(„Picnic at Hanging Rock“, directed by Peter Weir, 1975)

“What we see and what we seem are but a dream, a dream within a dream.”

Es gibt Filme, nach denen man zunächst relativ unbeeindruckt fortlebt. Filme, die einem viele Rätsel aufgegeben haben, die man im Nachhinein zu lösen versucht. Erst durch die nachfolgende intensive Beschäftigung mit Fragen dieses Films bemerkt man die wahre Qualität, wenn ein Werk den Zuschauer derart im Griff hat, dass man für einige Zeit nicht losgelassen wird. Picknick am Valentinstag ist so ein starker Film. Unspektakulär möchte man vielleicht erst sagen. Die 103 Minuten des Director’s Cut wirken teilweise arg lang gestreckt, das Finale wird immer wieder von den verschiedensten Personen als unbefriedigend bezeichnet und dabei möchte man, koste es, was es wolle, hinter dieses Geheimnis kommen. Irgendwo im Film müssen Hinweise versteckt sein. Falls sie es nicht sind, wird es wohl immerhin Interpretationen geben, die dabei helfen, dass sich einem das Werk näher erschließt. Man analysiert einen Film fast unbemerkt, nicht, weil man es man muss, wie es einem in der Schule der Lehrer aufgetragen hat, sondern weil man es will, um den Film verstehen zu können.

Der Zuschauer muss dabei immer das Gefühl haben, dass ein Regisseur oder Drehbuchautor einem die Chance dazu gibt – zu stark surrealistische Gebilde wirken dem entgegen. Der Zuschauer will das Gefühl haben, eine Chance bekommen zu haben. Es liegt in den Händen des jeweiligen Individuums, was man daraus macht. Picnic at Hanging Rock, einer der großen australischen Filme, funktioniert auf mehreren Ebenen und kann auf mehreren Ebenen interpretiert werden. Peter Weir gibt Hilfen, formuliert jedoch nie etwas deutlich aus. Hinweise, Anstöße, im Großen und Ganzen erscheint es zunächst jedoch wie ein großes Mysterium.

In diesem Mysterium befindet sich eine Gruppe junger Mädchen, die sich gerade in ihrer Pubertät befinden. Sie alle sind Schülerinnen in einem Mädchenpensionat im Jahre 1900, als sie an einem Valentinstag einen Ausflug unternehmen dürfen. Unter der Aufsicht von zwei Lehrerinnen begeben sie sich an den „Hanging Rock“, eine Millionen Jahre alte Gesteinsformation in Australien. Bald jedoch geschehen seltsame Dinge: die Uhren bleiben um Punkt 12 Uhr stehen, rote Wolken zeichnen sich am Himmel ab, ohne Vorwarnung schlafen alle Anwesenden ein. Dann geschieht das Unfassbare: drei Mädchen verschwinden. Magisch angezogen von dem Felsen wandern sie willenlos immer weiter in ihn hinein – auch eine Lehrerin kann dem nicht widerstehen. Bald beginnt eine fieberhafte Suche, in deren Verlauf auch die Polizei eingeschaltet wird. Doch anfangs besteht kaum Hoffnung. Von den vier verschwundenen Damen fehlt jede Spur. Unterdessen wird im Internat eine weitere Geschichte erzählt: es ist die von Sara, einem einsamen Mädchen, das eine im Felsen verschwundene Freundin abgöttisch verehrt und die es schwer hat, unter dem strengen Regiment der Direktorin (Rachel Roberts) zu bestehen.

Die Autorin der Romanvorlage, Joan Lindsay, schwieg sich dazu aus, ob die Vorfälle auf wahren Begebenheiten beruhen oder nicht. Der Leser solle selbst urteilen, schrieb sie. Dabei präsentierte die 1896 geborene Australierin auch in ihrem Roman keine eindeutige Aufklärung, woraufhin einige Leser protestierten. In Wahrheit hatte sie jedoch ein eindeutiges Finale vorgesehen – welches hier nicht erörtert werden soll, für die, welche den Film noch nicht gesehen haben – doch ihr Verlag entschied, das finale Kapitel nicht zu veröffentlichen. Die Autorin stimmte zu, einigte sich jedoch darauf, dass nach ihrem Tod die ursprüngliche Version veröffentlicht werden solle. Das geschah auch. Peter Weirs Film entstand vor ihrem Tod und tat gut daran, keine eindeutige Auflösung zu bieten, denn auf diese Weise wird die den gesamten Streifen durchziehende Atmosphäre des Unwirklichen nicht zerstört.

Weirs Film handelt von Mystik – sexuelle Mystik des Heranreifens, zwischenmenschliche Mystik, die nur teilweise verrät, welche Beziehung die Personen zueinander haben und die „übernatürliche“ Mystik, was hinter dem Geheimnis des Verschwindens der vier Damen steckt. Erzählt wird die Geschichte zunächst aus Sicht der jungen Miranda, bis diese spurlos verschwindet und die Konstruktion dieses Charakters, als auch die Art und Weise, wie Peter Weir sie auf der Leinwand darstellte, lässt einen anfangs glauben, das Konzept des Films durchschaut zu haben. Als Ursache für das Stoppen der Uhren wird Magnetismus angegeben und man mag schnell begreifen, dass Miranda, dieses wunderschöne, zarte Wesen, der Magnet ist, der sowohl alle zum Stillstand bringt, aber auch jeden in ihren Bann zieht. Sie sei der „Boticelli-Engel“ schwärmt eine Lehrerin und man muss sie nur von weitem sehen, um ihr nicht widerstehen zu können. Das muss auch Michael erfahren, der nicht anders kann, als ihr zu folgen. Miranda ist pure Poesie, ein engelhaftes Geschöpf, das wie aus einem Gemälde entsprungen scheint und einem alles und doch auch nichts über das Geheimnis des Hanging Rocks erzählen kann.

Vielleicht ist dabei der Erzählstrang der jungen Sara im Internat interessanter und vielsagender als das bloße Verschwinden ihrer Freundinnen und ihrer Erzieherin. Zwar werden die beiden Erzählstränge (zumindest nicht im Director’s Cut) am Ende nicht komplett miteinander verwoben, doch erzählt dieser Aspekt vieles über das Miteinander in dieser Institution, die am Ende selber zu einem Ort des Horrors wird, überschattet von mehreren Ereignissen, die das Unglück mit sich brachten. Weir ist gut darin, die Folgen des Vorfalls am Hanging Rock mit dem Leben im Internat zu verknüpfen, wenn es darum geht, zu beleuchten, wie die Menschen in dieser Anstalt und auch im Dorf mit den unerklärlichen Vorfällen umgehen. Der Regisseur ist nicht an oberflächlichen Schockeffekten interessiert, sondern am inneren Drama der verschiedenen Charaktere. Wahrscheinlich ist das Grund für die starke, bedrohliche Atmosphäre dieses Werks, wenn die Ohnmacht aller Beteiligten – nicht nur die der Erzieher – ersichtlich wird. In dieser Hinsicht konzentriert sich Peter Weir nicht auf den verklärenden Mystizismus, was nun letztlich hinter dem Verschwinden steckt, sondern auf die Auswirkungen dieses Vorfalls.

Von diesen Charakterstudien abgesehen, wartet Picnic at Hanging Rock mit einigen starken, fesselnden, sogar furchteinflößenden Szenen auf, in denen der Regisseur mit den bescheidensten Mitteln arbeitet: ineinander über fließende Bilder mittels kontrastierender Collagen, schnelle Schnitte und Geräuscheffekte – zu denen neben unverständlichen Stimmen auch das sogenannte „weiße Rauschen“ gehört – bauen eine schier unerträgliche Spannung auf. Man könnte meinen, der Film verliere im weiteren Verlauf immer mehr von dieser Spannung, doch bei genauerer Beschäftigung erweist sich das als das genaue Gegenteil. Picknick am Valentinstag gibt zahlreiche Rätsel auf. Ein mächtiger und reichhaltiger Film, der viel Stoff für Diskussionen und Interpretationen bietet und der voller Magie steckt.

Picknick am Valentinstag
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