
Der 16-jährige Enzo (Eloy Pohu) wächst als Sohn einer wohlhabenden Akademikerfamilie in einer Villa mit Pool an der Côte d’Azur auf. Während sein älterer Bruder Victor (Nathan Japy) den erwartbaren Bildungsweg einschlägt, verweigert sich Enzo den familiären und gesellschaftlichen Erwartungen. Gegen den Willen seiner Eltern (Pierfrancesco Favino, Elodie Bouchez) bricht er die Schule ab und beginnt eine Maurerlehre – obwohl ihm das Handwerk sichtlich nicht liegt. Auf der Baustelle begegnet er dem deutlich älteren ukrainischen Bauarbeiter Vlad (Maksym Slivinskyi), der mit seinen Erfolgen bei Frauen prahlt und ein betont maskulines Selbstbild verkörpert. Dennoch – oder gerade deshalb – fühlt sich Enzo zu ihm hingezogen. Zwischen Bewunderung, Projektion und unausgesprochenem Begehren entwickelt sich eine ambivalente Beziehung, während Enzo zunehmend zwischen den Welten seiner Herkunft und seiner selbstgewählten Realität zerrieben wird.
Doppelte Autorenschaft
Obwohl Robin Campillo bei Enzo Regie führte, wird der Film im Vorspann als ein Film vom 2024 verstorbenen Laurent Cantet bezeichnet – das ist ungewöhnlich, aber sicher folgerichtig. Cantet hatte den Stoff gemeinsam mit Gilles Marchand entwickelt, bevor ihn eine aggressive Krebserkrankung an der Umsetzung hinderte. In enger Abstimmung mit Produzentin Marie-Ange Luciani und Cantets Umfeld übernahm Campillo die Inszenierung – mit dem erklärten Ziel, den Film im Geiste seines langjährigen Weggefährten zu realisieren.
Diese doppelte Autorenschaft prägt Enzo in produktiver Weise. Cantets Handschrift ist unverkennbar: Seit Der Jobkiller (1999) kreist sein Werk um Fragen von Arbeit, Bildung und sozialen Hierarchien. Auch hier strukturiert die Gegenüberstellung von Baustelle und bürgerlicher Villa das Geschehen – zwei Räume, zwischen denen sich Enzo bewegt, ohne in einem von beiden wirklich anzukommen. Wie schon in Auszeit (2001) oder dem mit der Goldenen Palme ausgezeichneten Die Klasse (2008) interessiert sich Cantet für Figuren im Übergang, für Suchbewegungen jenseits klarer ideologischer Zuschreibungen.
Gleichzeitig ist Campillos Einfluss deutlich spürbar. Der Regisseur von 120 BPM, der zuvor als Cutter an Cantets Filmen beteiligt war, bringt eine Sensibilität für Körperlichkeit und Begehren ein, die Enzo subtil durchzieht. Anders als im kollektiven Furor von 120 BPM konzentriert sich diese Perspektive hier jedoch ganz auf das Innere eines Einzelnen. Das Queere erscheint nicht als politisches Programm, sondern als tastende, oft widersprüchliche Erfahrung.
Keine einfachen Deutungen
Zwar lässt sich Enzo als Coming-of-Age-Drama beschreiben, doch unterläuft der Film durchaus die gängigen Muster des Genres. Enzos Rebellion richtet sich gegen Eltern, die ihm mit bemerkenswerter Geduld und Zuneigung begegnen. Seine Ablehnung der eigenen Privilegien wirkt ebenso aufrichtig wie inkonsequent, da er sie gleichzeitig selbstverständlich in Anspruch nimmt. Auch auf der Baustelle bleibt er ein Fremdkörper – irritiert vom demonstrativen Machismo seiner Kollegen und unfähig, sich in deren Welt einzufügen.
Die Beziehung zu Vlad entzieht sich ebenfalls einfachen Deutungen. Dass Enzo in ihm ein alternatives Männlichkeitsbild sucht – jenseits des intellektuellen, bürgerlichen Vaters –, liegt nahe. Doch der Film reduziert diese Dynamik nicht auf eine eindeutige sexuelle Identitätsfrage. Vielmehr bleibt Vlad Projektionsfläche, Katalysator und Rätsel zugleich. Dass sein Verhalten gegenüber Enzo durchweg korrekt bleibt, verstärkt die Irritation: Die Konflikte entstehen weniger aus äußeren Umständen als aus Enzos innerer Unruhe.
Auch auf gesellschaftlicher Ebene arbeitet der Film mit Andeutungen statt mit Thesen. Themen wie Arbeitsmigration, der Krieg in der Ukraine oder die diffuse Verunsicherung einer jungen Generation werden nicht explizit verhandelt, sondern sind in Figurenkonstellationen und beiläufigen Situationen eingeschrieben. Vlad und sein Freund Miroslav (Vladyslav Holyk) stehen dabei ebenso für eine prekäre Realität wie Victors Freundeskreis für ein saturiertes Milieu.
Respektvolle Hommage
Getragen wird das alles von Eloy Pohus bemerkenswert zurückgenommener Darstellung. Mit minimalen Mitteln – kleinen Verschiebungen in Blicken, Gesten und Körperhaltung – macht er Enzos innere Zerrissenheit erfahrbar. Dass der Film sich einer klaren psychologischen Erklärung verweigert, erweist sich dabei als konsequent. Enzos Verhalten bleibt schwer greifbar, mitunter auch schwer erträglich – gerade weil es keine einfachen Gründe gibt, Partei für ihn zu ergreifen. Doch genau darin liegt eine Wahrheit über diese Lebensphase: ihre Widersprüchlichkeit, ihre Unlesbarkeit.
Gleichwohl erreicht Enzo weder die analytische Schärfe von Cantets besten Arbeiten noch die emotionale Wucht von Campillos 120 BPM. Es ist ein Film, der sich bewusst zurücknimmt – vielleicht zu sehr. Einzelne Episoden, etwa Enzos Begegnung mit einer ehemaligen Schulfreundin, wirken erzählerisch lose und bremsen den ohnehin zurückhaltenden Fluss zusätzlich.
So bleibt Enzo vor allem eines: eine stille, respektvolle Hommage an Laurent Cantet und zugleich ein interessantes, wenn auch nicht vollständig ausgereiftes Bindeglied zwischen zwei künstlerischen Handschriften. Dass der Film 2025 die Quinzaine des Cinéastes in Cannes eröffnete, erscheint dabei weniger als Auszeichnung seiner Radikalität denn als Würdigung seines Entstehungskontextes. Ein leiser Film – klug, sensibel, aber nicht ganz zwingend.
OT: „Enzo“
Land: Frankreich, Italien, Belgien
Jahr: 2025
Regie: Robin Campillo
Buch: Laurent Cantet, Robin Campillo
Kamera: Jeanne Lapoirie
Besetzung: Eloy Pohu, Elodie Bouchez, Pierfrancesco Favino, Maksym Slivinskyi, Nathan Japy, Vladyslav Holik, Malou Khebizi, Philippe Petit
Cannes 2025
BFI London Film Festival 2025
Französische Filmtage Tübingen Stuttgart 2025
Internationales Filmfestival Mannheim Heidelberg 2025
Französische Filmwoche 2025
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