Schon als Filmstudent machte Nicolas Steiner auf sich aufmerksam. Sein Kurzspielfilm Ich bin’s, Helmut (2009) lief auf über 240 Festivals und gewann mehr als 40 Preise. Danach entwickelte Steiner seinen ebenso humorvollen wie tiefgründigen cineastischen Stil in zwei Dokumentarfilmen weiter. Mit Sie glauben an Engel, Herr Drowak? kehrt der Schweizer (Jahrgang 1984) ins Spielfilmfach zurück. In magischen Bildern und traumverlorenem Schwarz-Weiß erzählt er die Geschichte der Studentin Lena (Luna Wedler). Sie bietet im Auftrag des „Amtes für Ruhe und Ordnung“ ein Schreibtraining für soziale Außenseiter an, die durch künstlerische Betätigung zu rechtschaffenen Bürgern umerzogen werden sollen. Für Lenas Kurs meldet sich allerdings nur Hugo Drowak (Karl Markovics) an, ein schwerer Alkoholiker und Nihilist. Es beginnt ein nur vermeintlich ungleicher Kampf zwischen Schwermut und Lebensfreude, getragen von zwei herausragenden Hauptdarstellern und einer ausgefeilten Visualität. Zum Kinostart am 19. Februar 2026 sprachen wir mit Nicolas Steiner über brutalistische Architektur, die Poesie der Bilder und das Improvisieren am Set.
Du erzählst im Presseheft, dass du eine frühe Drehbuchfassung von Bettina Gundermann bei einer langen Autofahrt gelesen und regelrecht verschlungen hast. Was hat dich am meisten fasziniert?
Ich habe mich mit den Figuren wohl gefühlt, vor allem mit Hugo Drowak. Und zwar in dem Sinne, dass diese Figur mir etwas anbot, was ich so noch nicht kannte, auch aus anderen Drehbüchern nicht, die mir damals geschickt wurden. Inhaltlich passte es außerdem gut zu den Geschichten, die ich vorher erzählt hatte. Dazu kamen mehrere Zufälle. Ich hatte kurz zuvor Barfly gesehen, ein Trinkerfilm nach dem Drehbuch von Charles Bukowski, lustigerweise gedreht von einem Schweizer Kollegen, nämlich Barbet Schroeder, mit Mickey Rourke und Faye Dunaway in den Hauptrollen. Der Tonfall dieses Films, seine Figuren und Farben haben mir gut gefallen. Deswegen bin ich sofort in das Drehbuch von Bettina Gundermann eingestiegen, auch wenn es noch eine frühe Fassung war.
Das war 2017. Das Drehbuch wurde dann 2018 für den renommierten Strittmatter-Preis nominiert. Warum hat es von da an noch mal sieben Jahre bis zum fertigen Film gedauert?
Das hängt allein mit der Finanzierung zusammen. Ich wäre schon 2019 für den Dreh bereit gewesen. Bei einem Film wie Sie glauben an Engel, Herr Drowak? liegt man über einem Budget, was sich nur in einem Land finanzieren lässt, also braucht man eine länderübergreifende Koproduktion. Das erfordert Geduld. In unserem Fall war zunächst eine Koproduktion Deutschland/Frankreich angedacht. Das hat letztlich nicht geklappt, dafür kam dann glücklicherweise die Schweiz ins Boot. Es gab einige Rückschläge und das Projekt öfters mehr als auf der Kippe. Lustigerweise war ich beim Strittmatter-Preis 2018 außerdem mit Der fliegende Berg vertreten, den ich jetzt erst drehen werde. Im Nachhinein kann man sagen, alle drei Drehbücher der Endrunde schaffen es letztlich ins Kino, auch das, das gewonnen hat, was keines von meinen war.
Am Drehbuch lag es also nicht?
Nein, Bettina Gundermann war sehr offen für Vorschläge. Neben dem, was schon da war, musste mein Stil noch mehr rein. Ich hatte zum Beispiel ein Problem mit dem ursprünglichen Ende. Mir war das, ohne es verraten zu wollen, noch nicht stark genug für die Poesie, die Bettina zuvor reingebracht hatte. Außerdem kam ich auf manche Ideen erst in der Drehvorbereitung oder im Schnitt. Und manchmal muss man beim Dreh wegen finanzieller Beschränkungen kreative Lösungen finden.
Wenn du von deinem Stil sprichst, dann muss ich an die Bildwelten denken, die du entwirfst. Wann und wie kamen dir die ersten Bilder für die Umsetzung in den Sinn?
Ich bin eher über die Fotografie als über Romane oder Zeitungstexte zum Film gekommen. Wenn ich Recherchen für ein neues Projekt mache, sammle ich erst mal nur Fotos und Töne, keine Videos. Inzwischen arbeite ich das fünfte Mal mit meinem Kameramann Markus Nestroy zusammen. Wir vertrauen uns inzwischen blind. Zur Vorbereitung meines nächsten Films Der fliegende Berg habe ich zum Beispiel Fotobücher aus der Schweiz nach Irland mitgenommen. Die schauen wir uns gemeinsam an und reden darüber, welche Vorstellungen und Gefühle die Fotos auslösen. Die visuelle Welt erschafft und untermalt etwas, was die Figuren in uns anlegen – egal, ob im Dokumentarfilm oder fiktional. Das versuchen wir so gut wie möglich visuell zu unterstützen oder auch zu brechen. Letztlich machen wir Kino und träumen von der großen Leinwand, auf der man sich manchmal in den Bildern verliert und manchmal auch von ihnen erschlagen fühlt.
Am Anfang steht also das Bild?
Das ist die Welt von Markus und mir, aber ich würde sie nicht wertend größer oder kleiner machen als die anderen Departments beim Film, also Ton, Szenenbild, Kostümbild oder Drehbuch. Das ist mir alles gleich wichtig, aber ich kann natürlich nicht verbergen, dass wir mit Drowak den Kamerapreis auf dem Festival in Shanghai und mit Above and Below die deutsche „Lola“ für die beste Kamera gewonnen haben. Und für unsere Netflix-Serie gab es den Deutschen Kamerapreis.
Du hast das Szenenbild angesprochen. Bei Drowak spielt die gigantische Architektur eine maßgebliche Rolle für die Atmosphäre des Films. Wo habt ihr diese Gebäude entdeckt und wie habt ihr sie zu einer ganz eigenen Welt zusammengefügt?
Für mich ist das Szenenbild oft wie eine weitere Hauptfigur. Deswegen liefen meine bisherigen Filme oft auch auf Architektur(film)-Festivals. Das Location-Scouting, also die Suche nach den richtigen Drehorten, ist für mich eine unglaublich wichtige Aufgabe. Das behandle ich wie ein Casting von Schauspielern. Ich frage mich, ob eine Location das hergibt, was sie ausdrücken soll. Oder ob ich noch etwas Passenderes finden kann.
Wie war es beim aktuellen Film?
Bei Drowak wollten wir eine Welt erschaffen, die es so nicht eins zu eins gibt, die aber trotzdem nicht so weit weg von uns ist, dass man von Science Fiction sprechen müsste. Das hat dazu geführt, dass wir – noch auf der Basis der ursprünglichen deutsch-französischen Koproduktion – den deutschen Plattenbau in Köln mit dem Pariser Brutalismus mischen wollten. Die brutalistischen Gebäude in Paris wurden oft für den gleichen Zweck genutzt wie die Platte. Es waren ebenfalls Sozialwohnungen, allerdings mit einer komplett anderen Idee dahinter, nämlich einer Art „Versailles für das Volk“. Beide Bautypen können als Betonwüsten eine ungeheure Kälte ausstrahlen. Gleichzeitig kann man sich an ihnen oft nicht sattsehen, weil sie etwas von einer erschlagenden Schönheit an sich haben. Im Film haben wir sie zusammengefügt. Manchmal sieht man im unteren Bildteil Kölner Plattenbauten und im oberen das „Abraxas“-Ensemble in Paris.
Ich vermute, dass die aufwändige visuelle Gestaltung auch ein vergleichsweise hohes Budget verlangt hat. Musstest du auch Abstriche machen bei Ideen, die einfach zu teuer waren?
Wir hatten kein hohes Budget für das was wir vorhatten. Wir mussten einfach das absolute Maximum aus allem herausholen. Das ist herausfordernd, aber auch kreativitätsfördernd. Man macht immer Abstriche. Die Frage ist nur, in welchem Ausmaß. Bei meinem nächsten Film hatten wir vier Wochen Dreharbeiten in Irland eingeplant. Inzwischen sind wir bei zwei Wochen, also musste ich 50 Prozent Abstriche am Drehbuch machen. Bei Drowak war es zum Glück nicht ganz so brutal, rein inhaltlich. Aber wir hatten auch hier Szenen im Drehbuch, von denen wir wussten, dass es sehr schwierig würde, sie in der vorgegebenen Zeit und mit unserem Budget auch wirklich zu drehen. Zum Beispiel hatten wir einen Nachtdreh, für den man sich zwei bis drei Nächte wünscht, wegen der Komplexität und der vielen Statisten. Dafür hatten wir aber nur eine einzige Nacht. Manchmal ist Film ein Wunder und man schafft Dinge, die man sonst nie so gemacht hätte. Letztlich sind wir sehr glücklich mit dem Resultat, das wir jetzt ins Kino bringen können. Mir hilft sicher auch, dass ich vom Dokumentarischen komme. Dort ist es das tägliche Brot, dass du improvisieren und dich ständig auf etwas Neues einstellen musst.
Wir haben noch gar nicht von den Schauspielerinnen und Schauspielern gesprochen. Wie hast du mit den beiden Hauptdarstellern gearbeitet? Gab es Proben vor dem Dreh oder entwickelte sich die Chemie direkt vor der Kamera?
Ich war für diesen Film ein Fan von Proben, um Dinge auszuschließen und auch Neues zu entdecken oder anzupassen. Manchmal muss man um Proben kämpfen, aus Budget- und Zeitgründen, gerade wenn man viel beschäftigte Schauspielerinnen und Schauspieler an Bord hat. Ich betreibe aufwendige Castings. Zum Beispiel habe ich mir für die Nebenrolle des kleinen Jungen, der nur einen Satz im Film sagt, 60 Kinder angeschaut. Die Hauptdarsteller waren schon sehr früh dabei. Auch da gab es Castings und Chemie-Castings, bei denen man bestimmte Dinge mit beiden ausprobiert. Näher zum Dreh hin gingen wir dann ganze Szenen durch. Wir überlegten, wie sich die Charaktere bewegen, weil man schon die Original-Schauplätze im Kopf hat. Die Proben sind mir sehr wichtig, auch um eine Atmosphäre zu kreieren, bei der sich die Darsteller/innen und auch ich mich einfinden wohl fühlen kann. Es ist ein geschützter Rahmen.
Alle kommen also gut vorbereitet ans Set.
Trotzdem kann noch vieles passieren. Bei Drowak zum Beispiel hatte eine Nebendarstellerin eine Kostümprobe und spürte in diesen Kleidern ihre Figur nicht mehr. Dann muss man überlegen und ausprobieren, um am Ende auf einen Nenner zu kommen, damit man das Beste mit den Darstellern und aus ihnen am Set herausholt. Ich schätze mich extrem glücklich mit dem Cast. Ich durfte Wunschkandidaten und –kandidatinnen besetzen und bin froh, dass mir Luna Wedler, Karl Markovics, Lars Eidinger, Dominique Pinon und alle anderen bei meinem ersten langen Spielfilm ihr Vertrauen geschenkt haben. Gleichzeitig ist der Druck dadurch hoch. Jeder weiß, dass das alles sehr gute Darsteller sind. Wenn es trotzdem nicht funktioniert, liegt es tatsächlich an einem selber.
Wir haben mehrfach deinen nächsten Film Der fliegende Berg erwähnt, für den du gerade auf Location-Tour bist. Worum geht es?
Das ist ein Abenteuerdrama zweier Brüder. Ich fing 2016 nach Above and Below an, das Drehbuch zu schreiben. Es war angedacht, Der fliegende Berg zuerst zu drehen und danach Sie glauben an Engel, Herr Drowak?. Aber weil sich die Finanzierungsbedingungen verändert hatten, wurde es nun die aktuelle Reihenfolge. Der fliegende Berg ist eine komplett andere Geschichte als Drowak. Es spielen dokumentarische Elemente hinein, wir drehen teils auch mit Laien und Nomaden. Es ist eine Mischung aus gewohntem Spielfilm Dreh in Irland und kleinem Team im Himalaya. Bei mir im Wallis findet auf einem Gletscher dann der Abschluss statt, was mich sehr freut.
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