
Auf Fuerteventura wollen Désirée (Charity Collin), ihr Freund Elias (Mehmet Sözer) sowie Sal (Michael Ifeandu) für ein paar Tage Urlaub machen. Das Ferienhaus von Désirées Mutter ist der ideale Rückzugsort für die drei Freunde, deren Beziehung zueinander alles andere als einfach ist. Sal ist homosexuell und fühlt sich zu Elias hingezogen, begnügt sich aber auch damit, seine beiden Freunde beim Liebesspiel zu beobachten. Désirée ist sich der Blicke Sals ebenso bewusst wie Elias – vielmehr stört sie die Art ihres Freundes, der mit seinen Gedanken eher bei seiner Steinsammlung ist als bei ihr. Bevor es jedoch zu einer weiteren Auseinandersetzung kommt, werden die drei Freunde mit einem anderen Ereignis konfrontiert. Da Désirées Mutter die Beziehung ihrer Tochter zu einem Weißen nicht duldet, kommt es zum Streit. Letztlich müssen sie alle aus dem Ferienhaus ausziehen – und zu allem Überfluss haben sie nur noch wenig Geld, um über die Runden zu kommen. Während sie versuchen, mit dem Geld so lange wie möglich auszukommen, wird eine Konfrontation mit ihrem Leben, ihrer Beziehung und ihren Prinzipien unausweichlich. All We Ever Wanted ist der erste Spielfilm des ehemaligen Filmkritikers Frédéric Jaeger. Viele Jahre schrieb Jaeger beispielsweise für SPIEGEL Kultur Kritiken, etwa zu Girl oder über die Hype-Kultur in der Kulturlandschaft. Er schreibt leidenschaftlich über die Beiläufigkeit, mit der Filme wie Girl komplexe Beziehungen zeigen, ohne dabei didaktisch oder moralisierend zu werden – ein Konzept, das eine direkte Verbindung zu All We Ever Wanted schafft. Jaeger geht es nicht um das Direkte oder eine klare Moral, da solche Aspekte eine Geschichte oft verflachen und weniger interessant machen. Film schafft Raum, um nachzudenken und Neues zu erkunden, was besonders in Zeiten der Unsicherheit an Bedeutung gewinnt. All We Ever Wanted befasst sich mit Sehnsüchten im Allgemeinen – den sexuellen ebenso wie den materialistischen oder spirituellen. Dabei nutzt Jaeger ein bewusst simples narratives Arrangement aus Figuren, die dem Zuschauer vertraut erscheinen mögen. Der Verlust von Sicherheit wird für sie zu einem Aufbruch ins Ungewisse – zu einer Möglichkeit der Neuerfindung oder ins Leere. Beziehungen sind längst nicht mehr fest, sondern fluide. Liebe und Neigung erscheinen als „alte“ Kategorien, die von Sehnsüchten abgelöst oder zumindest erweitert wurden. Diese Weite spiegelt sich in der kargen Vulkanlandschaft Fuerteventuras wider, in der die drei Figuren ihr Zelt aufschlagen und die den Großteil des Films prägt. „Best friends“, wie es an einer Stelle heißt, sind einem Liebhaber vorzuziehen – wobei weniger eine klassische Freundschaft gemeint ist als vielmehr ein Ausweg aus der Verbindlichkeit einer Beziehung. Sal blickt immer wieder sehnsüchtig zu Elias, was dieser mal zu erwidern scheint und dann wieder zurückweist. Désirée träumt davon, dass Elias mit ihr schläft, während sie selbst schläft. Dieser hingegen scheint sich deutlich mehr für seine Steinsammlung zu interessieren und verbringt Stunden damit, in den Hügeln am Strand nach neuen Exemplaren zu suchen. „Best friends“ wird so zu einem losen, zwanglosen Konstrukt, in dem niemand dem anderen wirklich verpflichtet ist – ebenso fluide wie vieles andere in dieser Welt. Liebe erscheint als Moment des Genusses und der Erfüllung einer Sehnsucht, während die daraus entstehende Gemeinschaft zugleich beliebig wirkt und wie eine Schutzmauer gegen Unsicherheiten fungiert – seien sie finanzieller, emotionaler oder politischer Natur, auch wenn Letzteres im Film nur angedeutet wird. Die Vulkanlandschaft wird dabei zu einer ständigen Erinnerung an Vergänglichkeit – ein Staub der Vergangenheit, der wie ein Damoklesschwert über den fragilen Lebensentwürfen der drei Hauptfiguren schwebt. Inmitten der Wüste betreten die drei Hauptfiguren eine verfallene Hotelanlage. Während sich seine beiden „best friends“ zu langweilen scheinen, tadelt Elias sie für ihren mangelnden Respekt gegenüber einer Ruine, die einst als Arbeits- und Urlaubsort für viele Menschen gedacht war. Doch der Bau wurde abgebrochen, und die Wüste holt sich Stück für Stück zurück, was ihr ohnehin gehört. Elias’ Tadel verhallt jedoch so schnell, wie er geäußert wurde, denn auch er weiß nicht, wie er dieser Situation begegnen soll, die wie eine Metapher für seine eigene emotionale Lage wirkt. Die Investition hat sich in Luft aufgelöst, die Menschen sind verschwunden, und was bleibt, ist ein halbfertiger Bau, der noch immer die Aura eines Ortes des Vergnügens und der Hoffnung trägt – was es umso unerträglicher macht, dort zu verweilen. In solchen Momenten lässt Jaeger seinen Figuren ebenso wie den Orten den nötigen Raum – ohne zu erklären. Entsprechend zurückgenommen ist auch das Schauspiel von Charity Collin, Mehmet Sözer und Michael Ifeandu, die die vagen Ängste ihrer Figuren und das Unausgesprochene in ihr Spiel integrieren. Collin changiert beispielsweise zwischen einem materialistischen, vergnügungssüchtigen Partygirl und Momenten der Verunsicherung und Orientierungslosigkeit. Immer wieder blitzt bei ihr und den beiden Männern ein früheres Leben auf, das vor dem Hintergrund der Wüste zunehmend absurd und deplatziert wirkt. Es scheint sich immer wieder etwas Konkretes herauszukristallisieren – doch ebenso schnell zerfällt es wieder oder entzieht sich der Sprache. OT: „All We Ever Wanted“ Filmfest München 2024 Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.Sehnsüchte erkunden
Am Ende der Sprache und der Bilder
Land: Deutschland
Jahr: 2024
Regie: Frédéric Jaeger
Drehbuch: Frédéric Jaeger
Musik: Oskay Mayböck
Kamera: Maximilian Andereya
Besetzung: Charity Collin, Mehmet Sözer, Michael Ifeandu
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