(„Three Days of the Condor“, directed by Sydney Pollack, 1975)

„You think not getting caught in a lie is the same thing as telling the truth?”

Joseph Turner (Robert Redford) ahnt erst später, was für ein unfassbares Glück er gehabt hat, als er sechs Leichen an seinem Arbeitsplatz findet. Durchschossen von zahlreichen Kugeln.

Seit der „Watergate“-Affäre, die ab 1972 offen gelegt wurde, zeigten die Vereinigten Staaten eine ausgesprochene Vorliebe für paranoide Verschwörungsthriller. The Parallax View, All the President’s Men, Three Days of the Condor. Letzterer wurde 1975 von Sydney Pollack inszeniert, der sich einen Roman von James Grady zur Vorlage nahm, in dem es um Verschwörungen innerhalb der CIA geht. Sydney Pollack, der 2008 im Alter von 73 Jahren verstarb, war in seiner langen Karriere nicht nur Regisseur, sondern auch erfolgreicher Produzent und trat bisweilen in einigen Filmen als Schauspieler auf – nicht nur in seinem eigenen Klassiker Tootsie mit Dustin Hoffman, sondern auch in Woody Allens Husbands and Wives, in welchem er auf eine wesentlich jüngere Frau hereinfällt, die ihm den letzten Nerv raubt.

Als Regisseur zählt Die drei Tage des Condors sicherlich zu seinen bekanntesten Filmen – und auch zu den gelungensten, wenn Pollack Alfred Hitchcock Tribut zollt, indem er seinen Charakter Joseph Turner von mehreren Seiten über mehrere Tage lang jagen und Erinnerungen an Der unsichtbare Dritte wach werden lässt. Turner ist nämlich CIA-Agent, der verdeckt in einem kleinen Büro inmitten von New York Bücher liest. Mehrere Sprachen beherrschend, verschlingt er allmögliche Lektüre, welche ihm vor die Nase gesetzt wird. Er untersucht sie auf verdächtige Hinweise, Spure, Ideen, die der CIA gefährlich werden könnte. Dass es kein guter Tag für ihn werden würde, steht bereits vor Arbeitsantritt fest, denn Turner ist wieder einmal zu spät. Zu allem Überfluss ist er auch noch an der Reihe, Essen für die Mitarbeiter zu besorgen. Da es stark regnet, benutzt er um die Mittagszeit den Hinterausgang, um zu einem kleinen Imbiss zu gelangen, in dem er die Mahlzeiten kauft, um sie ins Büro zu bringen.

Die Bluttat, die er dort vorfindet, trifft ihn hart, denn unter den Opfern befindet sich auch seine Freundin. Nervlich angespannt, ruft er die Zentrale in Washington an. Dort ist man sofort bemüht, ihn aus der gefährlichen Situation herauszuholen, denn es besteht kein Zweifel daran, dass noch immer Killer hinter Joseph Turner her sind, die ihn überall in New York aufspüren können. Doch als die angeblichen Freunde und Kollegen aus Washington eintreffen, entpuppt sich dies als Hinterhalt und Turner entgeht – erneut – nur knapp seinem brutalen Tod. In die Enge getrieben, versucht er verzweifelt, herauszubekommen, wer hinter den Morden steckt und vor allem, wie er sich in Sicherheit bringen kann, denn ein Auftragskiller (Max von Sydow) ist ihm immer auf den Fersen. Turner kann niemandem trauen – da kommt ihm eine unschuldige Passantin – Kathy (Faye Dunaway) – gerade recht. Sie ist die einzige, der er vertrauen kann. Doch kann er das wirklich?

Faye Dunaway ist nicht nur erstklassig besetzt, sondern erweist sich auch hier erneut als eine brillante Schauspielerin, deren Angst und Unsicherheit in jeder Sekunde spürbar sind, die aber auch ihren Charakter zu einem warmen, menschlichen Wesen voller Ehrgeiz, Fantasien und Wünschen zu gestalten weiß. Der große Unterschied zu den meisten modernen (Action)thrillern liegt hier in den Händen der Schauspieler, wenn ihr Seelenleben, nicht nur durch Gestik und Mimik, genauestens ergründet wird. Scheint die sich anbahnende Liebesgeschichte auf den ersten Blick arg konstruiert und unglaubwürdig, ist sie auch Auslöser für eine der filmisch interessantesten Sexszenen der Geschichte. Die augenscheinliche Liebe zwischen dem Gejagten Joseph Turner und der Fotografin Kathy ist geboren aus der Notwendigkeit. Turner weiß genau, mit den Emotionen der wehrlosen Frau zu spielen, wenn er sich dessen bewusst ist, dass für ihn die einzige Möglichkeit besteht, unentdeckt zu bleiben die Verführung Kathys ist. Denn sie ist es, die lernen muss, ihm zu vertrauen, wenn er nicht von ihr verraten werden will. Der Geschlechtsakt ist für ihn der unumgängliche Zwang, der ihn in die Arme dieser Frau treibt, während Sydney Pollack zuvor geschickt in das Seelenleben des Charakters der Fotografin leuchtete, indem er die Kamera auf Fotografien dieser Frau hielt, die genau das ausdrücken, wonach sich Kathy sehnt.

Es sind trostlose Bilder, schwarz-weiß und ohne Leben. Joseph Turner ist es, der sogleich entdeckt, dass dies eine Frau sein muss, die eine besondere Obsession mit dem Tod hat. Eine einsame Frau, leicht durchschaubar, die ihre Wünsche und Fantasien auslebt, indem sie mit dem Mann, der nicht mehr lange leben dürfte, den Geschlechtsakt vollführt. All dies ist von Pollack in magischen Bildern und einer originellen Schnitttechnik eingefangen, die keinen Zweifel an den morbiden Gedanken der Protagonistin lassen. Die Kamera fällt auf die düsteren Bilder, Schnitt zum sich liebenden Paar, Überblendung und Close-Up zu Faye Dunaway, deren Gesicht schmerz verzerrt und gleichsam lustvoll ist – erneut Schnitt zu den Bildern und eine Wiederholung des ganzen Prozesses. Die emotionale Kraft dieses geladenen Krimis ist es, was ihn in den ruhigeren Momenten am Leben hält. Faye Dunaway als Kathy weiß, dass sie ihren Freund, der in Vermont wartet, enttäuschen und belügen muss, wenn sie nicht angeschossen werden will. Ihre Gedanken sind weit weg, sie ist nicht konzentriert, nimmt die Stimme ihres lästigen Lebensgefährten kaum wahr – sie muss sich entscheiden, kann aber nicht anders, als sich in einer gefährlichen Zwischenwelt zu befinden, in der Entscheidungen unmöglich zu fällen sind.

Die drei Tage des Condor hält für den Zuschauer kaum eine Atempause bereit, denn Regisseur Pollack inszenierte durch zahlreiche schweißtreibende Szenen ein Feuerwerk der Klaustrophobie und des Verfolgungswahns. Ein steiniger Weg, der mit zahlreichen Leichen gepflastert ist und den Joseph Turner gehen muss – ob er will oder nicht. Zum kongenialen Highlight wird eine Fahrstuhlfahrt zwischen dem Opfer Joseph Turner und dem Täter des Serienkillers in Gestalt des Hünen Max von Sydow. Jede Sekunde muss Turner darauf gefasst sein, erschossen zu werden. Doch er zweifelt, er muss sich etwas einfallen lassen. Hat er noch eine Chance? Wie oft wird er seine Verfolger noch einmal austricksen können?

Die drei Tage des Condor
3.17 (63.33%) 6 Artikel bewerten

Die drei Tage des Condor
10von 10

Über den Autor

Eine Antwort

  1. Ijon Tichy

    Ein toller Thriller, der von Beginn an fesselt! Pollack gefällt mir eigentlich immer sehr gut, vor allem wenns auch politisch wird (Die Dolmetscherin oder Von Löwen und Lämmern)

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