
Es läuft nicht besonders gut bei Barbara Duggen (Eve Connolly). Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass sie noch um ihre kürzlich verstorbene Mutter trauert, hält sie das von ihr geerbte Nähgeschäft nur mühsam am Laufen, zumal ihre Kundschaft noch ziemlich schwierig ist. Als sie nach einem recht unangenehmen Kundentermin nach Hause fahren will, kommt sie an einer für sie höchst unerwarteten Situation vorbei: Zwei Männer streiten sich bei einem missglückten Drogengeschäft miteinander, offensichtlich geht es um jede Menge Geld. Ehe Barbara sich versieht, steht sie vor der vielleicht schwierigsten Entscheidung in ihrem Leben. Soll sie selbst zur Verbrecherin werden, um an das Geld zu kommen, die Polizei rufen oder einfach davonfahren, als wäre nie etwas gewesen?
Was wäre wenn?
Es gibt sie immer wieder im Thrillergenre: Geschichten über bislang unauffällige und unbescholtene Menschen, die auf einmal in ein gefährliches Verbrechen hineingezogen werden. Manchmal geht das auf eine bewusste Entscheidung zurück, in anderen Fällen hatten die Protagonisten und Protagonistinnen keine wirkliche Wahl. Sew Torn – Fäden des Verbrechens greift auf ein solches Szenario zurück, wenn eine junge Frau, die sich gerade in einer privaten wie beruflichen Krise befindet, mit eben einer solchen Situation konfrontiert wird und sich nun fragen muss, wie sie damit umgehen soll. Business as usual also? Nicht ganz. Denn Regisseur und Co-Autor Freddy Macdonald hat sich bei seinem Langfilmdebüt einiges einfallen lassen.
Das erste ist die Erzählstruktur. Dass eine Figur in einem Film wichtige Entscheidungen treffen muss, kommt zwar andauernd vor. Oft geht es ja gerade darum, jemanden zu zeigen, der in einer Ausnahmesituation ist oder an einem Wendepunkt angekommen. Bei Sew Torn – Fäden des Verbrechens werden aber die drei möglichen Entscheidungen der Protagonistin tatsächlich gezeigt, vom Anfang bis zum bitteren Ende. Macdonald ist natürlich nicht der Erste, der Alternativversionen einer Geschichte zeigt. Der naheliegendste Vergleich dürfte Lola rennt sein. Auch dort sehen wir eine Protagonistin, die schnell eine Wahl treffen muss, was zu drei sehr unterschiedlichen was-wäre-wenn-Abläufen führt. Hier ist das ähnlich, wobei sich manche Sachen schon wiederholen. Das gilt sowohl für die Figuren, die auftauchen, wie das Ergebnis.
Absurde Nähkunst
Tatsächlich originell ist aber, was die Protagonistin hier konkret macht. Genauer ist es ihr einfallsreicher Umgang mit Nadel und Garn, der den Film zu etwas Besonderem macht. Man sollte ja meinen, dass dieser Beruf eher weniger dazu geeignet ist, beim Umgang mit Kriminellen gewappnet zu sein. Aber Barbara ist kein gewöhnlicher Mensch. Was sie da so fabriziert, lernt man eher nicht in einem Nähkurs. Das erreicht vielmehr MacGyver-Absurditätslevel. Ein großer Teil des Spaßes bei Sew Torn – Fäden des Verbrechens besteht dann auch in der Neugierde, was die Frau wohl als nächstes macht und auf welch groteske Weise dann doch irgendwie alles schiefgeht.
Klar ist das übertrieben, soll es auch sein. Man kann sich auch darüber streiten, ob das hier nun ein Thriller oder nicht vielleicht doch eine Komödie ist. Die US-amerikanisch-schweizerische Coproduktion, die auf dem South by Southwest Festival 2024 Weltpremiere hatte, ist da schon recht eigenwillig. Manchen wird der Film vielleicht auch zu wenig sein. Weder macht er sich wirklich Gedanken zu Themen wie Schicksal und freie Entscheidung noch führt die Wiederholung der Ereignisse zu nennenswerten Aha-Effekten, die über eine pure Unterhaltung hinausgehen. Man merkt dann doch, dass das hier auf einem Kurzfilm basiert, im Grunde wurden drei Kurzfilme beliebig aneinandergereiht. Und doch macht Sew Torn – Fäden des Verbrechens durchaus Spaß, wenn man sich auf dieses auch visuell sehenswerte Experiment einlässt. Austauschbar ist das Ergebnis zumindest nicht.
OT: „Sew Torn“
Land: Schweiz, USA
Jahr: 2024
Regie: Freddy Macdonald
Drehbuch: Freddy Macdonald, Fred Macdonald
Musik: Jacob Tardien
Kamera: Sebastian Klinger
Besetzung: Eve Connolly, Calum Worthy, John Lynch, K Callan, Ron Cook, Thomas Douglas, Caroline Goodall, Werner Biermeier, Veronika Herren-Wenger, Petra Wright
SXSW 2024
Locarno 2024
Sitges 2024
Max Ophüls Preis 2025
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