
Die progressiven Nostalgiker erzählt die Geschichte von Michel (Didier Bourdon) und Hélène Dupuis (Elsa Zylberstein), die ein ganz gewöhnliches Leben in den 1950ern führen, bis ein Kurzschluss bei ihrer neuen Waschmaschine sie in die Gegenwart versetzt. Das bedeutet für die beiden eine große Umstellung, da sie sich in der veränderten Welt zunächst nicht zurechtfinden und vieles erst noch lernen müssen. Wir haben uns anlässlich des Kinostarts am 22. Januar 2026 mit Regisseurin Vinciane Millereau unterhalten. Im Interview spricht sie über Veränderungen, gesellschaftliche Prägungen und filmische Appelle.
Könnten Sie uns etwas über die Entstehungsgeschichte von Die progressiven Nostalgiker verraten? Wie sind Sie auf die Idee dafür gekommen?
Ich lebe mit dem Drehbuchautor Julien Lambroschini seit 30 Jahren zusammen und wir haben zwei Kinder, die im selben Alter sind wie die beiden Kinder im Film. Als wir eines Tages mit der Familie beim Abendessen zusammensaßen, hatten wir die Idee, dass wir einen Film machen wollen über die Beziehung von Mann und Frau und wie sich diese in der Familie abspielt. Unsere Kinder behandeln uns immer ein bisschen so, als wären wir alt und verknöchert. Wir sagen dann immer: „Moment mal! Wenn ihr wüsstet, wie das damals in unserer Zeit war.“ Daraus ist die Idee entstanden. Ich bin mit den US-amerikanischen Filmen aus den 80ern aufgewachsen, mit E.T. – Der Außerirdische und Zurück in die Zukunft. Mir war diese Magie des Kinos immer sehr wichtig. Deshalb haben wir beschlossen, mit dieser Zeitreise sozialkritische Gesellschafsthemen aufzunehmen und diese auf eine etwas leichtere Art und Weise zu erzählen. In den letzten 70 Jahren hat sic so viel verändert, sowohl bei der Gesellschaft wie auch im Hinblick auf die Technologie: das Internet, die Frauenbewegung, MeToo. Das wollte wir aufzeigen.
Bei einer Zeitreise hatten Sie die freie Wahl, wann Sie anfangen. Warum haben Sie sich für die 1950er entschieden und nicht etwa die 1960er oder die 1930er?
Wir wollten einen Moment in der Gesellschaft finden, wo ein großer Wechsel stattgefunden hat in Frankreich. Deshalb haben wir den Film ganz kurz vor dem Beginn der Fünften Republik angesetzt, als das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Das war für uns sehr wichtig. Außerdem liebe ich die 1950er einfach. Ich finde sie wunderschön, finde die Designs wunderschön, die Kostüme, die Einrichtungsgegenstände. Ich habe da einfach ein großes Faible für. Da ich oft bei meiner Großmutter war, habe ich die Zeit auch noch indirekt miterlebt, weil es bei ihr noch so eingerichtet war wie damals. Ich kann mich daher gut mit diesen Jahren identifizieren, glorifiziere sie wahrscheinlich auch etwas. Bei uns zu Hause ist die Einrichtung auch im Stil der 1950er gehalten. Das war alles so farbenfroh, gerade auch im Vergleich zu heute, wo vieles weiß und steril ist.
Und wie war es für Sie, in diese Zeit zurückgereist zu sein, die Sie so nur aus zweiter Hand kannten?
Für mich war das sehr berührend, schon während des Drehbuchschreibens, weil ich da eine große Recherche betrieben habe, was sich wirklich verändert hat. Und das war so viel, dass ich immer wieder überrascht war. Das war eine ganz wichtige Erfahrung für mich. Außerdem ist Die progressiven Nostalgiker mein erster Film, den ich als Regisseurin mache, weshalb er mir sowieso sehr am Herzen liegt. Wir haben die Epoche der 1950er komplett im Studio nachgebaut und eigentlich nur eine Woche in diesem Studio gedreht. Vorher haben wir drei Wochen in einem Haus gedreht, welches die Gegenwart zeigt, und haben es nach den genauen Maßen in dem Studio nachgebaut. Das war einfach unglaublich. Als wir das erste Mal dort waren und die Schauspieler ihre Kostüme trugen, das war überwältigend. Wir haben uns wirklich so gefühlt, als wären wir in den 1950ern.
Wir lernen die Figuren sowohl in den 1950ern und in der Gegenwart kennen. Sie machen dabei eine Verwandlung durch und lernen etwas über das, woher sie kommen und wie sie sich verändern. Wollten Sie mit Ihrem Film Verständnis dafür erzeugen, woher wir kommen oder wohin wir gehen?
Ich glaube, dass die Tatsache, woher wir kommen, die Probleme von heute erklärt. Ich schreibe gerade an einem neuen Film, der sich mit dem Thema befasst: Sag mir, woher du kommst, und ich sage dir, wohin du gehen wirst. Unsere Familiengeschichten und wie unsere Eltern und Großeltern erzogen wurden, in ihren Fehlern, aber auch ihren Errungenschaften, schreiben sich sehr in uns ein. Diese Übertragung der Erziehung, die Eltern an ihre Kinder weitergeben, sieht man sehr schön an Michel. Er will seine Tochter in den 1950ern sofort verheiraten, als sie schwanger ist, weil er fühlt, dass es da überhaupt keine andere Möglichkeit gibt. Denn so ist er aufgewachsen. Als er in der Zukunft sieht, dass es eine andere Möglichkeit gibt, verändert er sich. Und das nimmt er mit, als er wieder in die Vergangenheit reist. Er gibt seinen Kindern die Möglichkeit, ihr Leben anders zu gestalten, und verändert damit ihre Zukunft. Das ist für mich auch eine mögliche Aussage des Films: Wir können die Zukunft immer mitbestimmen.
Ist das etwas, das Sie beim Publikum erreichen wollten? Dass es diese Möglichkeiten erkennt?
Genau. Man kann die Zukunft durch Veränderungen in der Gegenwart beeinflussen. Das ist ganz wichtig. Ich spreche am Film am Rande auch über Rassismus und Homosexualität, wenn die Tochter eine Algerierin heiratet. Das sind alles Themen der Gegenwart. Aber ich verwende den Trick, all das auszudrücken über Figuren, die aus der Vergangenheit kommen. Das erleichtert es mir, über diese politischen und sozialkritischen Themen zu sprechen. In unserer Gesellschaft sollten das eigentlich keine Themen mehr sein. Zumindest wünsche ich mir eine Gesellschaft, in der das kein Thema mehr ist. Indem die Figuren aus der Vergangenheit kommen, sind sie ganz verwundert. Und ich zeige dem Publikum: Wenn du heute noch ein Problem damit hast, dann bist du veraltet. Dabei will ich aber auch niemanden bewerten, weder aus der Vergangenheit noch der jetzigen Epoche. Das fundamentale Thema des Films ist für mich die Liebe. Die Liebe zur Familie, zu den Nachbarn, zu den Kindern, zwischen Mann und Frau. Wenn man sich liebt, ist alles möglich. Dann ist es auch möglich, sich zu öffnen.
Letzte Frage: Was haben Sie für sich selbst gelernt, während Sie den Film gemacht haben?
Ich habe eine Menge gelernt. Ich bin auch an dem Film gewachsen, weil ich lernen musste, mich als Frau im Filmgeschäft durchzusetzen. Dabei spreche ich noch nicht einmal von der Beziehung zur Produktion und dem Marketing, sondern vor allem davon, als Regisseurin am Set zu sein. Da habe ich gemerkt, wie schwierig es ist, dich durchzusetzen, wenn um dich herum lauter Männer sind. Aber ich habe auch gelernt, dass wenn du viel Herzblut hineinsteckst, du dein Publikum berühren kannst.
Vielen Dank für das Interview!
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