
Im Berliner Funkhaus arbeitet der griechische Dirigent Teodor Currentzis mit seinem Utopia Orchestra an Gustav Mahlers dritter Sinfonie. Immer wieder unterbricht er die Proben, singt Passagen vor, fordert andere Akzente oder sucht nach dem richtigen Verhältnis zwischen den Instrumenten. Die Kamera beobachtet nicht nur ihn, sondern auch die Musiker und die Menschen hinter den Reglern. Dazwischen sitzt Currentzis allein auf einer Couch, hört die Aufnahme des letzten Satzes und spricht über das, was diese Musik in ihm auslöst. Eine weitere Ebene führt zur Entstehungszeit des Werks: Historische Äußerungen Mahlers, darunter Briefe an die Sängerin Anna von Mildenburg, begleiten Bilder eines jungen Liebespaars, das sich über das Gelände des Funkhauses bewegt.
Wenn ein Dirigent nicht locker lässt
„Die meisten Profimusiker spielen jede Woche, weil sie es müssen, nicht weil sie es wollen“, sagt Teodor Currentzis irgendwann. Doch für die Musiker seines Utopia Orchestra gelte das gerade nicht. Sie hätten sich die Begeisterung für die Musik bewahrt, die im professionellen Konzertbetrieb allzu leicht verloren gehe. Sein Ensemble sei gewissermaßen ein Jugendorchester aus Profimusikern, erklärt der 1972 in Athen geborene Dirigent. Menschen also, die ihr Handwerk perfekt beherrschen, aber noch immer mit der Neugier und Leidenschaft ans Werk gehen, die sie einst zur Musik gebracht haben. Dass Currentzis diesen Anspruch auch selbst vorlebt, lässt sich in den folgenden Proben eindrucksvoll beobachten.
Jan Schmidt-Garre tut genau das. In Junkies of Dreaming – Mahler 3 Currentzis lässt uns der Regisseur, der sich schon in Filmen über Sergiu Celibidache und Wilhelm Furtwängler mit Dirigenten beschäftigt hat, ungewöhnlich nah an die Arbeit des Orchesters heran. Eine Passage wird gespielt, unterbrochen, erläutert und neu versucht. Was beim ersten Durchgang schon beeindruckend klingt, soll beim nächsten noch eine andere Spannung bekommen. Currentzis gestikuliert, singt, formt die Musik mit dem ganzen Körper. Mal wirkt das wie eine sehr genaue Arbeitsanweisung, mal fast wie der Versuch, einen Gedanken mit Händen und Füßen zu übersetzen.
Das Faszinierende ist dabei nicht allein Currentzis. Es sind auch die Blicke der Musiker, ihre Reaktionen auf eine winzige Änderung, das geduldige erneute Ansetzen. Der Film zeigt, wie viel Abstimmung nötig ist, bevor ein großes Orchester scheinbar mühelos zusammenklingt. Und er macht verständlich, dass eine Partitur nicht einfach eine Gebrauchsanweisung ist, die man nur korrekt abzuarbeiten hätte. Gerade Zuschauer, die sich mit klassischer Musik weniger beschäftigen, dürften hier einiges entdecken.
Musik, die keine Bilder braucht
Auch handwerklich hat Schmidt-Garre einiges aufgeboten. Das breite Bildformat gibt dem Orchester Raum, Licht und Schatten verleihen dem Probenalltag etwas Feierliches, ohne dass die Kamera ständig den großen Auftritt suchen müsste. Noch wichtiger ist der Schnitt: Er lässt den Blick zwischen Currentzis und den Musikern wandern und hält die Abläufe nachvollziehbar. Die Passagen, in denen der Dirigent später die Aufnahme hört und seine Gedanken dazu formuliert, ergänzen diese Beobachtungen sinnvoll. Hier begegnen sich das, was im Probenraum tatsächlich passiert, und das, was Currentzis innerlich zu erreichen versucht.
Nicht jede Idee des Regisseurs geht allerdings auf. Um Mahlers Musik mit dem Leben ihres Schöpfers zu verbinden, lässt er ein junges Paar auftreten, dessen Bilder von historischen Zitaten begleitet werden. Das soll wohl Gefühle und Erinnerungen aufrufen, die hinter den Noten stehen. Doch gerade die dritte Sinfonie braucht solche Nachhilfe nicht. Die Szenen behaupten eine zusätzliche Tiefe, ohne viel hinzuzufügen, und nehmen dem Film zwischendurch den Schwung, den seine Probenbeobachtungen entwickeln. Ein wenig mehr Vertrauen in die Musik wäre hier die bessere Entscheidung gewesen.
Es gibt noch eine andere Leerstelle. Über Currentzis, seine Verbindungen nach Russland und seine Haltung zum Krieg gegen die Ukraine wird nicht gesprochen. Natürlich muss eine Dokumentation über eine Orchesterprobe nicht sämtliche politischen Kontroversen ihres Protagonisten aufarbeiten. Wenn sie ihn aber so nah begleitet und seine Vorstellungen von künstlerischer Freiheit so ernst nimmt, wäre zumindest eine knappe Einordnung angebracht gewesen. Das ändert wenig an der Qualität der musikalischen Einblicke, lässt das Porträt aber ein Stück zu glatt erscheinen.
Trotzdem überwiegt der positive Eindruck. Junkies of Dreaming – Mahler 3 Currentzis ist dann am besten, wenn niemand erklären muss, warum Musik wichtig ist, weil man es den Beteiligten beim Arbeiten ansieht. Nach dem Abspann möchte man Mahlers Dritte am liebsten gleich noch einmal hören. Nicht weil der Film sie vollständig erklärt hätte, sondern weil er neugierig darauf macht, was alles in ihr steckt.
OT: „Junkies of Dreaming – Mahler 3 Currentzis“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Jan Schmidt-Garre
Kamera: Ralph Netzer
Mitwirkende: Teodor Currentzis
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