Smalltown Girl
Szenenbild aus Hille Nordens "Smalltown Girl" (© Neue Visionen Filmverleih)

Hille Norden [Interview]

© Frank Wassermann

Smalltown Girl erzählt die Geschichte von der freigeistigen Schneiderin Nore (Dana Herfurth) und Jonna (Luna Jordan), die sich in einer Kneipe begegnen und anschließend zusammenziehen. Jonna ist fasziniert von dieser Frau, die sich einfach nimmt, was sie will, trinkt, feiert und auch bei Männern nicht zurückhaltend ist, solange sie anschließend auch wieder gehen. Doch je mehr Zeit die beiden Frauen miteinander verbringen, umso mehr stellt sich heraus, dass Nore etwas mit sich herumschleppt, worüber sie nicht spricht. Anlässlich des Kinostarts am 15. Januar 2026 unterhalten wir uns mit der Regisseurin und Autorin Hille Norden über sexuelle Gewalt, Voyeurismus und heilsame Gespräche.

Könnten Sie uns etwas über die Entstehungsgeschichte von Smalltown Girl verraten?

Ich habe einige Dokumentarfilme gemacht und wollte davon weg. Ich mochte zwar diesen Deep Dive in menschliche Seelen, habe mich aber immer moralisch unwohl gefühlt, dabei eine Kamera laufen zu lassen. Also wollte ich lieber etwas schreiben. Ich hatte sogar ganz viele Ideen. Damals hatte ich aber immer noch so sehr mit den traurigen Erfahrungen in meinem Leben zu kämpfen, dass ich darüber nachdachte, zur Therapie zu gehen. Ich fand es jedoch irgendwie unfair, über mein Leben zu reden, obwohl mein Leben gerade anfangen sollte. Also habe ich mich für einen Kompromiss entschieden. Wenn ich sowieso so sehr über diese Themen nachdenke, dann mache ich wenigstens etwas Produktives daraus.

Wie genau sahen diese Gedanken denn aus?

Mein Film setzt sich mit sexueller Gewalt im sozialen Umfeld auseinander, wenn man also eine Bindung oder ein Vertrauensverhältnis zu dem Täter hat. Der Übergriff ist also eingebettet in eine Interaktion, die nett war, zumindest aber okay. Dann passiert der Übergriff. Die Personen lösen sich danach aber nicht in Luft auf. Der Tag geht weiter. Darin liegt auch die Tücke: Irgendwie scheint das normal zu sein. Woher soll man wissen, dass das eben Gewalt war, vor allem als junger Mensch? Und wenn du es weißt, erlebst du eine doppelte Einsamkeit. Du hast die Einsamkeit in dem Moment des Übergriffs, wenn du auf eine Barmherzigkeit angewiesen bist und sie nicht erhältst. Die zweite Einsamkeit entsteht dadurch, dass du ein Geheimnis hast und dieses nicht mit anderen teilen kannst. Dadurch entstehen eine Distanz und das Gefühl, von anderen nicht verstanden zu werden. Diese Scham und die Angst in dir, das ist wie das vergessene Sockenpaar des Täters oder Spermaflecken im Bett. Das sind Dinge, die dir nicht gehören. Und ich hatte beschlossen, dass ich sie nicht mehr besitzen möchte. Ich möchte mich nicht schämen müssen, denn da ist nichts Schamhaftes daran, sexuelle Gewalt erfahren zu haben. Und mit meinem Film wollte ich anderen zeigen, wie sich das anfühlt, missbraucht worden zu sein.

Wobei das Thema sexuelle Gewalt schon auch in Filmen immer mal wieder aufkommt.

Das stimmt. Mich regt als Betroffene aber oft auf, wie andere mit dem Thema sexueller Gewalt umgehen. Das wird oft in Filmen zur Notfalllösung, um das Verhalten von Figuren zu erklären oder sie zu charakterisieren. Ein Beispiel ist Die Fotografin. Das ist ein Superfilm – bis zu dem Moment, als sie erzählt, wie sie als Kind missbraucht wurde. Da wird die Protagonistin auf diese Erfahrung reduziert, um zu erklären, dass sie Kriegsfotos macht, aber nicht darüber reden kann. Das ist so eine Beleidigung, weil Traumafolgen als Naturgesetz akzeptiert werden. Die Scham wird als etwas ganz Natürliches beschrieben. Ich will auch keine Filme über Frauen mit zerzausten Haaren sehen, die dann für Gerechtigkeit kämpfen. Mir ging es nicht um Rache oder Schuld. Mir ging es darum: Wie mache ich jetzt weiter? Wie kann ich wieder Liebe finden und diese auch annehmen?

Das sind alles sehr intime Gedanken und Gefühle, die Sie mit anderen teilen. Wie verhindert man bei einem solchen Thema, dass es voyeuristisch wird?

Darüber habe ich eine Zeit lang viel nachgedacht. Sexuelle Gewalt und Missbrauch gerade an jungen Mädchen wird oft voyeuristisch dargestellt. Für mich war es als Betroffene wichtig, dass wir über das Unvorstellbare sprechen. Denn wir müssen wissen, was genau da geschieht mit den Menschen, um das Trauma verstehen zu können. Nur dann ist eine Heilung möglich. Es macht zum Beispiel einen Unterschied, ob du im Park vergewaltigt wirst, von einem Priester, deinem Vater oder deinem Freund. Das ist jeweils eine ganz andere Form der Traumatisierung. Wir sollten es auch nicht unvorstellbar nennen: Viele von uns haben das erlebt und es ist sehr einfach, sich das vorzustellen. Wir kennen Gewalt, wir wissen, wie das funktioniert. Deswegen muss man sie auch nicht unbedingt sehen. Ich habe mich daher entschieden, die Szene mit der Saftflasche nicht zu zeigen. Das Publikum soll wissen, wie das geschehen konnte und wie die Dynamik in dieser Situation war. Ich wollte all das durcherzählen, vom Anfang über den Übergriff bis zu der Phase, wenn da jemand ist, der dich tröstet, und wie schön das ist.

Bei dem Thema wird gern auch über die Frage gesprochen, ob man eine solche Erfahrung hinter sich lassen kann. Sollte man das überhaupt? Besteht da nicht die Gefahr, dass es dann keinen Unterschied macht, ob es passiert?

Tatsächlich ist das sogar der große Wunsch: Dass es keinen Unterschied mehr macht und wir unser Leben ganz normal führen können. Am Anfang meiner Partnerschaft habe ich ganz viel darüber geredet. Inzwischen rede ich privat fast gar nicht mehr darüber, was sehr befreiend ist. Wichtig ist dabei, zwischen Spuren und Wunden unterscheiden zu können. Manche Menschen versuchen, dich zu trösten, indem sie dir sagen, dass diese Erfahrung dich zu dem gemacht hast, der du bist. Das sollte man aber zu Betroffenen nicht sagen. Denn ich will ja nicht zu dem Typen gehen, seinen Penis streicheln und mich dafür bedanken, vergewaltigt worden zu sein. Ich sperre mich gegen den Gedanken, dass aus etwas Schlechtem etwas Gutes wird. Gleichzeitig ist es wichtig, aus diesem traumatisierten Denken wieder herauszukommen. Denn nur dann kannst du wieder eine zwischenmenschliche Bindung eingehen, die unbelastet ist. Du musst ja erst lernen, wieder zu vertrauen und zu lieben. Liebe ist etwas, woran du glauben können musst, um sie zuzulassen. Sexuelle Gewalt ist etwas, das du überwinden kannst. Ich habe es ganz oft bei den Vorstellungen des Films, dass junge Frauen danach weinend zu mir kommen und mich fragen, ob es mir besser geht. Und ja, es geht mir sehr gut. Danach fragen sie mich oft, ob es ihnen selbst auch besser gehen wird. Ich kann ihnen dann aufrichtig antworten: Ja, es wird dir besser gehen. Denn wenn du hier vor mir stehst und so mutig bist darüber zu sprechen, dann hast du den ersten Schritt getan.

Vielen Dank für das Interview!



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