Jean-Pierre Dardenne und Luc Dardenne beim Filmfest Hamburg 2025 (Foto: Michael Kottmeier/Filmfest HH)

Jean-Pierre Dardenne / Luc Dardenne [Interview]

Jeunes Mères – Junge Mütter (Kinostart: 5. März 2026) nimmt uns mit zu einer Einrichtung, die werdenden, jungen Müttern mit Rat und Unterstützung zur Seite steht. Beides können Jessica (Babette Verbeek), Perla (Lucie Laruelle), Julie (Elsa Houben), Naïma (Samia Hilmi) und Ariane (Janaina Halloy Fokan) gut gebrauchen, die jeweils gerade ihr Kind bekommen haben oder kurz davorstehen und völlig mit der Situation überfordert sind. Schließlich müssen sie entscheiden, ob sie das Kind behalten oder doch weggeben wollen. Wir haben uns im Rahmen des Filmfest Hamburg 2025 mit den Brüdern Jean-Pierre und Luc Dardenne unterhalten, die Regie geführt und das Drehbuch geschrieben haben. Im Interview spricht das für seine Sozialdramen bekannte Duo über die Entstehungsgeschichte, schwierige Entscheidungen und das Loslösen von familiären Belastungen.

Könnten Sie uns etwas über die Entstehungsgeschichte von Jeunes Meres verraten? Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Jean-Pierre Dardenne: Wir haben mit einer einzigen Figur angefangen, das war Jessica. Jessica sollte eine minderjährige Mutter sein, die in einer solchen Einrichtung lebt. Die Geschichte sollte sich aber gar nicht um diese Einrichtung stehen. Wir wollten davon erzählen, wie sie sich in einen Mann verliebt, der in einer psychiatrischen Einrichtung lebt und schizophren ist. Die Beziehung zu diesem jungen Mann sollte ihr dabei helfen, eine Beziehung zu ihrem eigenen Kind aufzubauen. Wir sind dann in eine solche Maison maternelle gegangen, um Recherchen zu betreiben, und haben dort die unterschiedlichsten Menschen getroffen. Der Ort pulsierte vor frischem, jungem Leben. Dadurch sind wir auf die Idee gekommen, mehrere Geschichten zu erzählen und auch stärker auf die Maison maternelle einzugehen.

Und warum wurden mehrere Geschichten draus? Was war der Vorteil? Sie hätten ja auch stärker Jessica innerhalb der Einrichtung zeigen können.

Luc Dardenne: Wir hatten schon vorher darüber nachgedacht, dass wir etwas an der Struktur verändern, wie wir unsere Geschichten erzählen. Bislang war es so, dass eine Figur einer anderen begegnet und durch dieses Treffen entsteht eine Veränderung. Da hat es einfach gut gepasst, dass wir jetzt mit fünf Figuren arbeiten. Wir hatten Lust darauf, uns einer neuen Herausforderung zu stellen.

Und wie sah dann die Arbeit an dem Drehbuch aus? Worauf kam es Ihnen bei den Geschichten an?

Luc Dardenne: Der erste Schritt war, das alte Drehbuch komplett zu vergessen und wieder bei Null anzufangen. Die Jessica, die wir jetzt im Film haben, hat zwar noch viele Züge von unserer ersten Jessica. Aber das hat sich mehr ergeben. Für das neue Drehbuch war es uns zuerst wichtig, dass die Geschichten sehr viel mehr in der Maison maternelle spielen und dass es stärker um die Beziehungen zwischen den Müttern geht. Der nächste Schritt war, dass diese Protagonistinnen aus der Einrichtung rausgehen und draußen Begegnungen haben und Erfahrungen machen, die sie wieder mit zurück nehmen. Die Geschichten der jungen Mütter sollten ganz individuelle Geschichten sein und von Problemen handeln, mit denen sich die Frauen beschäftigen müssen. Sie müssen sich von der Mutter befreien oder der Illusion einer Beziehung, aus Zyklen, die sie immer wiederholen. Dabei sollte jede Geschichte mit einem Lichtblick enden. Durch die Episodenstruktur und die Maison maternelle kamen die Geschichten dann wieder durcheinander, weil eben Beziehungen zwischen den Frauen entstehen. Aber das kam erst später dazu.

Hatte diese neue Erzählstruktur einen Einfluss auf Ihre Zusammenarbeit? Bei einem Episodenfilm wäre es schließlich möglich gewesen, dass Sie sich die Geschichten aufteilen, einer zwei übernimmt und der andere drei zum Beispiel.

Jean-Pierre Dardenne: In diesem Leben nicht mehr. Wir haben bislang immer alles gemeinsam gemacht und das werden wir jetzt auch nicht mehr ändern.

Sie haben bereits angesprochen, dass sich die Protagonistinnen von etwas lösen mussten. Sie stammen oft selbst aus schwierigen Familien. Kann man überhaupt eine gute Mutter sein, wenn man selbst keine hatte?

Jean-Pierre Dardenne: Es ist auf jeden Fall schwierig. So wie es auch schwierig ist, ein guter Vater zu sein oder allgemein ein guter Mensch zu sein, wenn man eine schlechte Mutter hatte. Der erste soziale Kontakt für jeden Mensch ist der mit der Mutter. Und das gilt auch für unsere Protagonistinnen. Ariane etwa ist eine gute Mutter, weil sie ihr Kind abgeben kann. Wenn Jessica ihrer eigenen Mutter hinterherrennt, dann weil sie von ihr hören will: „Ich liebe dich“. Sie braucht diesen Kontakt, weil sie erkannt hat, wie wichtig dieser ist. Daraus kommt dann aber auch die Hoffnung, dass sie für ihr eigenes Kind eine bessere Mutter sein wird, als sie selbst eine hatte. Perla wiederum will zu ihrer Schwester ziehen, was ihr helfen könnte, eine friedlichere Beziehung zu ihrer eigenen verstorbenen Mutter aufzubauen. Oder zumindest eine weniger schlechte Beziehung. In der Realität tragen diese jungen Mütter eine enorme Last mit sich, die sie aus ihrer eigenen Familie mitbringen. Genau dafür stehen diese Maisons maternelles: Sie wollen diesen Müttern helfen, sich von dieser Last zu befreien.

Einige der Protagonistinnen stehen vor der schwierigen Entscheidung, ob sie die Kinder behalten sollen. Können sie diese Entscheidung überhaupt schon treffen, gerade weil sie so jung sind?

Luc Dardenne: Genau das ist der Grund, warum es diese Maisons maternelles gibt. Die jungen Frauen dürfen bis zu 18 Monate bleiben, bevor sie den Platz an jemand anderes abgeben müssen. In dieser Zeit können sie herausfinden, was die richtige Antwort für sie ist. Denn es ist klar, dass so junge Menschen solche Entscheidungen nicht über Nacht treffen können. Wichtig ist dabei, dass es keine moralische Wertung gibt. Du wirst weder für die eine noch die andere Entscheidung gelobt oder getadelt. Die Maisons maternelles geben nur den Rahmen dafür, dass die Frauen diese Entscheidungen treffen. Eingegriffen wird nur, wenn die Mütter gewalttätig werden oder eine Bedrohung für das Kind vorliegt.

Aber wie schafft man, diese Balance zu halten, auf der einen Seite dazu vorzubereiten, eine Entscheidung zu treffen, ohne eine bestimmte Entscheidung zu forcieren?

Jean-Pierre Dardenne: Natürlich haben die Mitarbeiterinnen alle eine psychologische Ausbildung, die ihnen dabei hilft. Der entscheidende Punkt ist aber, dass sie sich geistig verfügbar halten. Sie sind einfach für diese Mädchen da und wollen das Beste für sie. Sie sind im Rahmen der Arbeitszeit immer ansprechbar und offen für alle Probleme. Das ist das Wichtigste. Und dann sind da natürlich auch die Babys. Die Babys stehen immer an erster Stelle, ihnen muss es gutgehen. Das hilft sowohl den Erzieherinnen wie auch den Müttern. Aber es gibt natürlich auch schwierige Fälle. Da war ein junges Mädchen, das mit seinem Baby in der Maison maternelle war und das Kind behalten wollte. Dann kam aber eines Tages die Mutter des Mädchens an, also die Großmutter des Kindes, und bestand darauf, dass das Kind abgegeben wird und die Tochter zu ihr nach Hause geht. Und sie ist dann auch zu ihr nach Hause gegangen. Die Maison maternelle ist da nicht eingeschritten. Denn wenn sich die Mutter so bedingungslos dem Willen der eigenen Mutter unterwirft, dann ist es vielleicht auch die richtige Entscheidung. Am Ende zählt immer die Frage: Was ist das Beste für das Kind?

Vielen Dank für das Interview!



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