Die progressiven Nostalgiker erzählt die Geschichte von Michel (Didier Bourdon) und Hélène Dupuis (Elsa Zylberstein), die ein ganz gewöhnliches Leben in den 1950ern führen, bis ein Kurzschluss bei ihrer neuen Waschmaschine sie in die Gegenwart versetzt. Das bedeutet für die beiden eine große Umstellung, da sie sich in der veränderten Welt zunächst nicht zurechtfinden und vieles erst noch lernen müssen. Wir haben uns anlässlich des Kinostarts am 22. Januar 2026 mit Hauptdarsteller Didier Bourdon unterhalten. Im Interview spricht er über Veränderungen, gesellschaftliche Prägungen und filmische Appelle.
Was hat Sie an dem Film gereizt? Warum haben Sie Die progressiven Nostalgiker gedreht?
Ich fand das Drehbuch sehr gut. Die Geschichte ist sehr originell, wenn die Zeitreise genutzt wird, um über die Gesellschaft von heute zu sprechen. Das erlaubte uns, in einer gewissen Distanz ganz lustige Szenen zu spielen.
Wir lernen Michel in zwei verschiedenen Zeiten kennen, zuerst in den 1950ern, später in der Gegenwart, und er macht dabei eine Entwicklung durch. Wie sehr ist er das Produkt seiner Zeit?
Die wichtigste Entwicklung ist die zu seiner Frau und seiner Tochter. Man sieht dabei, dass er all diese Möglichkeiten schon in sich hatte. Durch die Normen, die es in den 1950ern für Väter gab, hat er Schwierigkeiten, das auszudrücken. Es war daher schön, ihn in eine Situation zu bringen, wo er sich endlich öffnen und sein Herz darlegen darf.
Nur weil ein Mensch aus einer bestimmten Zeit kommt, heißt das aber nicht, dass er einen bestimmten Charakter hat. Es gibt zum Beispiel immer welche, die etwas verändern und verbessern wollen, während andere alles beibehalten oder rückgängig machen wollen. Woher kommt das Ihrer Meinung nach?
Das kann man so natürlich nicht verallgemeinern. Es ist auch oft so, dass Leute, die besonders progressiv sein wollen, dann doch langsamer werden in ihrem Vorwärtsstreben. Gleichzeitig gibt es Leute, die von sich nicht behaupten, progressiv zu sein, dabei aber offener sind, als man gedacht hat. Meine Mutter hätte ich beispielsweise nicht als besonders offen oder progressiv eingeschätzt. Aber wenn ich höre, wie sie mit meiner Tochter am Telefon spricht, dann sind die beiden wirklich up-to-date. Sie liebt es, über das heute und die Entwicklungen in der Gesellschaft zu sprechen. Deswegen bin ich sehr vorsichtig, wenn es darum geht, Leute in eine Schublade zu stecken. Ich denke an den Film Der alte Mann und das Kind von Claude Berri, wo Michel Simon einen Anti-Semiten spielt, man mit der Zeit aber merkt, dass er gar nicht so ist und ihm das nur übergestülpt wurde. Das ist nur eine Fassade.
Sind Sie selbst jemand, der viel über die Vergangenheit nachdenkt?
Ich bin inzwischen 67 und denke schon auch über die Vergangenheit nach. Insgesamt bin ich aber jemand, der gern in der Gegenwart lebt und diese zu schätzen weiß.
Es ist auch nicht so, dass jede Veränderung etwas Positives ist. Man sieht das auch in dem Film, wo manches zumindest fragwürdig ist. Gibt es eine Veränderung, wo Sie sagen würden, dass Sie das so nicht gebaucht hätten?
Da kann man natürlich die Technologie nennen. Da gibt es ganz vieles, das wunderbar ist. Anderes finde ich hingegen bedenklich. Technologie führt beispielsweise dazu, dass wir uns zu oft auf uns selbst beziehen und selbstreferenziell sind, uns einigeln. Eine weitere bedenkliche Veränderung: Letztes Jahr war in Frankreich das erste Mal, in dem es mehr Todesfälle als Geburten gab. Das kann man auf verschiedene Weisen interpretieren. Eine Interpretation ist die Angst vor der Zukunft. Ein anderes Beispiel ist die Tragödie in der Schweiz, als der Großbrand ausgebrochen ist und die Menschen das einfach gefilmt haben. Die hatten keine Angst vor der eigentlichen Tragödie. Wir leben da mittlerweile in Parallelwelten.
Kommen wir auf Michel zurück. Wir haben von seinen Veränderungen gesprochen. Aber was ist gleich geblieben? Wer ist er als Mensch?
Auf jeden Fall ist er ein schwacher Mann. Das war er in den 1950ern und das ist er jetzt. Daheim hat er in den 50ern zwar diese Patriarchen-Rolle inne, bei der Arbeit ist er dafür sehr unterwürfig. Er hat ganz viele Fehler, die im Drehbuch auch schon so beschrieben wurden. Ich fand es auch ganz interessant, sie so zu spielen. Aber ich glaube, dass er tief im Inneren ein guter Mensch ist.
Der Film ist schon auch ein Appell dafür, offen zu sein. Glauben Sie, dass solche Appelle beim Publikum wirken?
Auf jeden Fall! Das ist auch unsere Arbeit. Ich würde sogar sagen, dass das die Stärke von uns Komikern ist: die Leute über ein Lachen dazu zu bringen, sich zu öffnen und über gesellschaftliche Strukturen nachzudenken. In Der Name der Rose wird genau das thematisiert.
Michel lernt bei seiner Wandlung einiges über sich und das Leben. Haben Sie selbst etwas für sich gelernt durch den Film?
Ich glaube, man lernt jeden Tag und mit jedem Film dazu. Was ich mich hier aber gefragt habe: Was werden die Leute in 70 Jahren über uns denken? Sofern es die Welt dann noch gibt.
Wie war es für Sie, in dem Film 70 Jahre in die Vergangenheit zu reisen?
Ich habe mich ein bisschen an meinem Vater orientiert und habe mich an ihn erinnert. Mein Vater war auch ein wenig autoritär, wofür ich ihm heute aber dankbar bin, da ich denke, dass ein bisschen Disziplin hin und wieder hilfreich sein kann. Ich habe mir auch Filme aus der Zeit angeschaut, um mich vorzubereiten. Die Gestik ist ganz wichtig, weil die damals noch anders war. Ein Beispiel ist, wie ich die Zeitung ganz bestimmt aufschlage. Oder auch, dass ich nicht sage „heute ist es aber ganz schön kalt“, wie man das heute machen würde. Ich sage nur „kalt“, also ganz direkt und schneidend. Ich denke, dass Leute, die so auf Zack sind, nur eine bestimmte Schwäche verstecken.
Letzte Frage: Wenn es wirklich eine Zeitmaschine gäbe, welche Zeit würden Sie gern erleben?
Ich glaube, dass hier neben dem „wann“ auch das „wo“ sehr wichtig ist. Persönlich würde ich Sokrates gern mal kennenlernen.
Vielen Dank für das Interview!
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