
Der schottische Musikmanager Alan McGee (Ewen Bremner) blickt im Gespräch mit der Journalistin Gemma (Suki Waterhouse) auf seinen Lebensweg zurück: von der rebellischen Jugend im Glasgow der 1970er-Jahre über die Gründung seines Labels Creation Records bis hin zum Aufstieg zu einer der schillerndsten Figuren der britischen Musikszene. In rasant montierten Rückblenden erzählt der Film von McGees Entdeckung einflussreicher Bands wie The Jesus and Mary Chain und My Bloody Valentine, vom kommerziellen Durchbruch mit Oasis, aber auch von Drogenexzessen, psychischen Krisen und seinem späteren Flirt mit der Politik von New Labour und Tony Blair.
Zwischen Ekstase und Erzählabkürzung
Schon nach wenigen Minuten macht Creation Stories: Der Mann, der Oasis entdeckte klar, dass es weniger an einer klassischen, fein austarierten Biografie interessiert ist als an einem Rauschzustand. Regisseur Nick Moran inszeniert McGees Leben als grelles, überdrehtes Kaleidoskop, das sich unverkennbar an Trainspotting orientiert – kein Zufall, schließlich wirkt Irvine Welsh am Drehbuch mit, und Danny Boyle ist als Produzent beteiligt. Schnelle Schnitte, Voice-over und halluzinatorische Einschübe treiben den Film voran, als wolle er die Energie der britischen Indie- und Ravekultur der 80er- und 90er-Jahre unmittelbar erfahrbar machen.
Das funktioniert zunächst erstaunlich gut. Gerade in den frühen Passagen, wenn McGee sich aus der Enge seiner Herkunft heraus in die Londoner Szene katapultiert, entwickelt der Film eine mitreißende Dynamik. Bremner trägt das Ganze mit einer Performance, die zwischen Größenwahn, Selbstironie und Verletzlichkeit pendelt und den Film auch dann zusammenhält, wenn er droht, sich in Anekdoten zu verlieren.
Doch genau hier liegt das Problem: Creation Stories: Der Mann, der Oasis reiht vor allem Momente aneinander. Die Begegnungen mit Bands, die legendären Exzesse, der Oasis-Durchbruch – all das erscheint eher als illustrierte Fußnote denn als wirklich durchdrungene Erfahrung. Der episodische Aufbau mag dem Interview-Rahmen geschuldet sein, führt aber dazu, dass zentrale Entwicklungen nur angerissen werden. Wie genau Creation Records funktionierte, welche Konflikte McGee mit seinen Künstlern austrug oder was seine Arbeit als A&R eigentlich ausmachte, bleibt weitgehend Behauptung.
Selbstmythos statt Selbstbefragung
Hinzu kommt, dass der Film konsequent McGees Perspektive folgt – und damit auch seinem Hang zur Selbstinszenierung. Das hat durchaus Unterhaltungswert: Die Anekdoten sitzen, der Ton ist rotzig, und der Film besitzt ein Gespür für die Mythologie einer Szene, die sich stets zwischen DIY-Ideal und Größenwahn bewegte.
Gleichzeitig verhindert diese Nähe aber eine kritischere Betrachtung. McGee erscheint weniger als widersprüchliche Figur denn als Projektionsfläche eines Rock’n’Roll-Narrativs, das man so oder ähnlich schon oft gesehen hat: Aufstieg, Exzess, Absturz, Läuterung. Gerade die spannendsten Aspekte – etwa die Vereinnahmung der Indie-Kultur durch Politik und Markt im Umfeld von Tony Blair und „Cool Britannia“ – werden nur gestreift, obwohl sie dem Film eine zusätzliche Ebene hätten verleihen können.
Stilistische Wucht mit Nebenwirkungen
Auch die Nebenfiguren bleiben blass. Gemma fungiert vor allem als Stichwortgeberin, andere Figuren – insbesondere Frauen – tauchen meist nur am Rand auf. Das verstärkt den Eindruck eines Films, der sich ganz in der Perspektive seines Protagonisten eingerichtet hat und wenig Interesse an anderen Blickwinkeln zeigt.
Formal ist das alles beeindruckend – und auf Dauer ermüdend. Die permanente Überdrehtheit, die schnellen Schnitte und die visuelle Reizüberflutung erzeugen zwar ein Gefühl von Tempo, lassen aber kaum Raum für ruhigere, reflektierende Momente. Und doch gibt es immer wieder Szenen, in denen aufblitzt, was möglich gewesen wäre: wenn Musik und Bild tatsächlich eine Einheit bilden, wenn Bremner McGees Unsicherheiten durchscheinen lässt oder wenn für einen kurzen Moment die Fassade des Mythos Risse bekommt. In diesen Augenblicken deutet sich an, was für ein vielschichtiges Porträt hier hätte entstehen können.
OT: „Creation Stories“
Land: UK, USA
Jahr: 2021
Regie: Nick Moran
Buch: Dean Cavanagh, Irvine Welsh
Kamera: Roberto Schaefer
Besetzung: Ewen Bremner, Leo Flanagan, Suki Waterhouse, Jason Isaacs, Thomas Turgoose, Siobhan Redmond, Richard Jobson, Rori Hawthorn, Henry Ashton, Joseph Millson, Jason Flemyng
Tribeca Film Festival 2021
Amazon (Blu-ray „Creation Stories: Der Mann, der Oasis entdeckte“)
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