Ich verstehe Ihren Unmut
© Louis Dickhaut & Frederik Seeberger / WennDann Film

Ich verstehe Ihren Unmut

Ich verstehe Ihren Unmut
„Ich verstehe Ihren Unmut“ // Deutschland-Start: nicht angekündigt

Inhalt / Kritik

Heike (Sabine Thalau) ist Objektleiterin bei einer Gebäudereinigungsfirma. Die 59-Jährige eilt zwischen Spielhalle, Modegeschäften, Kindergarten und Altenheim hin und her und kontrolliert die Arbeit ihrer Leute. Notfalls muss sie selbst noch Hand anlegen. Im Auto nimmt sie am Telefon die Beschwerden unzufriedener Kunden und Kundinnen entgegen und hört sich das Gemecker ihres Chefs Kemal (Kemal Karatepe) an. Dieser findet nicht genug Personal und muss sich den Subunternehmer Vadym (Denislav Mihaylov) gewogen halten. Heike zieht sich den Zorn Vadyms zu, als sie versucht, einen seiner illegal Beschäftigten abzuwerben. Der Subunternehmer fordert nun die Abtretung zweier Objekte an ihn und Kemal befiehlt Heike, eigene Mitarbeiter zu entlassen. Die gutmütige und hilfsbereite Frau kommt an ihre Grenzen.

Es muss sauberer werden

Unter welchen Bedingungen arbeiten die Leute, die Läden, Schulen und Altenheime reinigen? Welchem Druck ist eine Objektleiterin tagtäglich ausgesetzt, die für Effizienz sorgen und zwischen Vorgesetzten, Kundschaft und Arbeitskräften vermitteln muss? Für sein Spielfilmdebüt hat sich der Regisseur Kilian Armando Friedrich das Thema Arbeitswelt ausgesucht, um welches das deutsche Kino für gewöhnlich einen großen Bogen macht. Eine Geschichte aus dem Alltag im Niedriglohnsektor, in dem Menschen ohne soziale Anerkennung harte Arbeit leisten, verspricht nicht gerade erbauliche Unterhaltung. Sozialdramen aus der Berufswelt, welche die kapitalistischen Zwänge kritisch beleuchten, gelten auch in künstlerischer Hinsicht als sperrig. Denn dafür müssen sich die Filmschaffenden in der komplizierten Realität umschauen und Missstände auf den Punkt bringen können.

Dieser Spielfilm, der seine Weltpremiere in der Sektion Panorama der Berlinale 2026 feiert, hat also von vornherein Beachtung verdient. Er könnte Barrieren in den Köpfen einreißen, Regisseure und Produzentinnen dazu ermutigen, auch in Deutschland Dramen über Pflegekräfte, Arbeitsplatzverlust, Scheinselbstständigkeit zu drehen. Große europäische Vorbilder dazu gibt es ja, man denke nur an Sorry We Missed You des Briten Ken Loach, an Zwei Tage, eine Nacht der belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, an Der Wert des Menschen von Stéphane Brizé aus Frankreich oder jüngst an Heldin der Schweizerin Petra Volpe – ein Film der immerhin mit deutscher Beteiligung produziert wurde. Motive und Problemfelder aus all diesen Beispielen werden zum Teil auch in Ich verstehe Ihren Unmut aufgegriffen. So geht Kilian Armando Friedrich unter anderem der Frage nach, wie es im kapitalistischen Verdrängungswettbewerb um die Solidarität der Beschäftigten untereinander bestellt ist.

Atemlos ins Problemfeld

Heike, deren Erleben der Film folgt, ist ein guter Mensch, aber kein Engel. Sie betrügt die Firma, zusammen mit ihrer Kollegin Taja (Nada Kosturin), indem sie Reinigungsmittel verdünnt und privat verhökert. Unter großem Druck greift sie zu einer schlimmen List, um jemandem zu kündigen. Sabine Thalau aber spielt Heike, die so verzweifelt versucht, den Laden am Laufen zu halten, als eine Person, die gar nicht die böse Chefin sein will. Wenn sie ein Team, das auf die Vaterschaft eines Mitarbeiters anstößt,  dazu drängt, zügig weiter zu putzen, tut es ihr sofort leid. Sie leiht der Kollegin Geld, sie lässt sich zuhause von ihrem Freund Detlev (Werner Posselt) ausnutzen, der lieber arbeitslos ist, als sich anzustrengen.

Heike ist einsam. Sie muss sich die Nöte und Beschwerden anderer anhören, nie geht es um sie und ihre Wünsche. Als der Film ihre Vorstellungen entdeckt, ihr eigene Pläne zugesteht, ist er schon fast zu Ende. Heike ist als Mensch zu wenig greifbar, wie sie tickt, was sie fühlt, kommt kaum zum Vorschein. Und da sie von Anfang an so unter Druck steht, baut sich auch kein richtiger Spannungsbogen auf. Die lose aneinandergereihten, dokumentarisch anmutenden Szenen, in denen neben Profis auch Laiendarsteller*innen spielen, verbreiten eine hektische Atmosphäre. Die engen Bildausschnitte sollen wohl den Tunnelblick der gestressten Hauptfigur widerspiegeln. Wo die Probleme nun im einzelnen liegen, beim Arbeitskräftemangel, der Schwarzarbeit in der Branche, wird leider nicht glasklar ersichtlich. Auch wenn der mutige Spielfilm nicht perfekt gelungen ist, beweist er dennoch, dass politisch relevante Themen auch ins Kino, nicht nur an den Stammtisch oder in die immer gleichen Talkshows gehören.

Credits

OT: „Ich verstehe Ihren Unmut“
Land: Deutschland
Jahr: 2026
Regie: Kilian Armando Friedrich
Drehbuch: Kilian Armando Friedrich, Tünde Sautier, Daniel Kunz
Kamera: Louis Dickhaut, Frederik Seeberger
Besetzung: Sabine Thalau, Nada Kosturin, Werner Posselt, Denislav Mihaylov, Kemal Karatepe, Nigyar Velagich, Sadibou Diabang, Melo Fejzic

Bilder

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Ich verstehe Ihren Unmut
fazit
Eine gestresste Objektleiterin einer Reinigungsfirma steht im Zentrum des Spielfilmdebüts von Kilian Armando Friedrich. Der Regisseur widmet sich mit dem Sozialdrama dem sperrigen, im deutschen Kino oft vernachlässigten Thema Arbeitswelt. Sein mutiger Beitrag ist nicht perfekt, demonstriert aber recht plausibel, wie die Gesetze des Marktes Menschen zu unsolidarischem Verhalten nötigen.
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