
Als erste und einzige Frau wird Grete (Luna Wedler) 1908 an der Universität Marburg für ein naturwissenschaftliches Studium zugelassen. Obwohl sie dieselben Übungen und Seminare wie ihre Kommilitonen besucht, fällt es ihr schwer, Anschluss zu finden. Dazu kommen die Vorbehalte der anderen Studenten sowie der Professoren, die eine Frau in ihren Reihen als Fremdkörper betrachten. Grete lässt sich jedoch nicht entmutigen und entdeckt im Verlauf ihrer Forschungen immer deutlicher die Verbindungen zwischen pflanzlichem und menschlichem Leben.
Hannes (Enzo Brumm) ist 1972 ein Außenseiter an der Universität Marburg. Mit den revolutionären Posen seiner Mitstudierenden kann er wenig anfangen. Dennoch freundet er sich mit Gundula (Marlene Burow) an, die sich politisch engagiert und zugleich ein besonderes Interesse an Pflanzen zeigt. An einer Geranie versucht sie zu demonstrieren, dass auch Pflanzen Gefühle haben und miteinander kommunizieren können. Obwohl Hannes an ihrer These zweifelt, unterstützt er sie und findet so Zugang zu einer ihm bisher fremden Welt.
Im Jahr 2020 reist der Neurowissenschaftler Professor Chan (Tony Leung Chiu-wai) im Rahmen eines Fellowship-Programms von Hongkong nach Marburg. Kaum hat er seine ersten Vorlesungen gehalten, legt die Corona-Pandemie jedoch das soziale Leben und den Universitätsbetrieb lahm. Der Campus leert sich, und außer dem misstrauischen Hausmeister Anton (Sylvester Groth) begegnet Chan kaum jemandem. Als er online auf die Forschungen der französischen Biologin Alice Sauvage (Léa Seydoux) stößt, erkennt er die Möglichkeit, seine eigenen wissenschaftlichen Ansätze fortzuführen – und zugleich um einen entscheidenden Aspekt zu erweitern.
Mensch und Natur
Wer sich einmal auf die Filme der Ungarin Ildikó Enyedi eingelassen hat, weiß ihre poetisch-philosophischen Themen und Bilder zu schätzen. Obwohl ihre Geschichten und Figuren „aus der Zeit gefallen“ scheinen, sind die Themen von Filmen wie Körper und Seele, Die Geschichte meiner Frau oder Mein 20. Jahrhundert ungemein relevant. Einsamkeit, körperliche Nähe und Entfremdung finden sich dort ebenso wie Diskussionen über toxische Männlichkeit oder unsere Beziehung zu Technik und Fortschritt.
Ihr neues Werk Silent Friend folgt Enyedis Ansatz, eine andere, vielleicht ungewohnte Perspektive auf ein Thema zu suchen – in diesem Fall unsere Beziehung zur Natur und die Frage, warum sie erhaltenswert ist. Der Film, der auf den Filmfestspielen in Venedig mit dem FIPRESCI-Preis in der Kategorie „Bester Film“ ausgezeichnet wurde, zeigt, wie eine solche Beziehung aussehen kann, wenn man die Natur als Gegenüber betrachtet und nicht als etwas Fremdes.
Eine Emotion, oder vielmehr Erfahrung, die im Kern von Enyedis filmischem Schaffen steht, ist das Staunen. In einer Wirklichkeit, in der scheinbar alles erklärbar ist – und das mittels weniger Klicks –, ist das Staunen über ein Ereignis zu einer Seltenheit geworden. Enyedis Figuren leben in einer Realität, die alles mit Ratio, Ideologie oder Technologie erklären kann, erleben jedoch intime Momente des (Er)Staunens, die sie nachhaltig prägen. Ein Forscher gewinnt durch Technik einen Eindruck von größeren Zusammenhängen, während für einen jungen Mann die Pflege einer zarten Blume zum persönlichkeitsbildenden Moment wird. Eine junge Frau erkennt durch die Möglichkeit neuer Erfahrungen, dass es eine Welt fernab kleinbürgerlicher Vorbehalte gibt. Auch wenn die Figuren, ihre Zeit und ihre Konflikte dem Publikum zunächst fremd erscheinen, ermöglicht uns Enyedi, diese Momente des Staunens mitzuerleben. Gergely Pálos’ Kamera fängt das Transformativen dieser Augenblicke ein, ohne dabei überbordend zu werden – vielmehr überwiegen Glück und Dankbarkeit darüber, einen Blick auf einen bedeutsamen Moment eines Menschen werfen zu dürfen.
Fragile Systeme
Neben Poesie und philosophischem Ansatz machen die Figuren und ihre Konflikte den Bezug zu unserer Welt deutlich. Natürlich sind die Erfahrungen der Corona-Pandemie noch frisch, doch in Silent Friend wird die Begegnung eines Forschers mit der Natur zum Spiegel eines fragilen Systems. Enzo Brumms Figur, die mit Pflanzen zunächst nicht viel anfangen kann, erkennt ebenfalls größere Zusammenhänge – ebenso wie Luna Wedlers Grete, die im Wandel der Natur die Notwendigkeit zur Veränderung ihrer eigenen Welt sieht. Durch die Montage Károly Szalais ergeben sich Parallelen und Verbindungen, sodass die zeitlich wie räumlich getrennten Erzählebenen immer mehr ineinanderfließen. Enyedi zeigt dabei nicht nur narrative Verknüpfungen: Es geht um ein System, das schon sehr viel länger existiert als wir es uns vorstellen können.
Die Natur wird tatsächlich zu einem Gegenüber. Der prachtvolle Ginkgo-Baum auf dem Marburger Campus, der in allen drei Episoden eine zentrale Rolle spielt, fungiert als Bindeglied zwischen den Ebenen – und zugleich als Symbol für ein neues Verhältnis, das auf Koexistenz beruht. Der Baum selbst ist „aus der Zeit gefallen“, denn er überdauert und speichert Begegnungen – nicht unähnlich den Fotokameras, die Grete bei ihren Forschungen entdeckt.
OT: „Silent Friend“
Land: Deutschland, Frankreich, Ungarn
Jahr: 2025
Regie: Ildikó Enyedi
Drehbuch: Ildikó Enyedi
Musik: Gábor Keresztes, Kristóf Kelemen
Kamera: Gergely Pálos
Besetzung: Tony Leung Chiu-wai, Léa Seydoux, Luna Wedler, Enzo Brumm, Sylvester Groth, Martin Wuttke, Rainer Brock, Marlene Burow
Venedig 2025
Toronto International Film Festival 2025
Zurich Film Festival 2025
International Film Festival Rotterdam 2026
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