
Direkt nach dem Abitur im Jahr 2018 fassen Tim Hund, Vincent Goymann, Thomas Schwarz und Michael Bischof einen ebenso kühnen wie naiven Entschluss: Sie wollen die Welt umsegeln – ohne nennenswerte Segelerfahrung, mit begrenzten finanziellen Mitteln, dafür aber mit umso größerer Risikobereitschaft. Von Fehmarn aus starten sie mit der Yacht Eira in ihr Abenteuer. Anfangs scheint das Unterfangen zu gelingen, doch nach der Atlantiküberquerung zwingt ein Motorschaden in Panama die Gruppe zum Abbruch. Der Traum jedoch bleibt bestehen. Ein zweiter Versuch folgt, diesmal von Marseille aus mit einem neuen Schiff, der Arrya. Noch vor der erneuten Atlantikpassage steigen Michael und Thomas aus, sodass Tim und Vincent die Reise schließlich zu zweit fortsetzen. Was als spontane Idee begann, entwickelt sich zu einem fünfjährigen Projekt, das erst im Sommer 2023 seinen Abschluss findet.
Vom Social-Media-Projekt zum Kinofilm
Während der gesamten Reise dokumentieren die Segler ihr Leben an Bord und an Land mit großem technischen Aufwand. Aus rund 20 Terabyte Rohmaterial entsteht über die Jahre hinweg eine umfangreiche Online-Erzählung: Mehr als 350 YouTube-Videos, produziert, geschnitten und veröffentlicht von Tim Hund, begleiten das Projekt und bauen eine treue Community auf. Gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Tobias Steinigeweg wird dieses Material schließlich zu einem Kinofilm verdichtet: Segeljungs – Mit Null Ahnung um die Welt, der den digitalen Erzählstrom in eine neue, dramaturgisch strukturierte Form überführt.
Man spürt diesem Film in jeder Einstellung sein Gründungsmotto an: „Einfach mal machen.“ Was im gelebten Abenteuer als sympathische Unbekümmertheit erscheint, überträgt sich jedoch nur bedingt überzeugend auf die filmische Form. Segeljungs – Mit Null Ahnung um die Welt ist ein Hybrid aus YouTube-Archiv, Reisedokumentation und nachträglich komponiertem Kinofilm – und genau darin liegt seine Stärke wie auch seine Schwäche.
Überzeugende audiovisuelle Ebene
Formal oszilliert der Film zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite stehen beeindruckende, fast schon postkartenhafte Totalen von Atollen, Lagunen und offenen Ozeanen, die das Fernweh bedienen und die visuelle Verheißung des Projekts einlösen. Auf der anderen Seite dominieren enge, oft wackelige Innenaufnahmen aus dem Bordalltag, aufgenommen mit Smartphones oder Actioncams. Diese unmittelbaren, teils körnigen Bilder erzeugen Authentizität und lassen den Zuschauer zumindest punktuell am emotionalen Ausnahmezustand der Protagonisten teilhaben – insbesondere in Krisensituationen, in denen die Kamera zu einer Art Beichtstuhl wird.
Dass diese heterogenen Bildwelten dennoch zu einem kohärenten Ganzen zusammenfinden, ist vor allem der Montage und dem Sounddesign zu verdanken, die durchweg professionell wirken. Auch die musikalische Gestaltung trägt wesentlich zur Wirkung bei: Die Songs von Sean Koch fügen sich organisch ein, während der Score von Martin Kohlstedt den Bildern eine zusätzliche emotionale Tiefe verleiht, ohne sie zu überfrachten.
Erzählerische Leerstellen
Doch so überzeugend die audiovisuelle Ebene ist, so auffällig bleiben die Leerstellen im erzählerischen Zugriff. Konflikte innerhalb der Gruppe – bei einem fünfjährigen Extremprojekt nahezu zwangsläufig – werden weitgehend ausgeblendet. Erst gegen Ende deutet Tim Hund beiläufig an, dass es durchaus Spannungen gab. Diese bleiben jedoch ebenso unerzählt wie zentrale narrative Brüche: Warum genau die erste Reise abgebrochen wird und man sich plötzlich am Münchner Flughafen wiederfindet oder wie der Übergang zum zweiten Schiff organisiert ist – all das erschließt sich nur fragmentarisch.
Noch gravierender ist das Ausblenden der medialen Dimension des Projekts. Dass die Reise über Jahre hinweg von einer Online-Community begleitet und mitfinanziert wurde, bleibt im Film unerwähnt. Damit unterschlägt die Erzählung einen wesentlichen Teil ihrer eigenen Entstehungsbedingungen – und verzichtet zugleich auf eine Reflexion über das Spannungsverhältnis zwischen Abenteuer und Inszenierung.
Konventionelles Reisetagebuch
So bewegt sich der Film in weiten Teilen auf dem Niveau eines außergewöhnlich gut produzierten, aber letztlich konventionellen Reisetagebuchs. Die Protagonisten bleiben sympathisch, doch sie bleiben auch erstaunlich fern. Die im Nachhinein behauptete Entwicklung vom „Jungssein“ zum Erwachsenwerden bleibt eine Behauptung, die der Film selbst kaum einlöst. Es fehlt die Perspektive von außen, die Reibung, die kritische Distanz – kurz: die dramaturgische Zuspitzung, die aus Erlebtem Erkenntnis macht.
In seinen besten Momenten gelingt es Segeljungs – Mit Null Ahnung um die Welt dennoch, die Faszination der Weltumsegelung spürbar zu machen: das Gleiten durch offene Gewässer, Begegnungen mit Walen, Delfinen oder Haien, das Gefühl von Freiheit und existenzieller Herausforderung. Diese Momente bleiben im Gedächtnis. Doch darüber hinaus hinterlässt der Film nach gut zwei Stunden Laufzeit vor allem eines: den Eindruck, einem ästhetisch gelungenen, aber inhaltlich erstaunlich unreflektierten Abenteuer beigewohnt zu haben.
OT: „Segeljungs – Mit Null Ahnung um die Welt“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Tim Hund, Tobias Steinigeweg
Musik: Martin Kohlstedt, Sean Koch
Kamera: Tim Hund, Vincent Goymann, Thomas Schwarz, Michael Bischof
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