Sie glauben an Engel Herr Drowak
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Sie glauben an Engel, Herr Drowak?

Sie glauben an Engel Herr Drowak
„Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ // Deutschland-Start: 19. Februar 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Lena (Luna Wedler) studiert Puppenspiel und Germanistik. Damit ist sie die ideale Kandidatin, einen Kurs für kreatives Schreiben anzubieten. Den hat das „Amt für Ruhe und Ordnung“ vor allem deswegen eingeführt, um renitente Sozialfälle wieder zu vollwertigen Mitgliedern der Gesellschaft umzuformen. Angemeldet hat sich für Lenas Kurs allerdings nur Hugo Drowak (Karl Markovics), die anderen Problemkinder der Gesellschaft ziehen Tanz, Musik oder Malerei vor. Allerdings hat Herr Drowak, ein Menschenhasser und Alkoholiker monströsen Ausmaßes, nicht wirklich vor, seine Traumata in Kunst zu verwandeln. Mit deftigen Beleidigungen und hartnäckiger Verweigerung hofft er, die naive Optimistin, die da eines Tages in Begleitung von Sozialarbeiter Marlon Grohmann (Jan Bülow) vor seiner Tür steht, schnell wieder los zu werden. Aber da hat er sich in der Warmherzigkeit der hartnäckigen jungen Frau gründlich geirrt. Es ist, als wäre ein Engel mit dem Teufel in einen Boxring geklettert. Nicolas Steiners surrealistische Tragikomödie glänzt mit schwarzem Humor, skurrilen Einfällen und strahlender Menschenliebe.

Magischer Realismus

So ganz stimmt das mit den gut-böse-Stereotypen freilich nicht, selbst wenn der Film über weite Strecken in kontrastreichem Schwarz-Weiß-Format gedreht ist. Schon bei der ersten Begegnung erkennt Lena etwas in Drowak, was sie die titelgebende Verwunderung aussprechen lässt: „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“. Und auch der alte Mann, der trotz seines festen Wohnsitzes daherkommt wie ein Penner, blickt hinter Lenas fröhliche Fassade. Hat nicht jemand, der ohne Punkt und Komma daher plappert wie diese nervig gutgelaunte Studentin, vielleicht einfach nur Angst vor der Stille? Und überhaupt, in welcher Welt befinden wir uns denn mit diesen beiden Charakteren? In der uns vertrauten Wirklichkeit, wo Widersprüche und Zwischentöne dominieren? Oder in einem Märchen mit seinen Feen, Geisterwesen und Bösewichten?

Klare Antwort: in einer Mischung von beiden. Der magische Realismus des ersten Spielfilms von Nicolas Steiner ist von der ersten Sekunde mit Händen zu greifen: kafkaeske Gebäude, verzerrende Nahaufnahmen, aus den Fugen geratene Kamerawinkel. Es ist eine Welt des Deliriums, der absurden Bürokratie, aber auch der märchenhaften Verzauberung. Eine Welt wie in Barfly (1987) von Barbet Schroeder oder in Delicatessen (1991) von Jean-Pierre Jeunet. Den Hauptdarsteller des letzteren Werkes, Dominique Pinon, hat Nicolas Steiner übrigens für die Nebenrolle des Edgar gewinnen können, des einzigen Vertrauten von Herrn Drowak.

Das Grundgerüst des Filmplots legt eigentlich nur wenige Möglichkeiten nahe: entweder gesellschaftskritisches Sozialdrama mit düsterem Ausgang oder schnulzige Rettungsgeschichte mit Happy End à la Hollywood. Der Schweizer Nicolas Steiner entscheidet sich in seiner Verfilmung des ersten Drehbuchs der Schriftstellerin Bettina Gundermann für einen anderen, vieldeutigeren Weg. Seine dystopisch angehauchte, zugleich aber zeittypische Dramödie oszilliert zwischen Liebesgeschichte (aus der Erinnerung Drowaks, der irgendwann tatsächlich zu schreiben beginnt), Gesellschaftssatire (in Gestalt des von Lars Eidinger gespielten Behördenleiters) und Alkoholiker-Drama.

Besonders beeindruckend ist dabei das Duell zwischen der zukunftsgewandten, ins Offene strebenden Weltsicht Lenas und dem wuchtigen Nihilismus von Drowak. Die beiden schenken sich nichts, nähern sich vorsichtig an, nur um sich umso heftiger wieder wegzustoßen. Karl Markovics, der oft nur in Nebenrollen zu sehen ist, läuft als Drowak zu überlebensgroßer Form auf – ein begnadeter Säufer, der sich in die verletzte Seele schauen lässt. Und Luna Wedler hält mit einer sehenswerten Unbekümmertheit dagegen, die zugleich eigene Traumata spüren lässt, auch wenn sie nie offen angesprochen werden.

Brutalistische Bauten

Es wird überhaupt wenig ausbuchstabiert in diesem Film. Innere Zustände spiegeln sich deutungsoffen in Stadtlandschaften, brutalistischen Bauten, Wohnungseinrichtungen, Puppen, Tänzen oder poetisch verschneiten Grünflächen. Allein die kunstvolle Anordnung von Tausenden leerer Flaschen, die Drowak in seiner Messie-Wohnung zu einer Art durchdachter Möblierung gruppiert, lädt zum Sinnieren über den Tempel eines heiligen Säufers ein. Ständig überrascht Kameramann Markus Nestroy mit optischen Glanzlichtern und ergänzt damit die handlungsgetriebene Spannung durch eine visuelle.

Der Schweizer Regisseur Nicolas Steiner kombinierte schon mit seinem gefeierten Kurzspielfilm Ich bin’s, Helmut (2009) formalen Witz mit inhaltlicher Tiefe. Später legte er zwei Dokumentationen (Kampf der Königinnen, 2011; Above and Below, 2016) nach, die ebenfalls von ausgefeiltem Stilwillen lebten. Mit Sie glauben an Engel, Herr Drowak? entwickelt er seine Handschrift mit einem größeren Budget konsequent weiter. Wieder zeigt er, dass sich cineastische Qualität nicht nach oft erzählten Inhalten bemisst. Sondern nach den formalen Lösungen, die eine vermeintlich absehbare Geschichte erst zu einer einzigartigen, so noch nie gesehenen machen.

Credits

OT: „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“
Land: Deutschland, Schweiz
Jahr: 2025
Regie: Nicolas Steiner
Drehbuch: Bettina Gundermann
Musik: John Gürtler, Jan Miserre
Kamera: Markus Nestroy
Besetzung: Luna Wedler, Karl Markovics, Nikolai Gemel, Saga Sarkola, Lars Eidinger, Jan Bülow, Dominique Pinon, Bettina Stucky

Bilder

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fazit
„Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ handelt von einer lebensfrohen Studentin, die einen schweren Alkoholiker mit einem Training für kreatives Schreiben aus seiner Verzweiflung locken will. In den Hauptrollen liefern sich Luna Wedler und Karl Markovics ein hingebungsvolles Duell. Regisseur Nicolas Steiner und sein Kameramann Markus Nestroy übersetzen seelische Zustände in wuchtige Schwarz-Weiß-Bilder voller surrealer Einfälle.
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