(„たそがれ清兵衛“ directed by  Yôji Yamada, 2002)

Ein Samurai-Film ohne jeden Zweifel aber nicht so wie man dies üblicherweise kennt. Es kommen so gut wie fast keine edlen Schwertduelle zum Zuge vielmehr geht es Yôji Yamada darum den Alltag eines japanischen Kriegers gegen Ende der Tokugawa-Ära wiederzugeben. Er bedient sich dabei frei an diversen Erzählungen des Schriftstellers Shûhei Fujisawa.

Die Hauptfigur darin ist Seibei Iguchi (Hiroyuki Sanada), ein alleinerziehender und verschuldeter Samurai der mit einem Verdienst von gerade mal 50 Reisscheffeln nicht unbedingt zu den Reichsten des Dorfes gehört. Tagsüber arbeitet er als Schreiber in der fürstlichen Speicherkammer, abends versorgt er seine zwei Töchter und seine senile Mutter, kümmert sich um die Feld- und Hausarbeit. Kein Wunder also dass er Tag für Tag das Angebot seiner Arbeitskollegen ablehnt nach getaner Arbeit im Wirtshaus vorbeizuschauen. Zusätzlich mangelt es ihm an Zeit um sich um Hygiene und sein Äußeres zu kümmern – ein wichtiges Detail für einen Mann seines Standes – was ihm beim Überraschungsbesuch des Daimyō schlussendlich auch in Schwierigkeiten bringt.

Trotz seiner misslichen Lage dient er aber dem Adel weiterhin gehorsam und loyal, hält sich ans Gesetz und fürchtet genau wie der Rest die Meiji Restauration die vor der Tür steht.  Die vergeblichen Versuche von Bekannten und Seibei’s griesgrämigen Onkel eine Ehefrau für ihn zu arrangieren scheitern kläglich, erst seine frühere Jugendliebe Tomoe Iinuma (Rie Miyazawa), die sich erst vor kurzem vom Trunkenbold Toyotarou Kouda (Ren Ôsugi) scheiden ließ, wird sein Herz erobern können.

Man irrt nun aber wenn man glaubt es handle sich hierbei um eine platte Liebesstory angesiedelt im japanischen Mittelalter. Vielmehr gewinnt Yamadas Film durch die fast gänzliche Abwesenheit von Gewalt und Schwertkämpfen an Intensität und Tiefe. Die Charaktere werden schön herausgearbeitet, die komplexe Familiendynamik und soziale Umgangsformen detailliert und glaubwürdig wiedergegeben. Selbst die zwei einzigen Duelle im Streifen konzentrieren sich weniger auf den Brutalitätsakt selbst sondern auf die Interaktion zweier Individuen die sich respektieren aber nach gewissen Prinzipien leben. Dies hat zur Folge dass die angewandte Gewalt nicht zu einem durchchoreographierten Blutbad sondern ebenfalls zu einer sorgfältig aufgebauten Konversation verkommt.

Hiroyuki Sanada spielt sehr gekonnt aber vor allem sehr bewegend. Das tolle an seiner Figur ist dass unter dem scheinbar harmlosen Hausmann und Vater ein kaltblütiger Krieger steckt der immer dann zum Vorschein kommt wenn die Situation es gerade erfordert. Man hat das Gefühlt als wäre Samurai in der Dämmerung ausschließlich um Sanada aufgebaut, bis auf Miyazawa verkommt der Rest deswegen zu Komparsen mit unterschiedlicher Wichtigkeit. Der Charakter von Miyazawa verändert schlussendlich deutlich den Grundtenor, denn sie hat längst die antiquierte Denkweise einer Feudalherrschaft abgelegt und findet beispielsweise Gefallen an Bräuchen und Aufführungen der Bauern. Einmal mehr wird es deswegen eine Frau sein die des Mannes Horizont erweitert.

Eingerahmt wird das Ganze von wundervollen und farbenprächtigen Bildern und einem sehr schönen Soundtrack. Die Lücken der öfters vorkommenden Zeitsprünge füllen die Worte von Iguchis jüngster Tochter, die ihre Erinnerungen Revue passieren lässt. Obwohl Yamada sich mit jeder einzelnen Szene viel Zeit lässt wirkt der Streifen mit seinen über zwei Stunden Laufzeit keineswegs langatmig. Auch die fehlende Action vermisst der aufmerksame Zuschauer nicht, denn es sind die vielen kleinen Details die den Film so liebenswert machen. Iguchis Aufopferung für seine Kinder und ihr gemeinsames Heim bilden ein ergreifendes Identifikationsmerkmal für das Publikum.

Samurai in der Dämmerung ist also ein höchst untypischer Samuraifilm und kein mit Geschichte gespicktes Epos, sondern ein fast zärtliches Werk über menschliche Beziehungen in einer faszinierenden Epoche.



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Samurai in der Dämmerung
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