Scham
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Scham

„Scham“ // Deutschland-Start: 29. Januar 2026 (Kino)

Inhalt / Kritik

Der 28-jährige Aaron (Til Schindler) kehrt nach vier Jahren Funkstille erstmals wieder zu seiner Mutter Susanne (Heike Hanold-Lynch) in sein Elternhaus in einem bayerischen Dorf zurück. Aaron lebt inzwischen als Künstler in Berlin und sucht das Gespräch, um die verdrängten Konflikte aus seiner Kindheit aufzuarbeiten. Um diese Gespräche festzuhalten, zeichnet er sie mit Handys auf. Mutter und Sohn filmen sich dabei gegenseitig. In den entstehenden Dialogen kommen lange verschwiegene Vorwürfe und Erfahrungen zur Sprache, von denen die jeweils andere Seite bislang nichts wusste. Aarons Anschuldigungen gegen seine Mutter stoßen jedoch zunächst ins Leere. Stattdessen konfrontiert Susanne ihren Sohn mit dessen eigenem Fehlverhalten. Beide bemühen sich, einander zu verstehen, doch die Gräben zwischen ihnen erweisen sich als tief und kaum zu überbrücken. Und im Verlauf der Gespräche werden immer weitere Verletzungen offengelegt. Sowohl Mutter als auch Sohn berichten von sexuellen Missbrauchserfahrungen. Aaron spricht über seine Homosexualität, eine erste große Liebe, die ihn zurückwies und bloßstellte, sowie über pädophile Neigungen, die er nach eigener Aussage nicht auslebt.

Radikal und ehrlich

Mit Scham legt Lukas Röder sein Spielfilmdebüt vor und schließt zugleich sein Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film München ab. Der Film feierte seine Premiere beim Film Festival Max Ophüls Preis 2025 und kommt nun in die reguläre Kinoauswertung. Die Ökumenische Jury zeichnete ihn vor einem Jahr in Saarbrücken mit ihrem Preis aus und nannte ihn in ihrer Begründung eine „Zumutung“ – eine Einschätzung, die den Film treffend beschreibt. Denn Scham macht es einem nicht leicht. Thematisch wie formal setzt er beim Publikum eine hohe Bereitschaft mitzugehen voraus. Die Gespräche zwischen Mutter und Sohn sind von einer Radikalität der Ehrlichkeit, die schmerzt. Beide Figuren schonen einander nicht, und beide Positionen sind auf ihre Weise nachvollziehbar. Aarons Vorwurf, seine Mutter habe ihn angeschrien und körperlich misshandelt, ist verständlich. Gleichzeitig relativiert Susannes Gegenangriff – sie habe ihretwegen vieles aufgegeben, er sei grausam und undankbar gewesen – die klare Rollenverteilung von Täterin und Opfer. Sympathiepunkte verteilt der Film bewusst keine.

Auch formal geht Röder einen konsequenten Weg. Die Entscheidung, die Dialoge über Handykameras zu erzählen, bestimmt die gesamte Bildgestaltung. Mutter und Sohn erscheinen fast durchgehend im Split-Screen, einander frontal ausgeliefert, selbst in Momenten des Schweigens. Diese Nähe ist ebenso intensiv wie unangenehm und verlangt den Darstellern höchste Präzision ab. Til Schindler spielt Aaron als verletzlichen jungen Mann, der um seine eigenen Defizite weiß, deren Ursache jedoch ausschließlich bei seiner Mutter verortet. Sein Spiel lebt von feinen Verschiebungen, von leiser Verzweiflung und unterdrückter Aggression. Heike Hanold-Lynch gestaltet Susanne deutlich körperlicher, ihre Emotionen sind offen im Gesicht ablesbar, egal ob sie Vorwürfe aushält oder selbst attackiert. Beide wurden zu Recht im Januar 2026 mit dem Bayerischen Filmpreis in der Kategorie Entdeckung ausgezeichnet.

Ein starkes Debüt

Am Ende stellt sich dennoch die Frage, ob die Handy-Ästhetik tatsächlich notwendig ist. Die Metapher zweier Menschen, die nur vermittelt über ein Gerät miteinander sprechen können, ist klar, vielleicht zu klar. Der Film riskiert, seine inhaltliche Wucht durch formale Setzung zu überlagern. Die Dialoge und das Drehbuch tragen die Geschichte bereits mit großer Kraft. Ein weniger artifizieller Stil hätte ihnen möglicherweise mehr Raum gegeben. Trotzdem ist Scham ein starkes, mutiges Debüt. Ein Film, der weh tut, weil er keine einfachen Antworten anbietet und niemanden entlastet. Lukas Röder erweist sich damit als eigenständige Stimme im deutschen Kino – und als Filmemacher, von dem man noch hören wird.

Credits

OT: „Scham“
Land: Deutschland
Jahr: 2025
Regie: Lukas Röder
Buch: Lukas Röder
Musik: Heavensgate
Kamera: Louis Dickhaut
Besetzung: Heike Hanold-Lynch, Til Schindler

Bilder

Trailer

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Scham
fazit
„Scham“ ist ein radikaler, fordernder Film, der seine schmerzhafte Mutter-Sohn-Auseinandersetzung konsequent in eine kühle Handy-Ästhetik übersetzt. Die formale Strenge verstärkt die emotionale Nähe, droht stellenweise aber zu überzeichnen. Dennoch überzeugt Lukas Röders Debüt durch kompromisslose Ehrlichkeit und starke Darsteller.
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