(„On the Waterfront“, directed by Elia Kazan, 1954)

“Hey, you wanna hear my philosophy of life? Do it to him before he does it to you.”

Die Frage nach der eigentlichen Großartigkeit dieses Klassikers wird meist mit den acht Oscars begründet, die er einheimsen konnte: Bester Film, bestes Drehbuch, beste Regie und so weiter und so weiter. Welche Argumente mag der Gegenüber haben, wenn man nicht nur ernsthaft behauptet, dass „On the Waterfront“ mittlerweile von seiner Sprengkraft eingebüßt hat, sondern auch, dass er niemals über eine herausragende Sprengkraft verfügte? Es ist Kino aus Hollywood, gemacht für Hollywood, ein Stoff, den die Mitglieder der Academy Awards-Jury einfach lieben müssen, denn es ist ein Kampf gegen Gesetzlosigkeit, gegen das Böse, für das Gute, der Kampf eines Außenseiters, dargestellt von Marlon Brando, verziert mit dem unausweichlichen und arg naiven Happy End, um den Zuschauer nicht mit Magenschmerzen und Depressionen aus dem Kino gehen zu lassen.

Demnach ist es ein netter Film von netten Menschen – vielleicht wollte Elia Kazan mehr erreichen und vielleicht ist ihm das nicht ganz so gut gelungen. Marlon Brando – in einer seiner besten darstellerischen Leistungen und zu Recht ausgezeichnet – mimt Terry Malloy, einen kleinen Gangster aus der Arbeiterschicht, der vorgibt, sich seinen Lebensunterhalt als Hafenarbeiter zu verdienen. Das tut er zwar auch, doch hat er einen nicht unbeträchtlichen Nebenverdienst als Handlanger für die Gangstergemeinde, die am Hafen ihr Unwesen treibt, angeführt von Johnny Friendly (Lee J. Cobb), der unantastbar die ganzen kleinen Gangster im Griff hat, die er ins Unglück stürzt, ihnen aber eine rosige Zukunft verspricht. Anfangs hat auch Terry Malloy keinen Grund, sich zu beschweren, doch eines Abends wird er fortgeschickt, um Lockvogel zu spielen. Ein unliebsamer Kollege, der die ganze Gesellschaft von Erpressern und Mördern verpfeifen will, soll aus dem Weg geräumt werden. Naiv wie er ist, spielt Terry mit – umso geschockter ist er, als er erfahren muss, dass der junge Mann, für den er den Lockvogel spielen musste, umgebracht wurde. Zum ersten Mal hegt er ernste Zweifel an seiner Tätigkeit, doch er weiß sehr wohl, wie schwierig es ist, aus dem Geschäft auszusteigen.

Eines Tages lernt er Edie (Eva Maria Saint) kennen, die Schwester des Ermordeten, eine attraktive junge Dame, die in einem Kloster aufgewachsen ist. Terry verliebt sich in die Blondine, die herauszufinden versucht, wer für den Tod ihres Bruders verantwortlich ist. Nur ihr neuer Freund weiß, dass er es selber ist, der indirekt dafür zur Verantwortung zu ziehen ist. In der stärksten Szene des gesamten Films bittet Edie ihn um seine Hilfe und er will ihr seine ganze Hilfe versprechen. Doch ganz so einfach ist das freilich nicht. Sagt er ihr die Wahrheit, bleibt ihm die Liebe zu Edie verwehrt, sodass er sich in einem schwierigen Gewissenskonflikt sieht. Er kann es ihr unmöglich sagen und wenn er ganz ehrlich zu sich ist, will er ihr aus diesem Grund auch nicht helfen. Zusammen mit der Hilfe von Pfarrer Barry (Karl Malden) beginnt er jedoch langsam und vorsichtig, gegen das Verbrechersyndikat vorzugehen. Ein Unternehmen, das ihm den Kopf kosten kann.

Im Prinzip ist Die Faust im Nacken auch ein kommunistischer Film. Es geht um die Auflehnung, da Unterdrückung der Arbeiterschicht, der kleinen Gangster, die ein unglückliches Leben führen, weil sie für wenig Geld als Hafenarbeiter schuften, während sich ihre Vorgesetzten eine goldene Nase verdienen. Der Kampf gegen die Bonzen beginnt. Kazans Film ist erstaunlich präzise und offen, wenn es um diese Milieuschilderung geht, in denen mit Gewalt gegen alles vorgegangen wird, was einem gefährlich werden könnte. Das wird für Terry Malloy zu einer schmerzhaften Erfahrung, wenn dieser sehen muss, wie sein ermordeter Bruder zum Ausstellungsstück, als Warnung missbraucht wird. Zur süffigen Streichermusik von Leonard Bernstein wird das Umarmen des toten Familienmitglieds zum kitschigen Rührstück, anstatt in seiner Nüchternheit zu verharren, wie es in den besten und intimsten Momenten gelingt, etwa in den Szenen, in denen sich Terry und Edie anzunähern versuchen, ehe sie herausfindet, wer in Wahrheit für den Tod ihres Bruders verantwortlich ist.

Eigentlich ist es eine verurteilte Beziehung, die nur scheitern kann, aber auch hier – so viel sei verraten – hat Kazan das letzte Wort noch nicht gesprochen und wie in den kitschigsten Dramen der 40er lässt er kein Unglück zu, in dem die Botschaft unmissverständlich klarmacht, dass die wahre Liebe immer siegt. Dieses Einknicken, diese Sentimentalität bar jeder Realität, lediglich um sich beim Publikum anzubiedern, mag man Drehbuchautor und Regisseur ankreiden und in der Tat führt sich dieses Konzept konsequent fort, wenn Kazans Film insgesamt selber ein wenig naiv wird, in dem der Kampf gegen das organisierte Verbrechen spielend leicht wie Monopoly gewonnen werden kann – da passt dann auch der rührige Protest am Ende.

Faszinierenderweise ist On the Waterfront weder visuell besonders beeindruckend, noch sind die Dialoge scharf- oder gar tiefsinnig. Kazan diktiert dem Zuschauer seine Gefühle vor, zusammen mit seinem Komplizen, dem Komponisten Bernstein drückt er auf die Tränendrüse, wenn es die Vorlage hergibt und kann seinem realistischen Anspruch, der im gelungenen Anfang deutlich wird, nur mit großen Mühen treu bleiben, bevor er gänzlich zu scheitern droht, wenn er Karl Malden als Pfarrer Barry zur karikierten Figur eines Aufständischen macht, der auch schon mal einen anderen zu Boden boxt, wenn er sich nicht in endlosen Moralpredigten ergeht, von denen man die Reaktion schon im Vorneherein weiß. Elia Kazans Streifen ist am besten, wenn er den großartigen Marlon Brando neben einer attraktiven Eva Maria Saint agieren lässt und ihm dabei möglichst viel Raum zur Entfaltung gibt. Als Ganzes überzeugt „ie Faust im Nacken aber nur schwerlich – man mag sich fragen, ob es damals Kritiker gab, die das ähnlich empfunden haben…

Die Faust im Nacken
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