White Snail
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White Snail

White Snail
„White Snail“ // Deutschland-Start: 29. Januar 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Masha (Marya Imbro) besucht eine Schule für angehende Models im belarussischen Minsk. Sie ist die beste in ihrer Klasse, bewundert und zugleich angefeindet wegen ihres angesagten hellblonden Typs. Die Dressur des Körpers schädigt Mashas Seele, äußere Perfektion führt zu innerer Haltlosigkeit. Nach einem Suizidversuch und Klinikaufenthalt lernt sie Misha (Mikhail Senkov) kennen, der seit 20 Jahren in der Leichenhalle nahe dem Krankenhaus als Obduktionsassistent arbeitet und seine Eindrücke in Gemälden verarbeitet. Zwischen Tod und Leben, Erstarrung und Lockerlassen kommen sich die beiden Einzelgänger näher. Ebenso realistisch wie magisch überhöht, wagt der Spielfilm des österreichisch-deutschen Regieduos Elsa Kremser und Levin Peter eine experimentelle Gratwanderung auf dem Gelände der Romanze, die alle klassischen Erwartungen an das Genre unterläuft.

Die Sonne als Feind

Ein wunderschöner Tag. Die Sonne scheint auf die großzügigen Plätze von Minsk. Aber sobald Masha vom Schatten ins Licht tritt, spannt sie ihren Regenschirm auf, als Schutz gegen die UV-Strahlen. Die helle, ätherisch wirkende Haut der jungen Frau darf sich auf gar keinen Fall bräunen. Das würde gegen den Vertrag verstoßen, den ihre Agentur mit einer chinesischen Modemarke vorbereitet. Wie beiläufig erzählt der Film in solchen Momenten von den Zurichtungen des Körpers. Intuitiv wird verständlich, weshalb sich Masha so sehr von Misha und seiner körperversehrten Welt angezogen fühlt, von den Unfallopfern, den Erhängten, den Alten und Jungen, die er aufschneidet und anschließend wieder zunäht und so gut wie möglich aufhübscht, mit Schminke wie bei den Models. Anders als Masha hat Misha, knapp 20 Jahre älter, einen Weg gefunden, mit seelischen Erschütterungen umzugehen. Seine ebenso magischen wie drastischen Gemälde erzählen von Schrecken und Schönheit in einer ganz eigenen, erfahrungsgesättigten Mischung.

Auf dem Papier wirkt die Grundkonstellation der Geschichte konstruiert, ausgedacht und symbolisch überladen. Aber auf der Leinwand fließen die scheinbaren Gegensätze wie selbstverständlich ineinander. Das hängt auch damit zusammen, dass die Erzählung der beiden bisherigen Dokumentarfilmer (Space Dogs, 2019, Dreaming Dogs, 2024) zwar fiktional ist, aber an das reale Leben der beiden Hauptdarsteller anknüpft. Elsa Kremser hatte den Maler Mikhail Senkov vor zehn Jahren in einer Minsker Pathologie kennengelernt. Er tritt im Film erstmals als Schauspieler auf, genau wie Marya Imbro, deren Biografie und berufliche Erfahrungen ebenfalls in die Geschichte einfließen. Über die Jahre wurde aus der getrennten Zusammenarbeit mit beiden ein Drehbuch entwickelt, ohne dass der eine den anderen kennenlernte. Erst beim Dreh kamen die Darsteller zusammen – in einem Experiment mit offenem Ausgang, ähnlich der Lage beim Dokumentarfilm, wo das Team hinter der Kamera spontan und flexibel auf die Dinge reagieren muss, die sich davor ereignen.

Jenseits ausgetretener Pfade

Im Kontrast zu den persönlichen Hintergründen zweier Außenseiter ist der Film eine Reise ins Offene. Er führt aus der Stadt heraus aufs Land, aus der Isolation zu einer zaghaften Annäherung, aus dem Rückzug ins Schneckenhaus zum Risiko von Verletzung und Enttäuschung. Die respektvolle Kamera von Mikhail Khursevich lässt die Stimmungen der verschlossenen Figuren im Äußeren aufscheinen, einerseits im Realismus nächtlicher Szenen, andererseits in sparsam eingestreuten poetischen Verdichtungen. Nach und nach ziehen mythische und magische Motive in Handlung und Bildsprache ein, Erzählungen von Heilern und spukenden Seelen, von Aberglauben und übersinnlichen Sehsüchten. Der Film findet dabei starke äußere Motive für die kaum sichtbaren inneren Veränderungen, für die enormen Wagnisse, die beide eingehen, wenn sie die ausgetretenen, totgetrampelten Pfade ihres bisherigen Lebens verlassen. Das ist in seiner Zartheit und Zögerlichkeit so anrührend wie die Aufnahmen der titelgebenden Schnecken, die ihre Fühler nur ganz vorsichtig ausstrecken und sich auf ihrem Weg zueinander alle Zeit der Welt lassen.

Unaufdringlich spiegelt White Snail nicht nur zwei persönliche Schicksale, sondern auch die Zustände in Belarus, wo sie sich ereignen – und wo überwiegend auch gedreht wurde. Der Film, dessen Entwicklungsgeschichte rund zehn Jahre zurückreicht, verzichtet dabei auf plakative Symbolismen oder Parallelen zwischen Politischem und Privatem. Er überlässt es lieber der Assoziationslust des Publikums, lose eingewobene Denkanstöße aufzugreifen. Ganz ähnlich wie in den experimentellen Ansätzen der dokumentarischen Arbeit des Regieduos Elsa Kremser und Levin Peter, die sie in ihrem ersten Spielfilm weiterspinnen. Das fordert Geduld und genaues Hinsehen. Wer sich jedoch darauf einlässt, wird mit der Intensität des realen Lebens belohnt, die sich der ungewöhnlichen Vorbereitung und der satten Dosis Wirklichkeit verdankt.

Credits

OT: „White Snail“
Land: Österreich. Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Elsa Kremser, Levin Peter
Drehbuch: Elsa Kremser, Levin Peter
Musik: John Gürtler, Jan Miserre
Kamera: Mikhail Khursevich
Besetzung: Marya Imbro, Mikhail Senkov

Bilder

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White Snail
fazit
„White Snail“ folgt zwei Außenseitern, wie sie zögerlich das Haus der titelgebenden Schnecken verlassen. Mit poetischen Einsprengseln bleibt das Regieduo Elsa Kremser und Levin Peter zugleich nahe an der Realität. Schwindelfrei balancieren die beiden über den Grat zwischen Spiel- und Dokumentarfilm.
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