The Gospel of Revolution
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The Gospel of Revolution

The Gospel of Revolution
„The Gospel of Revolution“ // Deutschland-Start: 2. April 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Es beginnt in El Salvador. Das Land hat sich Regisseur François-Xavier Drouet nicht zufällig ausgesucht, denn die Ermordung des salvadorianischen Erzbischofs Óscar Romero während einer Messe im Jahr 1980 war einer der Schlüsselmomente der historischen Phase Lateinamerikas, die er beleuchten will.  Er setzt damit den Ton für einen Dokumentarfilm, der weniger eine lineare Geschichtserzählung als vielmehr eine Annäherung ist – an eine Bewegung, deren theologischer Anspruch zutiefst politisch war. The Gospel of Revolution widmet sich der Befreiungstheologie, jener Strömung innerhalb der katholischen Kirche, die in den 1960er Jahren entstand und sich entschieden auf die Seite der Armen stellte. Drouet rekonstruiert ihre Geschichte entlang einer Reise durch vier Länder: El Salvador, Brasilien, Nicaragua und Mexiko – bevor der Film wieder nach Brasilien zurückkehrt. Diese geografische Struktur ersetzt die Chronologie; sie erzeugt ein Mosaik, das sich erst nach und nach zu einem Gesamtbild fügt. 

Klassische dokumentarische Mittel

Dabei vertraut Drouet auf klassische dokumentarische Mittel. Sorgfältig montiertes Archivmaterial trifft auf klug ausgewählte Zeitzeugen. Die aktuellen Gespräche mit Persönlichkeiten, die selbst Teil dieser Geschichte waren, sind dabei am erhellendsten: der belgische Priester Roger Ponseele, der sich in El Salvador der Guerilla anschloss; der brasilianische Theologe Leonardo Boff, der offen über seine Konflikte mit dem Vatikan spricht; oder die nicaraguanische Journalistin und Theologin María López Vigil, die die moralische Dringlichkeit jener Jahre reflektiert. Ihre Stimmen verleihen dem Film eine Authentizität, die sich nicht inszenieren lässt. 

Drouet gelingt es, die Befreiungstheologie nicht als abstrakte Idee, sondern als gelebte Praxis sichtbar zu machen. Er zeigt, wie aus biblischen Texten politische Handlungsanweisungen wurden, wie sich Glaubensgemeinschaften in basisdemokratische Bewegungen verwandelten und schließlich zu einem entscheidenden Faktor in den revolutionären Kämpfen Lateinamerikas avancierten. Dass diese Bewegungen lange Zeit – insbesondere aus westlicher Perspektive – als „terroristisch“ diffamiert wurden, gehört zu den bitteren Ironien, die der Film unaufdringlich, aber deutlich herausarbeitet. 

Fremdkörper in einem präzise recherchierten Film

Gleichzeitig spart The Gospel of Revolution nicht an kritischen Perspektiven. Die Rolle der USA, die in der Befreiungstheologie eine größere Bedrohung sahen als im Kommunismus, wird ebenso beleuchtet wie die zunehmend restriktive Haltung des Vatikans unter Johannes Paul II. Der Film zeigt, wie eine einst dynamische Bewegung politisch und institutionell marginalisiert wurde – nicht zuletzt durch das Erstarken evangelikaler Strömungen, die ein gänzlich anderes, oft marktwirtschaftlich geprägtes Weltbild vertreten. Weniger überzeugend sind hingegen die subjektiven Einschübe des Regisseurs. Drouet, der versucht, seine persönliche Geschichte mit der großen historischen Erzählung zu verweben. Diese Passagen wirken wie Fremdkörper in einem ansonsten präzise gearbeiteten Film. Sie mindern nicht den Informationsgehalt, wohl aber die Stringenz der Argumentation. 

Dennoch bleibt The Gospel of Revolution ein bemerkenswertes Werk. Es ist ein Film, der Wissen vermittelt, ohne trocken zu wirken, und der einen oft übersehenen Teil der Weltgeschichte ins Licht rückt. Vor allem aber stellt er eine Frage, die über den konkreten historischen Kontext hinausweist: Was bedeutet es, wenn Glaube nicht tröstet, sondern zum Handeln zwingt? Vielleicht liegt die größte Stärke des Films darin, dass er diese Frage offenlässt. In einer Zeit, in der religiöse Narrative häufig zur Stabilisierung bestehender Verhältnisse dienen, erinnert The Gospel of Revolution daran, dass sie auch deren radikalste Infragestellung begründen können. 

Credits

OT:L’Évangile de la révolution 
Land: Belgien, Frankreich
Jahr: 2024
Regie: François-Xavier Drouet 
Kamera: Colin Lévêque

Bilder

Trailer

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The Gospel of Revolution
fazit
“The Gospel of Revolution” ist ein informativer, klug recherchierter Dokumentarfilm über die politische Sprengkraft der Befreiungstheologie, der durch starke Zeitzeugen überzeugt, sich jedoch mit unnötigen subjektiven Einschüben etwas selbst schwächt.
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