
Nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 ist die junge Nahid mit ihrer Familie aus Afghanistan geflohen. Über die Balkanroute sind sie in Bosnien Herzegowina gelandet, wo es kein Weiterkommen gibt. Denn an der Grenze zum EU-Staat Kroatien werden die Geflüchteten zurückgedrängt. Viele von ihnen hausen in einer provisorischen Zeltstadt. Hier im Grenzgebiet lernt die 15-Jährige die 67 Jahre alte Witwe Ferida kennen, die ihren Mann Jahrzehnte zuvor während des Jugoslawienkriegs verloren hat. Nahid und Ferida erkennen in ihren Schicksalen Parallelen.
Historischer Widerhall
Nahid ist zu jung, um sich an den 11. September 2001 zu erinnern. Als die von Terroristen gekaperten Flugzeuge in die Türme des World Trade Centers krachten, war sie noch nicht geboren. Sie kennt den Anschlag und dessen weltweiten Widerhall also nur aus zweiter Hand. Und doch zieht die 15-jährige Afghanin, die nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 mit ihrer Familie aus ihrem Heimatland floh, einen Vergleich. Die Fernsehbilder vom Abzug der US-Truppen aus Afghanistan, auf denen Menschen zu sehen sind, die sich auf dem Flughafen von Kabul verzweifelt an startende Maschinen klammern und vom Himmel fallen, würden sie an die Erzählungen erinnern, die sie über den 11. September gehört habe, sagt sie. Dass sich Geschichte zwar nicht wiederholt, aber reimt, das erkennt Nahid bereits mit gerade einmal 15 Jahren. Um diese historischen Echos geht es in Lara Milena Broses Dokumentarfilm.
Echoes from Borderland ist Broses Langfilmdebüt und wurde beim Filmfestival Max Ophüls Preis als „Bester Dokumentarfilm“ ausgezeichnet. Dass die Jury sich für diesen Film entschieden hat, ist nachvollziehbar, immerhin bringt er ein dringliches Thema handwerklich hochwertig und erzählerisch einfühlsam auf die große Leinwand. Die inhaltlichen Entscheidungen bergen aber auch manche Schwäche.
Gedanken im Grenzgebiet
Die Regisseurin hat sich dazu entschlossen, die 15-jährige Nahid ins Zentrum ihres Films zu stellen. Und dieses eloquente und reflektierende Mädchen an der Schwelle zum Erwachsenwerden ist ein starker Anker, der den Film daran hindert, seine Richtung zu verlieren. Auch die Idee, Nahids Schicksal im Schicksal der 67-jährigen bosnischen Witwe Ferida zu spiegeln, ist ein guter und gekonnt umgesetzter Einfall. Die Konzentration auf die junge Protagonistin und ihre Perspektive versperrt dem Film aber auch die Möglichkeit, noch öfter an Orte zu gelangen, an denen Nahid nicht ist. Denn diese Seitenwege und -blicke geht und wirft Echoes from Borderland nur gelegentlich.
So wie Nahid die Terroranschläge vom 11. September 2001 nur aus zweiter Hand kennt, vermittelt auch Lara Milena Broses Dokumentarfilm vieles nur indirekt. Von den nächtlichen Versuchen, illegal die Grenze nach Kroatien zu überqueren, erfährt das Kinopublikum nur über die Gespräche, die Nahid mit den ausgelaugten Männern nach einem weiteren gescheiterten Versuch führt. Der Schrecken der Kriege auf dem Balkan hallt lediglich in den Erinnerungen Feridas wider. Und Nachrichten aus Afghanistan gibt es nur übers Handy. Wodurch Echoes from Borderland letztlich mehr an eine dokumentarische Mauerschau als an einen Dokumentarfilm erinnert. Gelungen, bisweilen poetisch und in seinen besten Momenten mitreißend ist das aber allemal.
OT: „Echoes from Borderland“
Land: Deutschland
Jahr: 2024
Regie: Lara Milena Brose
Drehbuch: Lara Milena Brose
Musik: Ludovico Failla
Kamera: Natalia Mamaj, Lilli Rose Pongratz
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