The River Train El Tren Fluvial
© Cinco Rayos

The River Train

„The River Train“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Der neunjährige Milo (Milo Barria) wächst im Hinterland von Argentinien auf, wo er unter dem Druck seiner Eltern leidet. Sein Vater, gleichzeitig sein Trainer, kommandiert den Jungen herum, damit er auf einem Wettbewerb als Malambo-Tänzer brilliert. Seine Mutter wiederum verdonnert den Kleinen zu Hause zum Kochen, Abspülen und Aufräumen. Daher bricht er eines Tages mit dem Zug nach Buenos Aires auf. In dem Großstadtdschungel trifft Milo auf allerlei seltsame Gestalten und ist überwältigt von den vielen Eindrücken der Metropole. Durch Zufall gelangt er zu einem Casting als Kinderdarsteller für ein Theaterstück.

Der Traum von der Schauspielerei flammt schon zu Hause bei seiner Familie vor dem Fernseher auf. In einer kitschigen Telenovela-Serie gesteht ein Darsteller seiner Mutter, in der argentinischen Hauptstadt Schauspieler werden zu wollen. Milo lässt sich von diesem Lebenstraum anstecken, vor allem um seiner Familie zu entkommen. In nur wenigen Szenen skizzieren die beiden Regisseure und Drehbuchautoren Lorenzo Ferro und Lucas A. Vignale das trostlose Leben in der Provinz. Der Vater schreit Milo beim Tanztraining an, die Mutter zwingt ihm Hausarbeiten auf und seine ältere Schwester sitzt teilnahmslos auf dem Sofa. Das gemeinsame Mittagessen ist so deprimierend, dass alle sich nur anschweigen. Langsam fällt den anderen Familienmitgliedern die Augen zu und Milo kann still und heimlich abhauen.

Magischer Realismus

Diese Szene ist eine von vielen kleinen Brüchen in der inszenierten Realität des Films The River Train, der auf der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere feiert. Ganz in der lateinamerikanischen Tradition des magischen Realismus vermischen die Filmemacher Ferro und Vignale die soziale Realität mit übersinnlichen Momenten, wie z.B. das plötzliche Einschlafen der Familie am Essenstisch. Auch in Buenos Aires erlebt der Junge kleine Wunder und andere Sonderbarkeiten. Von einem schlafenden Obdachlosen erfährt er über einen Walkman, wo das nächste Hotel ist, und von zwei Mitbewohnern hört er von dem besagten Casting.

Der junge Schauspieler Milo Barria ist eine wunderbare Entdeckung. Mit minimaler Mimik und gleichzeitig maximalen Ausdruck wandert er ziemlich neugierig durch die Großstadt. An jeder Ecke gibt es etwas zu sehen: Meter hohe Hochhäuser, mehrspurige Autobahnen und jede Menge Menschenmassen. Da Milo scheinbar kein Geld mitgenommen hat, stiehlt er sich eine Empanada aus einem Backshop. Für sein Alter relativ furchtlos navigiert er von A nach B. Daher scheut er auch nicht vor dem Casting zurück. Milo und drei weitere Kandidaten müssen vor laufender Kamera ein schreiendes Baby beruhigen. Er benutzt dabei die harschen Kommandosprüche seines Vaters vom Tanztraining: „Denk nicht, sprich!“ Milo wiederholt es sooft, bis das Baby verstummt und lächelt. Die Casterin ist glücklich. Doch wenig später versaut Milo seine Chance, die Rolle zu bekommen.

Eine einsame Großstadtodyssee

The River Train ist zwar als klassische Coming-of-Age-Story über einen Jungen angelegt, der aus der Enge seines Elternhauses flieht, um sich in der Fremde selbst zu verwirklichen. Aber der Film unterläuft die Erwartung einer Heldenreise. Am Ende ist nicht sicher, ob er seinen Traum als Schauspieler nicht erfüllen kann oder will. Der Blick von Milo wird im Laufe seiner Reise zunehmend orientierungsloser und trauriger. Im Voice-Over liest er einen Brief an seine Familie, die er wortlos verlassen hat. Das Gefühl von Einsamkeit steigt in ihm hoch.

Ein wenig erinnert die Großstadtodyssee an den argentinischen Klassiker Rapado von Martín Rejtman von 1992, in dem einem Teenager sein Motorrad gestohlen wurde, woraufhin er selbst ein anderes stiehlt. Auf ruhige und beiläufige Art erzählt der Film auch von der wirtschaftlichen Misere des Landes zu dem damaligen Zeitpunkt. Die aktuell angespannte Situation in Argentinien streift The River Train nur im Hintergrund. Dafür erzählen Lorenzo Ferro und Lucas A. Vignale sehr sensibel von den verschiedenen emotionalen Zuständen des Jungen. Besonders eindrucksvoll ist die Kameraarbeit von Thomas Gringberg, der im engen 4:3-Format jedes noch so banale Motiv farbenfroh und kunstvoll einfängt. Auch die Akkordeon-Musik von Oniria trägt zur melancholischen Atmosphäre bei. Am Ende träumt man zusammen mit Milo von seiner Familie, vom Malambo Tanzen und allen vergangenen Momenten, die nur noch in seiner Erinnerung existieren.

Credits

OT: „El Tren Fluvial“
Land: Argentinien
Jahr: 2026
Regie: Lorenzo Ferro, Lucas A. Vignale
Drehbuch: Lorenzo Ferro, Lucas A. Vignale
Musik: Oniria
Kamera: Thomas Gringberg
Besetzung: Milo Barria, Rita Pauls, Mariano Barria, Fabián Casas, Lucrecia Pazos

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The River Train
fazit
Ein neunjähriger Junge entflieht seiner strengen Familie aus der argentinischen Provinz in die Großstadt Buenos Aires. Dort trifft er auf seltsame Menschen und landet auf einem Casting für ein Theaterstück. Die beiden Regisseure und Drehbuchautoren Lorenzo Ferro und Lucas A. Vignale erwecken in visuell kunstvollen Bildern den magischen Realismus. Vor allem der junge Darsteller Milo Barria ist eine wahre Entdeckung. Auch wenn der Film inhaltlich einfach aufgebaut ist, bestechen die eindringliche Bild- und Tonsprache und die sensiblen Beobachtungen.
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