
Asunción, Ende der 1950er-Jahre: Nach seiner Rückkehr aus Argentinien bringt der undurchschaubare Schönling Narciso (Diro Romero) den Rock ’n‘ Roll nach Paraguay, genauer gesagt in einen Hauptstadtradiosender unter Leitung des selbst erklärten Vorzeigebürgers Luis „Lulú“ Bermúdez (Manuel Cuenca). Während der Angestellten Goya (Margarita Irún) die neuen Klänge von Bill Haley, Elvis Presley und Little Richard ein Dorn im Auge sind, begrüßt Ian Wesson (Nahuel Pérez Biscayart), ein ranghoher Beamter der US-Botschaft, die Modernisierung. Wesson ist vor Ort, um einen Staudamm einzuweihen, der Paraguays Hauptstadt endlich die lang ersehnte Frischwasserversorgung gewährleisten soll. Genauso wie Lulú und Narcisos Vermieterin Nenucha (Mona Martínez) verspürt auch Wesson ein unstillbares Verlangen nach dem verführerischen Mann. Bis ein brutaler Mord geschieht.
Rock ’n‘ Roll Radio
Marcelo Martinessi ist nicht zum ersten Mal bei der Berlinale zu Gast. Sein Spielfilmdebüt Die Erbinnen (2018) landete direkt im Wettbewerb um den Goldenen Bären. Und diese ruhig erzählte, zurückhaltend gespielte und fein beobachtete Befreiungsfantasie einer älteren Dame, die aus ihrem festgefahrenen Alltag ausbricht, nahm gleich zwei Preise aus der deutschen Hauptstadt mit zurück nach Paraguay. Der 1973 in Asunción geborene Regisseur erhielt den Alfred-Bauer-Preis, seine Darstellerin Ana Brun einen Silbernen Bären. Martinessis neuer Film Narciso schaffte es hingegen nicht mehr in den Wettbewerb, feierte stattdessen im Panorama der 76. Ausgabe von Deutschlands wichtigstem Filmfestival Premiere.
Es liegt nahe, Narciso als filmisches Gegenstück zu Die Erbinnen zu begreifen. Spielte das Debüt in der Gegenwart, ist die Handlung des Nachfolgers in der Vergangenheit angesiedelt. Ging es im Erstling um ein altes, lesbisches Liebespaar, verschiebt Martinessi seinen Fokus jetzt auf schwule Männer. Und waren die Einstellungen in Die Erbinnen vom Tageslicht durchflutet, dominiert in Narciso die rabenschwarze Nacht. Gleich geblieben sind die Themen, die Martinessi bewegen. Wie schon Die Erbinnen ist auch Narciso ein Film über eine Gesellschaft im Wandel, über soziale und private Machtgefälle, über Liebe, Sehnsucht und sexuelles Verlangen.
Bedrohlich laszive Stimmung
Im Zentrum steht ein kleiner Radiosender in Paraguays Hauptstadt Asunción, dessen Motto lautet, die Stimme des Volkes für das Volk zu sein. Doch ginge es nach dem Volk, von dem sich ein nicht unerheblicher Teil des Nachts in den hintersten Ecken der stockfinsteren Straßen vergnügt, dann müsste der Radiosender mehr amerikanischen Rock ’n‘ Roll spielen. Danach lechzen die jungen Menschen, Frauen wie Männer, die dem von Diro Romero einnehmend gespielten Moderator Narciso gleichermaßen an den verführerischen Lippen hängen. Stattdessen beugt sich der bigotte Senderchef Luis „Lulú“ Bermúdez der diktatorischen Staatsgewalt und ihrem nationalistisch puristischen Kurs.
Wie schon bei den Erbinnen steht erneut Luis Armando Arteaga hinter der Kamera – und beherrscht sein Arbeitsgerät. Die Breitwandaufnahmen verströmen eine bedrohlich laszive Stimmung. Schließlich spielt der Film bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich in geschlossenen Räumen oder bei Nacht, ist also nur vom schummrigen Schein der Zimmerlampen und Straßenlaternen erleuchtet. Die betörenden Bilder täuschen allerdings nicht über die narrativen Schwächen hinweg. Wie die vielen schwarzen Flecken auf Asuncións Straßen lässt auch das von Martinessi selbst verfasste Drehbuch (zu) vieles im Dunkeln, erzählt von (zu) vielen Figuren ein wenig, aber von keiner genug.
Freiheit als Schimäre
Die größte Schimäre bleibt die Titelfigur, die dem Kinopublikum auch deshalb keinerlei Identifikationspotenzial anbietet, weil sie wohl weniger als realer Charakter und mehr als Archetyp verstanden werden muss, der eine Funktion erfüllt. Zwar ist der Protagonist einer echten Person nachempfunden und Martinessis Film von einem Roman über diese Person inspiriert, in erster Linie ist hier Nomen jedoch Omen: Auch Martinessis Narciso ist ein Narziss, nach dem sich Frauen wie Männer verzehren und der anstatt dieses Begehren zu erwidern, in sich selbst verliebt ist.
Im Zusammenspiel mit einer Hörspielversion von Bram Stokers Dracula, die im Radiosender aufgeführt wird und sich wie einer von mehreren roten Fäden durch die Handlung zieht, zieht Martinessi seinem Film gleich mehrere symbolhafte Ebenen ein. Das Hörspiel steht für ein Land, das von einer blutsaugenden Diktatur in Angst und Schrecken versetzt wird, ein Staudamm, der kurz vor der Eröffnung steht, für den erfolgreichen Einzug der Moderne und Narciso für eine Freiheit, die nicht gelebt werden darf. Auf dem Papier mögen diese übergeordneten Konzepte funktionieren, im fertigen Film überzeugen sie nur ansatzweise.
OT: „Narciso“
Land: Paraguay, Brasilien, Portugal, Spanien, Deutschland, Frankreich, Uruguay
Jahr: 2026
Regie: Marcelo Martinessi
Drehbuch: Marcelo Martinessi
Musik: Zeltia Montes Muñoz
Kamera: Luis Armando Arteaga
Besetzung: Diro Romero, Manuel Cuenca, Nahuel Pérez Biscayart, Mona Martínez, Margarita Irún, Arturo Fleitas
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