© Pietari Peltola

„Nightborn“ // Deutschland-Start: 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Für ihren neuen Lebensabschnitt als werdende Eltern ziehen Saga (Seidi Haarla) und ihr Ehemann Jon (Rupert Grint) aus der Stadt zurück in das im Wald gelegene Haus, in dem Saga selbst aufgewachsen ist. Nach der Geburt des gemeinsamen Kindes fällt es ihr schwer, eine Bindung zu ihrem Sohn aufzubauen. Entgegen all ihrer Versuche kann sie die zunehmende Aversion gegenüber ihrem Baby nicht überwinden. Als Saga diese Tatsache nicht mehr vor Jon verstecken kann, liefert auch ihre Ehe mehr zusätzliche Belastung als Rückhalt.

Mutterschaft im Genrekino 

Postnatale Depression, resultierende Entfremdung und existenzielle Mutterschaftskrise sind Themen, die zuletzt auch filmisch oft behandelt wurden. Sei es durch Jennifer Lawrences apathische Darstellung maternalistischen Nihilismus in Lynn Ramseys Die, My Love oder durch Amy Adams in Nightbitch. Phonetisch wie thematisch ähnlich zu letzterem ist Hanna Bergholms (Hatching) Version postnataler Entfremdung, gepaart mit dem Einfluss finnischer Volkssagen in ihrem neuesten Film Nightborn.

Mythos ohne Mysterium 

Wie vorangegangene Beispiele eröffnet Nightborn mit einer bewährten Ausgangslage. Die werdenden Eltern sind guter Dinge, ihre Ehe ist stabil und beide teilen ihre Vorfreude auf das erste gemeinsame Kind und den damit verbundenen neuen Lebensabschnitt. Zur Krönung des erhofften Familienglücks ziehen sie zurück in das Haus, in dem Saga aufgewachsen ist, gelegen in einem alten finnischen Wald und vermeintlich der perfekte Ort abseits der Stadt, um ein Kind großzuziehen. Bereits bei ihrer ersten Rückkehr in das Haus ihrer Kindheit fühlt sich Saga angezogen durch eine Präsenz innerhalb des alten Waldes. Kurze Zeit später markiert die komplikationsreiche Geburt ihres Sohnes den Anfang vom Ende des jungen Familienglücks. Hanna Bergholms Genrefilm lässt keinen Platz für Subtilität. Einer inneren Eingebung nachgehend nennt sie ihren Sohn anstatt Christian Kuura. Die Namensänderung eine offensichtliche Abkehr vom Christentum hin zu finnischer Mythologie.

Während des ersten Stillens beißt Kuura sie und beginnt anstatt Milch ihr Blut zu saugen. Eine gleichermaßen plumpe Analogie darüber, wie ihr Kind sie buchstäblich aussaugt und ihre Lebensenergie raubt, was zusätzlich durch verbale Exposition vermittelt wird. Augenscheinlich fehlt es Hanna Bergholm an jeglichem Vertrauen in ihr Publikum, zwischen den Zeilen zu lesen. Die ungelenke wie offensive Exposition wiederholt sich über die gesamte Lauflänge und bietet keinen Raum für eigene Interpretation. Diese den Zuschauern augezwungene Aufgeklärtheit steht im deutlichen Kontrast zu Rupert Grints Figur, welche auffallend ahnungslos bleibt. Jon versagt gleichermaßen in seiner Rolle als Ehemann und Vater und bereichert Nightborn durch eine frustrierend naive und ignorante Charakterzeichnung, die sich jeglicher figurenbezogener Logik entzieht.

Der Versuch, narrative Schwächen durch mutige Inszenierung auszugleichen, schlägt ebenso fehl. Die Darstellung der genretypischen Bodyhorrerelemente bleibt weitgehend blutleer, das Baby als suggeriertes Monster über weite Strecken lediglich eine schemenhafte Gestalt, gänzlich verborgen oder im Schatten. Lediglich die implizite Darstellung Sagas als Troll funktioniert als Reflexion ihrer eigenen Selbstwahrnehmung und ihres Verfalls. Die Prämisse einer Mutter und ihres Versuchs, ihr Kind als Monster zu lieben, ist grundsätzlich effektiv, wird jedoch durch die erzählerische Eindimensionalität Nightborns untergraben.

So wie es in den Wald ruft… 

Nightborn vergreift sich erzählerisch oft im Ton, was durch das Sounddesign unabsichtlich konterkariert wird. Bedrohliche Rufe aus dem Wald und eine innere Stimme Sagas etablieren einen unbehaglichen Grundtenor. Der eigentliche Horror von Nightborn manifestiert sich jedoch durch die persistenten Schreie des Babys, ein akustisches Echo, das lange nachhallt. Aufgegriffen durch Sagas Charakter funktioniert hier zumindest auditiv das Motiv der Entmenschlichung. Schauspielerisch liefert Seidi Haarla eine gute Performance. Als leidende und in sich gespaltene Mutter bekommt sie deutlich mehr Spielraum für Charakterdarstellung als Rupert Grint, der durch seine Figurenzeichnung zur Eindimensionalität verdammt ist und dementsprechend blass bleibt.

Credits

OT: „Yön Lapsi“
Land: Finnland, Litauen, Frankreich, UK
Jahr: 2026
Regie: Hanna Bergholm
Drehbuch: Hanna Bergholm, Ilja Rautsi
Musik: Eicca Toppinen
Kamera: Pietari Peltola
Besetzung: Seidi Haarla, Rupert Grint, Pamela Tola, Pirkko Saisio, Rebecca Lacey, John Thomson

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Nightborn
fazit
Unter der Prämisse, Mutterschaft als Entfremdungserfahrung zu begreifen, liefert "Nightborn" keinen neuen, aber dennoch einen interessanten Ansatz. Hanna Bergholm untergräbt diesen jedoch konsequent durch erzählerische Eindimensionalität und überdeutliche Exposition. Wo Ambivalenz und Mythos tragen könnten, setzt sie auf plakative Erklärung statt auf Inszenierung und Atmosphäre. Am Ende bleibt eine wirkungsvolle Idee, die sich selbst durch Überdeutlichkeit entkräftet.
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