The Chronology of Water
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The Chronology of Water

The Chronology of Water
„The Chronology of Water“ // Deutschland-Start: 5. März 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Auch wenn der letzte Twilight Teil bereits 14 Jahre zurückliegt und Kristen Stewart sowohl davor als auch danach in qualitativ hochwertigen Filmen auftrat, hängt ihr hierzulande das Image der Ketchupflaschen ausdrückenden und Haare zurückstreichenden Vampirangebeteten leicht nach – das ändert sich hoffentlich spätestens mit ihrem Langfilmdebut als Regisseurin und Drehbuchautorin, The Chronology of Water. Hier verfilmt Stewart die tumultuöse Lebensgeschichte, basierend auf den gleichnamigen Memoiren, von Lidia Yuknavitch: erst großes Schwimmtalent, später drogensüchtig, schließlich Schriftstellerin und Dozentin. Imogen Poots schlüpft in die Rolle der seit Kindheitsbeinen gebeutelten US-Amerikanerin, die erst spät auf die Bremse drückt und Halt in ihrem Leben findet.

Wasser, Körper, Psyche

Flucht – vor der Familie, vor den auftretenden Problemen im Leben, vor einem selbst. Dies ist die einzige Möglichkeit für die junge Lidia, irgendwie mit alledem klarzukommen, was ihr widerfährt. Zuallererst verschwindet sie gänzlich im Wasser des Poolbeckens, schwimmt allen davon, lässt sich selbst auf halben Weg zurück, findet sich irgendwo zwischen den Beckenrändern wieder. Während im Wasser eine Parallelwelt liegt, die einerseits an Erwartungen und Druck gebunden ist, andererseits Lidias Sorgen kurz vergessen lässt, wartet zuhause ein tyrannischer Vater, der sie missbraucht und die Familie inklusive Schwester Claudia (Thora Birch) und Mutter Dorothy (Susannah Flood) knechtet. Nach außen hin wirkt die Familie wie die typische, US-amerikanische Vorstadtfamilie, doch innerhalb der vier Wände ist gar nichts im Lot. Lidia wird früh in ihrer Sexualität gestört, in ihren Vorstellungen von Beziehungen gezeichnet, ihre Mutter ertränkt die Misere im Alkohol, ihre Schwester plant, endgültig abzuhauen.

Nichts läuft in Lidias Leben so, wie es eigentlich laufen sollte – selbst ihre Olympiaträume werden begraben, da die USA die Olympischen Spiele 1980 in Moskau boykottieren, was auch sie endgültig in die Sucht abrutschen lässt. Mittlerweile in Texas wohnend und aufs College gehend, wird deutlich, welche verständlichen Knackse sie aus ihrer Kindheit und Jugend davongetragen hat: Der erste Kerl, der sie vernünftig behandelt, wird abgeschossen, da er für Lidia zu nett ist und sie eine andere Art von Nervenkitzel braucht, den Kristen Stewart fragmentarisch, aber doch kohärent und schlüssig in Form impulsiver Ausraster beschreibt, wobei auch der Bezug zum eigenen Körper eine große Rolle spielt. Yuknavitch liebt es, über die Stränge zu schlagen, zu trinken, bis zur Besinnungslosigkeit zu feiern, und Imogen Poots spielt sich den Allerwertesten ab, um die Leere zu füllen, die ihren Charakter stets einnimmt. Sie weint, sie schreit, sie rauft sich die Haare, verletzt sich, verletzt andere, stolpert in die nächste toxische Beziehung mit einem gewalttätigen Performative Male Atzen mit Rotzbremse und Vokuhila-Ansatz – und holt so das Maximum aus einem teilweise dürftigen Drehbuch heraus.

Ein Hit auf Tumblr

Trotz dankbarer Buchvorlage merkt man The Chronology of Water an, dass es ein Erstlingswerk ist. Ein visuell durchaus beeindruckendes, ein von vornherein mit größeren Namen besetztes Werk, das sich mehr traut als andere kontemporäre Produktionen auf diesem Level. Körniger 16-mm Film, verwaschene Farben, treibend in seinem Storytelling, doch sich zu verlieren drohend, sobald es auf die weite See hinausgeht. Die emotionale Intensität der vorliegenden Geschichte macht es kompliziert, sie gleichzeitig kunstvoll, schockierend und nachdenklich auf die Leinwand zu bringen, und so hübsch die verschiedenen Allegorien und Lebensphasen fürs Auge sind, so zermürbend sind die ständigen Schicksalsschläge für die Seele. Dabei schafft es Stewart zum Großteil, das Leid zu ästhetisieren, ohne es zu beschönigen. Mit dem ein oder anderen schwermütigen Spruch wäre der Film im Jahre 2014 ein Hit auf der Blogging-Plattform Tumblr geworden, die vor Sex und Selbstverletzung nur so strotzte.

Auch wenn Kristen Stewart eindeutig ein Auge für edgy-traumhafte Ästhetik besitzt, ist es der Cast, der hier wirklich einen Homerun hinlegt: Lidias erster Freund Philip wird von Earl Cave, dem Sohn des illustren Musikers Nick Cave, gespielt, Jim Belushi legt eine exzentrisch-lehrreiche Performance als Schriftsteller Ken Kesey hin, der irgendwann hackedicht ins Wasser entschwindet und nie wieder auftaucht, Sonic Youth Sängerin Kim Gordon zeigt mithilfe von S&M Lidia einen Coping-Mechanismus, der für sie endlich mal funktioniert, und Imogen Poots ist in der Hauptrolle schlicht brillant. Die Kurve zu kratzen nach all den Eskapaden, nach all den widerwärtigen Taten ihr gegenüber, ist eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, und Stewart gelingt dies mit allen Ecken und Kanten, die so ein Lebensstil mit sich bringt. Bleibt sie am Ball, könnte sie zu einer der vielversprechendsten Regisseurinnen unserer Zeit avancieren.

Credits

OT: „The Chronology of Water“
Land: USA, Frankreich, Lettland, Spanien, UK
Jahr: 2025
Regie: Kristen Stewart
Drehbuch: Kristen Stewart
Vorlage: Lidia Yuknavitch
Musik: Paris Hurley
Kamera: Corey C. Waters
Besetzung: Imogen Poots, Thora Birch, Susannah Flood, Michael Epp, Jim Belushi

Bilder

Trailer

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The Chronology of Water
fazit
Kristen Stewarts Regiedebut zeigt Schwächen in Drehbuch und Länge, macht dabei vieles mit einem geschmackvollen, atmosphärischen Score von Paris Hurley, einem grandiosen Cast und purer, ehrlicher Rohheit wett. Allen voran lebt „The Chronology of Water“ von Imogen Poots Leistung als Schwimmerin/Schriftstellerin Lidia Yuknavitch sowie von einer ansprechenden, experimentellen Indie-Optik. Könnte vor allem für schwermütige Teens zum Kultfilm werden, bietet aber für alle Fans von trauma-induzierender Unterhaltung ein empfehlenswertes, wenn auch noch ruckeliges, Seherlebnis.
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