
Der am Anfang noch kleine Daichi (im Erwachsenenalter dargestellt von Takumi Kitamura) ist stumm – nicht aufgrund einer medizinischen Disposition, sondern aufgrund der Gewalt, die sein Vater ihm und seiner Mutter Aki (Rie Miyazawa) antut. Für ihn ist es einfacher, sicherer, nicht zu sprechen, eine dicke Schutzschicht um ihn herum aufzubauen, in einem Leben, das ihm kaum etwas gibt. Über die nächsten ca. 20 Jahre, innerhalb derer immer wieder prägende Ereignisse über Daichi hereinbrechen, ist der Alltag geprägt von einer liebenden, jedoch stark alkoholkranken Mutter, die sich prostituieren muss, um zumindest für ein kleines bisschen Lebensunterhalt aufzukommen, von Psychoterror, die die Freier an Aki und somit auch an Daichi ausüben, sowie vom rauen Wetter in der japanischen Hafenstadt Niigata. Daichi möchte etwas tun, etwas sagen, er möchte leben. Doch der Kloß im Hals sitzt tief.
Umgang mit Kindheitstraumata
Shibire („Numb“) trägt autobiographische Züge des 33-jährigen Regisseurs Takuya Uchiyama, der seinerseits in Niigata aufwuchs. Eine persönliche Note hat das Werk, das bei der Berlinale seine internationale Premiere feierte, allemal. Die merklich händisch geführte Kamera ist die meiste Zeit nah am Geschehen, nah an Daichi, folgt ihm durch die ärmliche Wellblechhütte, in der er und seine Mutter wohnen, durch den nächtlichen Regen, durch Besorgungen (in Form von Diebstahl), die er erledigt, um über die Runden zu kommen. Dabei spricht er kein einziges Wort, greift sich nur an den Hals, wenn er eigentlich nicht mehr stumm sein möchte; doch egal ob er miterlebt, dass seine Mutter von einem Mann geschlagen wird, ob er von einem russischen Hafenarbeiter endlich mal Hilfsbereitschaft erlebt oder ob er in die Augen von dessen Tochter blickt, mit der er so gerne kommunizieren würde: Am Ende zieht alles regungslos an ihm vorbei.
Dass Kinder solche schützenden Mechanismen aufbauen, wenn sie traumatisiert werden, aus dysfunktionalen Familien stammen, ist nur allzu verständlich. Quasi seit Tag eins im Überlebensmodus ist es oftmals eine Taktik, um irgendwie zu überleben, irgendwie die kindliche Psyche zu schützen, die Ereignisse von solch einer negativen Gravitas gar nicht fassen kann. Die Stimmung ist stets bedrückend, die Erzählstruktur langsam, aber eindrucksvoll. All dies sorgt für eine niederschmetternde Sichtung des Films, der trotz alledem die Hoffnung nicht ganz aufgeben möchte. Die Kamera fängt die melancholische, blaue Schönheit der Alltagsumgebung ein, die Naturgewalten in Form vom Wind und vom Meeresrauschen spielen eine große Rolle. Und auch der Glaube an das Gute im Menschen blitzt immer wieder hervor, obwohl alles so verdammt trostlos wirkt.
Stille Gewalt
Numb ist ein perfektes Beispiel dafür, dass in der Ruhe die Kraft liegt, oder in diesem Fall die Gewalt in der Stille. Man möchte in den Momenten, in denen Daichis bemühte, überforderte, erratische Mutter Leid erträgt, in denen die Männer, die immer wieder erscheinen und dann verschwinden, ihr Unwesen treiben, dem Jungen zurufen, dass er doch bitte, endlich etwas sagen möge. Doch was soll er in solchen Situationen schon tun, außer selbst Opfer einer Prügelattacke oder von Beleidigungen zu werden? Die Kraft, die Daichi in sich behält, ist beeindruckend. Diese Kraft ermöglicht es ihm später, sich von dem Sog des familiären Schwarzen Lochs loszusagen und als junger Erwachsener ein moralisch fragwürdiges, sich immer noch leicht am Rande der Gesellschaft befindendes Leben aufzubauen, in dem er jedoch endlich so etwas wie Wohlstand genießt. An seinen Tattoos, unter anderem im Gesicht, merkt man, dass er kein einfacher Handelsvertreter sein kann.
Wie agiert ein Mensch, der innerhalb seiner Familie nie eine Spur von Sicherheit genießen konnte? Nachdem Aki an Leberzirrhose erkrankt, ziehen sie zu ihrer vergeisterten Schwester, die Sektenmitglied ist und die für Daichi ebenfalls kein Anker sein kann. Den Vater kann man sowieso vergessen – doch Daichi kann dies nicht, aus offensichtlichen Gründen, und möchte mit Mitte 20 mit seinem einstigen Peiniger, der weiterhin ein armseliges Leben führt, abrechnen. Doch zur Rachestory wird Numb niemals: Im Vordergrund steht die Emanzipation eines Jungen, der stärker ist, als es ihm seine Lebensumstände erlauben. Und der händeringend versucht, die ihm genommene Stimme wiederzufinden. Bis zu den letzten, kathartischen Minuten bleibt Takuya Uchiyamas dritter Film herzzerreißend, behutsam, sensibel und immersiv.
OT: „Shibire“
Land: Japan
Jahr: 2025
Regie: Takuya Uchiyama
Drehbuch: Takuya Uchiyama
Musik: Mitsugu Shiratori
Kamera: Hyogo Mitsuoka
Besetzung: Takumi Kitamura, Rie Miyazawa, Tsukasa Enomoto, Anji Kato, Masatoshi Nagase
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