
Die junge Luana (Selma Kopp), die in einer Zürcher Kita arbeitet, wirkt in ihrem Leben orientierungslos. Sie wohnt noch bei ihrer Mutter (Judith Hofmann), zu der sie ebenso ein angespanntes Verhältnis hat wie zu ihrem getrennt lebenden, schwer kranken Vater (Thomas Ott). Halt findet sie vor allem bei ihrem Cousin Dominik (Fabian Künzli), dem Schlagzeuger einer Black-Metal-Band namens WLVS. Als die Band mit Wiktor (Bartosz Bielenia) einen neuen Sänger bekommt, fühlt sich Luana sofort von dessen charismatischer Ausstrahlung angezogen. Sie begleitet die Gruppe zunächst als Merch-Verkäuferin auf einer kleinen Tour durch die Schweiz und übernimmt auch das Social-Media-Management. Während der gemeinsamen Zeit kommen sich Luana und Wiktor näher. Gleichzeitig tauchen erste Warnzeichen auf: Luana und die Band stoßen auf Hinweise, dass Wiktor einen rechtsextremen Hintergrund hat. Trotz dieser beunruhigenden Erkenntnisse lässt sich Luana immer tiefer auf ihn ein, bricht den Kontakt zu ihrer Mutter ab und zieht nach der Tour mit Wiktor zusammen.
Black Metal
Wolves, der im Wettbewerb des Filmfestival Max Ophüls Preis 2026 gezeigte Debütspielfilm von Jonas Ulrich, ist tief in der Black-Metal-Szene verankert – zumindest auf den ersten Blick. Ulrich, der mit seinen Kurzfilmen Menschen am Samstag und Behördenhasser bereits Aufmerksamkeit erregt hat, legt großen Wert auf Authentizität. Reale Bands wie Amenra, Darkspace oder Oathbreaker haben Auftritte, die fiktive Band WLVS tourte mit eigens von Manuel Gagneux von der Band Zeal & Ardor geschriebenen Songs sogar vor den Dreharbeiten. Doch eigentlich geht es hier nicht um ein Szeneporträt, sondern um eine Beziehungsgeschichte: darum, wie leicht man aus Liebe Warnsignale übersieht, verdrängt oder relativiert und so schrittweise in eine toxische Dynamik gerät. Der Black-Metal-Hintergrund ist dafür nicht zwingend notwendig, bietet sich aber an, da dieser Subkultur – nicht ganz zu Unrecht, aber oft pauschal – rechtsextreme Tendenzen zugeschrieben werden.
Die Protagonistin ist auf der Suche nach Zugehörigkeit. Weder Arbeit noch Familie geben ihr Stabilität, also sucht sie diese in der Musik und in einer Szene, die Gemeinschaft und Rebellion zugleich verspricht. Früh deutet der Film jedoch an, dass es auch dort problematische Strömungen gibt. Eine Szene, in der ihr Cousin eine NSBM-Platte (NSBM = National Socialist Black Metal) mit der Axt zerstört, setzt ein deutliches Zeichen. Nach und nach wird klar, dass der neue Sänger der Band, zu dem sie sich sofort hingezogen fühlt und für den sie sogar ihren Job riskiert, ideologisch zumindest in eine fragwürdige Richtung tendiert. Tattoos, Bekannte, Andeutungen – die Hinweise sind da, werden aber immer wieder relativiert oder weggeredet. Auch von ihr selbst.
Toxische Beziehung
Der Sänger zeigt außerdem manipulative Züge: Erst erklärt er ihr, sie bedeute ihm nichts, um kurz darauf ewige Liebe zu schwören. Mit der Zeit stellt sie sich immer mehr auf seine Seite, entfremdet sich vom Cousin und hat zu diesem Zeitpunkt bereits den Kontakt zu beiden Eltern verloren. Sie radikalisiert sich nicht selbst, doch sie entschuldigt und verharmlost alles, was von ihm kommt – selbst dann, wenn es sie sichtlich verunsichert. Hauptdarstellerin Selma Kopp trägt den Film fast allein, ist in nahezu jeder Szene präsent, die Kamera bleibt dicht bei ihr. Als Spielfilmdebütantin zeigt sie durchaus Potenzial, wirkt der psychologisch anspruchsvollen Rolle aber nicht immer gewachsen. Bartosz Bielenia hat als charismatischer Frontmann eine starke Präsenz, bleibt jedoch eher Schauspieler, der einen Metal-Sänger spielt, als glaubwürdiger Black-Metal-Shouter.
So bleibt die Handlung letztlich recht dünn: Eine Frau verliebt sich in einen Mann, der problematisch ist. Das ungewöhnliche Setting kann das nicht vollständig auffangen. Der rechtsextreme Kontext bleibt zudem erstaunlich vage. Abseits von Symbolen und Andeutungen fehlt der Mut, die ideologische Nähe mancher Figuren klarer auszuformulieren. Hinzu kommt ein zu gemächliches Erzähltempo, das im Widerspruch zur rohen, schnellen Musik steht. Die Prämisse ist interessant, wird aber nicht konsequent eingelöst. Der Film enttäuscht nicht vollständig, lässt jedoch spürbar Potenzial liegen.
OT: „Wolves“
Land: Schweiz
Jahr: 2025
Regie: Jonas Ulrich
Buch: Jonas Ulrich
Musik: Matteo Pagamici, Michael Künstle, Manuel Gagneux
Kamera: Tobias Kubli
Besetzung: Selma Kopp, Bartosz Bielenia, Fabian Künzli, Anna Sauter-McDowell, Thomas Ott, Judith Hofmann, Moritz Fabian
Zurich Film Festival 2025
Max Ophüls Preis 2026
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