© 2025 - UNITE

In a Whisper (2026)

„In a Whisper“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Zur Beerdigung ihres Onkels kehrt die nach Paris emigrierte Lilia (Eya Bouteraa) nach langer Zeit zurück nach Tunesien, um ihrer Familie und vor allem ihrer Großmutter Halt und Trost zu spenden. Als sie während ihres einwöchigen Aufenthalts bruchstückhaft immer neue Informationen zum Tod ihres Onkels erfährt, wird sie zunehmend neugierig und misstrauisch. Als sich schließlich auch die tunesische Polizei einschaltet, beginnt Lilia auf eigene Faust nach Antworten zu suchen und sieht sich dabei zunehmend mit dem stoischen Konservatismus ihrer Familie konfrontiert, vor dem sie einst nach Frankreich geflohen ist.

Familiendrama als Spiegel der Gesellschaft

In A Whisper spinnt ein vielschichtiges Geflecht um die Umstände des Todes eines Familienmitglieds einer konservativen tunesischen Familie. Lilia, gleichermaßen Teil dieser Familie wie entfremdet, wird nach ihrer Emigration nach Paris zwar wieder aufgenommen, spürt jedoch schnell, dass man ihr nicht die ganze Wahrheit erzählt. Was als spannendes Familiendrama beginnt, verschiebt seinen Fokus zunehmend auf ein intimeres Bild von familiären Bindungen, Trauer und Liebe, beleuchtet aber zugleich kulturelle Stigmata und ungleiche Machtverhältnisse in Tunesien. Trotz seiner westlichen Orientierung und seines Rufes als vergleichsweise liberales muslimisches Land kämpft Tunesien weiterhin mit internalisierter und institutionalisierter Homophobie, fehlender Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen sowie Korruption in Regierung und Polizei. Die tunesische Regisseurin Leyla Bouzid (As I Open My Eyes, Eine Geschichte von Liebe und Verlangen), selbst nach Frankreich emigriert, greift all diese Aspekte und weitere Themen in In A Whisper auf.

Eine Rückkehr zur Selbstreflektion 

Die zugrunde liegende Geschichte entfaltet sich schichtweise, je tiefer Lilia in das verschlossene und verschwiegene Umfeld ihrer Familie eintaucht. Trauer und Neugier weichen dabei einer fast morbiden Faszination, doch schnell wird klar, dass die Fragen nach den Todesumständen ihres Onkels hinter der Thematisierung von Selbstzweifeln, Freiheitsdrang und persönlicher Unsicherheit zurücktreten. Ihre Nachforschungen führen unbewusst dazu, dass sie ihren eigenen Lebenswandel anerkennt, zugleich aber ihren Zugang zu ihrer Familie und insbesondere zu ihrer Mutter hinterfragt. Ihr Umzug nach Frankreich war dabei nicht nur ein Aufbruch in eine andere Welt, um akademische und berufliche Ziele zu verfolgen, sondern auch eine Flucht aus einem Umfeld, das sie wie einen Vogel einsperrte.

Eine Analogie, die Leyla Bouzid mehrfach bildlich einfließen lässt. In A Whisper ist jedoch in vielerlei Hinsicht mehr als die bloße Gegenüberstellung einer westlich liberalen Sichtweise und einer vermeintlich rückschrittlichen Denkweise in arabischen Teilen der Welt. Ausgehend von einem gemeinsamen Trauerfall zeichnet die Regisseurin ein Spiegelbild der familiären Gefühlswelt ihrer Protagonisten. Geprägt von kulturellen Wurzeln, Tradition und Skepsis, zugleich aber von einer Liebe, die alle Familienmitglieder ihre etablierten Werte hinterfragen lässt, legt der Film die Schwierigkeiten des Umdenkens und der Rücksichtnahme im Alter mitunter schmerzlich akkurat dar. Eine westliche Wertevorstellung ist dabei nicht zu leugnen, wird durch Lilias Figur jedoch authentisch getragen. In A Whisper verzichtet dennoch auf eine konkrete moralische Wertung und auf eine missionarische Haltung gegenüber dem Publikum. Stattdessen plädiert Bouzid subtil für Verständnis und Rücksichtnahme, auch wenn dies zulasten des eigenen Wohlbefindens gehen kann.

Balance bricht Ambition 

Über eine Laufzeit von zwei Stunden fällt es dem Film dennoch schwer, alle etablierten Themen wirkungsvoll einzubinden und abzuschließen. Während in der Nebenhandlung rund um die Hintergründe des Todes ihres Onkels die emotional und zwischenmenschlich stärksten Momente liegen, verliert sich der politisch intentionierte Handlungsstrang als Gesellschaftskritik der gegenwärtigen Lage Tunesiens stellenweise in sich selbst und wirkt mitunter deplatziert.

Eya Bouteraa trägt in ihrer ersten großen Hauptrolle in In a Whisper mit bemerkenswerter Präsenz und glänzt sowohl in Momenten der Verletzlichkeit als auch der Entschlossenheit. Neben ihr sind es besonders die eindrucksvollen Leistungen der weiblichen Castmitglieder, die ein nahbares Bild dieser tunesischen Großfamilie zeichnen und die Zuschauer über die gesamte Laufzeit emotional gebunden halten.

Credits

OT: „À voix basse“
Land: Tunesien, Frankreich
Jahr: 2026
Regie: Leyla Bouzid
Drehbuch: Leyla Bouzid
Musik: Yom
Kamera: Sébastien Goepfert
Besetzung: Eya Bouteraa, Hiam Abbass, Marion Barbeau, Feriel Chamari

Filmfeste

Berlinale 2026

Kaufen / Streamen

Bei diesen Links handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diesen Link erhalten wir eine Provision, ohne dass für euch Mehrkosten entstehen. Auf diese Weise könnt ihr unsere Seite unterstützen.



(Anzeige)

In a Whisper (2026)
fazit
"In A Whisper" stellt sich als zeitgenössische Gesellschaftskritik und Familiendrama der Mammutaufgabe, mehrere Genres sowie eine Vielzahl an Themen und Kommentaren zu einer gefühlvollen, intimen Geschichte zu verbinden. Regisseurin Layla Bouzid zeichnet ein authentisches, emotional einnehmendes Bild von Lilias Suche nach sich selbst und der Hinterfragung ihrer Entscheidungen, verliert sich dabei jedoch stellenweise in der eigenen erzählerischen Vielfalt.
Leserwertung0 Bewertungen
0
7
von 10