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Ildikó Enyedi [Interview 2026]

Silent Friend ist ein Film, der sich der Gegenwart nicht durch Dringlichkeit nähert, sondern durch Aufmerksamkeit. In drei zeitlich voneinander getrennten Episoden entfaltet Ildikó Enyedi ein Kino der Wahrnehmung, in dem das Sehen, das Lauschen und das Verweilen wichtiger werden als Handlung oder Erklärung. Ein Ginkgobaum, über Jahrzehnte hinweg unbewegter Beobachter menschlicher Versuche, die Welt zu begreifen, verbindet diese Geschichten und verweist auf eine Zeitlichkeit, die der menschlichen Erfahrung ebenso fremd wie tröstlich erscheint. Enyedi interessiert sich dabei weniger für die Frage, was Natur „ist“, als dafür, wie wir uns zu ihr in Beziehung setzen – und was diese Beziehung über uns selbst verrät.

Diese Haltung ist kein Bruch, sondern eine konsequente Fortführung ihres filmischen Denkens. Seit Mein 20. Jahrhundert kreist Enyedis Werk um die Bedingungen von Menschlichkeit in einer sich verändernden Welt; in Körper und Seele fand dieses Interesse eine besonders intime Form, indem Nähe und Verbundenheit jenseits von Sprache und Rationalität erfahrbar wurden. Silent Friend erweitert diese Suche nun ins Nicht-Menschliche und macht sichtbar, wie Fragen nach Zeit, Einsamkeit und Empathie heute neu verhandelt werden müssen. Im folgenden Gespräch spricht Enyedi über diese Zusammenhänge, über Langsamkeit als ästhetische Entscheidung und darüber, warum Kino für sie ein Raum bleibt, in dem Denken und Fühlen einander begegnen können.

Anlässlich des Kinostarts von Silent Friend am 15. Januar 2026 spricht Ildikó Enyedi über die Erzählweise des Film, ihre Kollaboration mit Tony Leung und die unterschiedlichen Reaktionen auf ihre Filme.

Silent Friend besteht aus drei Geschichten, die durch Raum und Zeit, aber auch einen Ginkgobaum miteinander verbunden sind. Wie kamst du auf diese Erzählweise und diese Pflanzen-Perspektive, wenn man sie so nennen kann?

Eigentlich bestimmt eine menschliche Perspektive Silent Friend. Aber ich dachte mir, dass es vielleicht interessant sein könnte, andere Sichtweisen, Herangehensweisen und Welten in den drei Geschichten zu erkunden. So kam ich auf die Perspektive des Ginkgobaums, der in allen drei Episoden eine zentrale Rolle einnimmt. Doch darüber hinaus gibt es auch die Perspektive von Babys, mit denen wir Erwachsenen ebenfalls nicht verbal kommunizieren können – zumindest nicht so, wie wir es gewohnt sind. Es gab viele abstruse Konzepte darüber, wie Babys die Welt wahrnehmen, beispielsweise dazu, wie sie Schmerzen empfinden. Diese verschiedenen Perspektiven finde ich ungemein wichtig. Sie stehen neben der menschlichen Wahrnehmung der Welt und sind ebenso vielschichtig. Das war der Ansatz, der mich zu Silent Friend inspirierte.

In Silent Friend, aber auch in Körper und Seele oder Mein 20. Jahrhundert beschreibst du sehr poetisch zeitliche, räumliche oder emotionale Verbindungen. Wie definierst du diese Ideen im Film?

Unsere Kultur macht uns sehr einsam. Gerade deswegen besteht ein so dringendes Verlangen in uns nach Verbindung. Dem gegenüber steht unser Bedürfnis, unsere Umwelt, unsere Mitmenschen und unser Leben kontrollieren zu wollen, was unsere Einsamkeit noch verstärkt und uns neurotisch macht. Die Verbindung zur Natur oder genauer gesagt zu dem Ginkgobaum steht stellvertretend für diese Sehnsucht. Wenn wir gut mit der Natur umgehen, gehen wir ebenso sensibel mit uns selbst um. Diese Idee versuche ich in Silent Friend dem Zuschauer vorzuschlagen.

Die Episode, die im Jahr 2020 spielt, greift natürlich das Thema der Pandemie auf. Silent Friend behandelt jedoch weniger die gesellschaftlichen oder politischen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus, sondern erzählt von Einsamkeit und Kommunikation. Was war dir wichtig, wenn du ein solches globales Ereignis thematisierst, das jeder im Publikum noch sehr lebhaft in Erinnerung hat?

Die Pandemie war ohne Frage ein schreckliches Ereignis. Sie hat viele Leben gekostet und tiefe Wunden bei sehr vielen Menschen hinterlassen. Andererseits stellt dieses Ereignis einen Einschnitt dar. Wir hatten die Gelegenheit, unsere Position in der Welt und unser Leben neu zu denken. Leider scheint es, als hätten viele Menschen diese Gedanken inzwischen wieder vergessen und lebten so weiter wie vor der Pandemie. Dabei zeigte uns die Natur zu dieser Zeit, dass es auch anders gehen kann. Es gibt wissenschaftliche Studien darüber, wie schnell sich die Natur – die Wälder und die Ozeane – erholte, als auf einmal viele Autos in den Garagen und Schiffe in den Häfen blieben.

Die Rolle des Wissenschaftlers Tony hast du geschrieben und dabei an Tony Leung gedacht. Wie hat er darauf reagiert, als er davon hörte, und wie hast du mit ihm zusammen diese Figur erarbeitet, die zwischen Emotion und Rationalität changiert?

Silent Friend ist Tonys erster europäischer Film. Sowohl Wong Kar-wai als auch William Chang, Kar-wais Cutter und Produktionsdesigner, mochten Körper und Seele sehr. Als Tony ihnen das Drehbuch zu Silent Friend zeigte, sagten sie ihm, er solle sofort zusagen. Das war ein großer Glücksfall für mich, und ich bin den beiden sehr dankbar. Als Tony und ich dann das erste Mal über Zoom miteinander gesprochen haben, bemerkten wir schnell, dass wir gut miteinander arbeiten können. Ich glaube, Tony hat das zuerst bemerkt und auch erwähnt. Dieses und die anderen Gespräche mit ihm drehten sich vor allem um den Hintergrund seiner Rolle als Neurologe. Ich schickte ihm viele Bücher und TED-Talks als Teil seiner Vorbereitung auf die Drehtage. Tony und ich sprachen so gut wie gar nicht über das Thema Schauspiel. Hierzu wollte ich ihm auch eigentlich keine Vorgaben machen, denn das kann er ohne meine Hilfe. So arbeite ich immer mit Schauspielern. Die Arbeit mit ihnen ist eine wahre Freude, weil sie mir so viel von ihrem Talent schenken und mich überraschen. Vielleicht brauche ich deswegen auch nur wenige Takes für eine Szene.

Deine Filme zeichnen sich durch ihre bewusste Langsamkeit und Stille aus. Wie kommt dieser Ansatz beim Publikum an? Bemerkst du, dass beispielsweise junge Menschen einen anderen Zugang zu deinen Filmen haben?

Junge Menschen konsumieren sehr viele Videos und Inhalte, die sehr schnell zusammengeschnitten sind. Andererseits sind sie bereit und offen für analoge Erlebnisse oder Meditation. Slow Cinema ist besonders bei jungen Menschen sehr beliebt. Menschen in ihren Zwanzigern, die gerade studieren, sehen sich einerseits den nächsten Blockbuster im Kino an, sind aber ebenso offen für andere Erfahrungen. Programmkinos oder Kinos, die ihnen eine besondere Erfahrung bieten, die sie sonst nirgends oder nur sehr selten haben, sind bei jungen Menschen nicht minder populär. Mein Sohn lebt in Köln, und er macht gerade ähnliche Erfahrungen bei seinen Mitstudenten. Genauso wie das Theater nicht gestorben ist, als der Film Einzug in unser Leben hielt, sind auch die Kinos wegen der Streamingdienste oder des Fernsehens nicht verschwunden. Mich wundert es auch nicht, dass viele junge Menschen auf eBay nach alten Kassetten oder LPs suchen, weil sie den Klang und das Gefühl, sie in den Händen zu halten, sehr mögen.

Was möchtest du, dass dein Publikum aus Silent Friend mitnimmt?

Mir liegt es fern, mein Publikum erziehen oder belehren zu wollen. Es geht mir nicht darum, jemanden dafür zu tadeln, wie er oder sie mit der Natur oder der Erde im Allgemeinen umgeht. Silent Friend gibt dem Betrachter einen geschützten Raum, der es ihm erlaubt, die Welt und die Natur ungestört und vielleicht auf eine neue Weise wahrzunehmen. Humor ist sehr wichtig in Silent Friend. Ob sich ein Publikum auf den Film einlässt, merke ich immer daran, wie es auf den Humor im Film reagiert.

Vielen Dank für das tolle Gespräch.



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