einem Bühnenstück auftrat, an Schlafmangel litt, sodass jeden Morgen ein Ambulanzwagen zu seinem Haus kam. Man nahm ihn  mit – schlafend im Pyjama – sehr bemüht, ihn nicht aufzuwecken, damit er auf dem Weg ins Studio weiterschlafen konnte, während die Maskenbildner im Ambulanzwagen bereits mit ihrer Arbeit beginnen konnten. Finney war trotz Übermüdung ein glänzender Poirot und einer der wesentlichen Gründe dafür, weshalb dieser Film derart gut gelungen ist.

Der belgische Detektiv befindet sich mitten im Winter im Orient-Express, um auf dem schnellsten Wege von Istanbul nach England zu gelangen. Mit ihm reisen 12 weitere Passagiere plus Mr. Bianchi (Balsam), ein alter Freund Poirots und ein Arzt (George Coulouris). Auf der Reise lernt der Detektiv einen Mann mittleren Alters namens Ratchett (Widmark) kennen, der ihn darum bittet, seine Überwachung zu übernehmen, da der ehemalige Geschäftsmann um sein Leben fürchtet. Trotz einer gebotenen Summe von 15.000 Dollar lehnt Poirot diesen für ihn uninteressanten Auftrag ab. Das bedauert er wenige Stunden später ein wenig, denn am nächsten Morgen wird Ratchett tot in seinem Abteil gefunden – erstochen. Poirot beginnt zu ermitteln und findet heraus, dass der undurchsichtige Geschäftsmann etwas mit einem Aufsehen erregenden Kriminalfall zu tun hatte, der vor fünf Jahren (1930) ganz Amerika erschütterte. Im Fall „Armstrong“ wurde das Kind einer wohlhabenden Familie entführt sowie wenig später umgebracht, was weitere vier Todesfälle nach sich zog. Wie sich herausstellen soll, hat diese Verbindung zur Vergangenheit einen großen Einfluss auf seine Ermittlungen.

Die Geschichte um die sagenhafte „Armstrong“-Affäre zieht Drehbuchautor Paul Dehn vor und erzählt sie in stummen Bildern, während in Agatha Christies Vorlage erst nach und nach mehr Licht auf diese bedeutende Querverbindung gezogen wird. Das ist hier durchaus geschickt gemacht, weiß der Zuschauer doch noch nicht, in welchen Zusammenhang er diese anfangs erzählte Geschichte einordnen soll. Davon abgesehen nimmt sich Dehn mit dem Kriminalroman nur kleine Freiheiten, wenn er etwa den Humor durch eine zusätzliche Karikierung der Figuren Mrs. Hubbards (Bacall) und Ms. Olsons (Bergman) verstärkt, von denen erstere in Bezug auf die Vorlage zunächst als enervierende Mutterfigur fehlbesetzt wirkt, um dann jedoch bald den Rest noblesse oblige abzulegen und voll in ihrer Rolle aufzugehen, während ihre Kollegin Ingrid Bergman als gottesfürchtige Schwedin nicht viel mehr zu tun hat als gottesfürchtig und schwedisch zu spielen – in dieser Hinsicht allerdings durchaus beeindruckt.

Hinzuaddiert wurde interessanterweise auch der kurz angesprochene Mutterkomplex Anthony Perkins als McQueen, der stark an seine legendäre Rolle in Psycho denken lässt und hier nur für ein Schmunzeln sorgt, anstatt große Erleuchtung für seinen Charakter zu bringen. Mord im Orient-Express ist eine Casting-Show. Visuell passiert nicht viel, stattdessen wird ein Verdächtiger nach dem Anderen in den Speisewagen geführt und dort vom Detektiv Hercule Poirot vernommen. Das klingt langweiliger, als es letztlich ist, denn durch die exzellenten Schauspieler und die Tatsache, dass die Verhöre, bei denen Poirot stets etwas Neues herausfindet, nie zu lange dauern, kann sich Lumets Film damit rühmen, nie an Fahrt zu verlieren (im Gegensatz zum Orient-Express), denn der anfänglich hohe Unterhaltungswerk bleibt hier bis zum Finale erhalten. Das angesprochene Ende ist – wahrscheinlich muss es gar nicht erst erwähnt werden – wieder typisch für die Christie-Verfilmungen der 70er und 80er Jahre, denn die Aufklärung eines Mordfalles dauert hier mindestens 30 Minuten und nimmt im Falle von Murder on the Orient-Express somit ein Viertel der Laufzeit ein. Diese Zeit braucht es allerdings auch, denn das Schlussfazit ist so einfach wie brillant. Vielleicht werden Sie selber darauf kommen.

Mord im Orient-Express (1974)
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Mord im Orient-Express (1974)
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